Bericht

Sensibel wahrnehmen, was mit den Menschen an unserer Seite geschieht
Kirchenpräsident Jung ist ein Jahr im Amt
Das komplette Interview zum Hören:
(Quelle: Privatfunkagentur der EKHN)
„Wir dürfen nicht aufhören, von einem gelingenden Leben zu träumen, gerade um dann auch das Machbare auf den Weg zu bringen,“ sagte Dr. Volker Jung, Kirchenpräsident der EKHN, in einem Interview mit Andreas Fauth, das am 15. Februar 2010 auf FFH gesendet wurde.
Am 15. Februar ist Jung genau ein Jahr in seinem Amt. Dabei betonte er, dass der Leitsatz, den er am Tag seiner Amtseinführung aussprach, noch immer gilt: „Wir schauen mehr auf das, was uns nicht gelingt, dabei übersehen wir, wie viel eigentlich wächst.“ Dabei betonte er, dass er auch nach dem ersten Amtsjahr den Eindruck habe, dass in unserer Kirche ganz viel Gutes geschehe. Und so ermutigte er dazu, auf das zu schauen, was gut gelinge, wo gute Arbeit geleistet werde.
Wie lässt sich mit dieser positive Sichtweise auch offensichtlich problematischen gesellschaftlichen und persönlichen Entwicklungen begegnen? Andreas Fauth, dem Leiter der Privatfunkagentur in der EKHN, führte zunächst Ergebnisse der UNICEF-Kinderstudie an, die Mitte Januar veröffentlich wurde. Danach sehen die Jungendlichen in keinem anderen untersuchten Industrieland ihrer Zukunft so pessimistisch entgegen, wie in Deutschland. Ein Viertel der Befragten erwarte, dass sie später eine gering bezahlte Arbeit ausüben werden.
Warum glauben Sie, sind die junge Leute so wenig zuversichtlich?
Dr. Volker Jung: Sie bekommen natürlich die gesamtgesellschaftliche Situation mit und sie spüren auch, dass diejenigen, die es nicht schaffen eine Schulausbildung abzuschließen, in unserer Gesellschaft zu denen gehören, die es außerordentlich schwer haben werden. Ich habe auch in diesem Jahr darauf hingewiesen, dass es ein großer Skandal ist, dass rund 60 bis 70.000 Kinder pro Jahr die Schule ohne Abschluss verlassen. Das ist eine große Aufgabe. Und dann braucht man sich nicht zu wundern, wenn eine solche Perspektive bei Kindern und jungen Leuten Platz greift.
Was kann evangelische Kirche machen, um zu stärken, zu fördern und zu helfen?
Dr. Volker Jung: Wir haben als evangelische Kirche Arbeitslosenprojekte, die vor allen Dingen auf Jugendliche ausgerichtet sind. Zugleich haben wir einen Arbeitslosenfonds mit dem wir die Errichtung von Arbeitsplätzen in unseren Kirchengemeinden und Einrichtungen fördern. Insbesondere natürlich auch für Jugendliche. Wir hoffen sehr, dass der Arbeitslosenfonds viele Spender findet, die diese Projekte unterstützen.
Im vergangenen Jahr haben wir alle über Robert Enke gesprochen. Depressionen waren das Stichwort. Gibt es da noch Platz für Visionen?
Dr. Volker Jung: Das ist natürlich eine Erfahrung, die zu den ganz, ganz schmerzlichen gehört, wenn ein Mensch durch Depressionen keinen anderen Weg mehr sieht und sich das Leben nimmt. Das ist eine außerordentlich schwierige, hoch belastende Situation. Und ich kenne solche Situationen aus dem eigenen persönlichen Umfeld und auch aus dem Pfarrdienst heraus und weiß was das dann eigentlich bedeutet. Und merke auch, dass da unsere Kategorien von `Wer hat hier schuld? Wie hätte man das verhindern können?´ absolut an Grenzen stoßen. Mich hat auch der Tod von Robert Enke sehr betroffen gemacht, weil er natürlich auch deutlich macht, das wir gesamtgesellschaftlich unter einem hohen Leistungsdruck stehen. Aber man muss immer sehr vorsichtig sein. Das Geschehen ist zu komplex, um es einseitig zu bewerten.
Robert Enke hat seine Depressionen vor den Fans versteckt, Menschen verstecken überhaupt Schwächen gerne vor anderen. Was kann Kirche überhaupt tun, damit sich daran etwas ändert?
Dr. Volker Jung: Da sind wir insgesamt gefragt, einen offenen Umgang miteinander zu haben, der es auch ermöglicht, eigene Schwäche zu benennen. Das können wir nur anstreben. Da können wir aufmerksam sein füreinander. Für mich ist die Grundvoraussetzung, dass man sorgsam, achtsam und sensibel wahrnimmt, was mit den Menschen an unserer Seite geschieht. Und eben auch solche Gesprächsräume und –möglichkeiten eröffnet.
Jetzt haben wir es als Christen manchmal schwer, weil man mit der rauen Wirklichkeit konfrontiert wird und daran gemessen wird, wie man seine Ideale umsetzten kann. Das Hammerthema, das immer wieder auch die evangelische Kirche einholt, ist das Thema Sparen. Wo würden Sie die Prioritäten setzen?
Dr. Volker Jung: Wir haben natürlich als Kirche und insbesondere als Kirchenleitung die Aufgabe, mit dem, was uns an finanziellen Mitteln anvertraut ist, sehr sorgsam und verantwortungsvoll umzugehen und das versuchen wir auch. Dazu gehört auch, dass man für schwierige Zeiten Prioritäten setzt – etwa in den Kindertagesstätten. Da ist auch in unserer Kirche eine ganz hohe Identifikation in den Gemeinden mit ihren Einrichtungen zu spüren, weil wir merken, hier tun wir etwas für unsere Kinder und damit auch für nachwachsende Generationen. Hier leisten wir auch einen wichtigen Beitrag zur Gestaltung der Gesellschaft. Es gehört für mich aber auch dazu, dass wir versuchen, als Kirche möglichst gut und flächendeckend mit dem Pfarrdienst präsent zu sein. Pfarrerinnen und Pfarrer haben eine besondere Aufgabe in unserer Kirche und es wird gerade von vielen unserer Mitglieder erwartet, dass für sie eine Pfarrerin / ein Pfarrer nah und erreichbar ist, und das können wir nur leisten, wenn wir mit möglichst vielen im Pfarrdienst präsent bleiben.
Kirchenpräsident spricht sich für islamischen Religionsunterricht aus
In dem Gespräch erläutert der Kirchenpräsident außerdem, dass er sich für die Einführung des islamischen Religionsunterrichtes ausgesprochen hat. „Wir halten es für wichtig, dass eine so große Religion, die auch mitten in unserer Gesellschaft angekommen ist, nicht irgendwo ins Private abgedrängt wird, sondern im öffentlichen Raum der Schule ihren Platz hat.“
Dazu gehöre ein Lehrplan und eine akademische Ausbildung der Lehrerinnen und Lehrer und dazu gehöre, dass der Unterricht in deutscher Sprache erfolge. Das alles sei eine gute Voraussetzung, damit der Religionsunterricht vor Fundamentalismus oder vor Einseitigkeit schützte.
Umorientierung der Wirtschaft und Afghanistan als Themen für 2010
Schließlich benannte Volker Jung die Themen, die in seinem zweiten Amtsjahr ganz oben auf der Tagesordnung stehen: Neben der neu gewählten Synode, der neuen Kirchenordnung und dem neuen Zusammenspiels der Leitungsgremien nannte er vor allem gesellschaftliche Themen, die die Kirchen begleiten wolle. Er sagte: „Ich glaube nicht, dass die Finanz- und Wirtschaftskrise ausgestanden ist und die Fragen einer Umorientierung der Wirtschaft sollten unbedingt auf der Tagesordnung bleiben. Als weiteren Stichpunkt nannte er den Militäreinsatz in Afghanistan.
[Rita Deschner/PWS]
zurück | letzte Aktualisierung: 15.02.2010 | copyright by EKHN