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Lieder für Gehörlose
Gehörlosenseelsorge: Raus aus der Einsamkeitsfalle - hin zu zwischenmenschlichen Begegnungen
Ev. Gehörlosengemeinde Gehörlosen- und
Schwerhörigenzentrum
Rothschildallee 16 A
60389 Frankfurt
ev.gehoerlosengemeinde.frankfurt@ekhn-net.de
"Gehörlose haben ihre eigene Kultur." Dieser Überzeugung ist Pfarrerin Christiane Esser-Kapp, die sechs Jahre lang als Gehörlosenseelsorgerin in Stadt und Kreis Offenbach gearbeitet hat. Im Interview spricht die Pfarrerin über das Selbstverständnis Gehörloser, ihre Erfahrungen mit der Gebärdensprache und den Abschied von ihrer Gemeinde. Pfarrerin Esser-Kapp wird am 14. August um 14.30 Uhr in der evangelischen Schlosskirche, Arthur-Zitscher-Str. 11-13, im Rahmen eines Gottesdienstes offiziell aus ihrem Amt der Gehörlosenseelsorgerin verabschiedet.
Warum verstehen Sie Gehörlosigkeit nicht als Behinderung?
Mit zunehmendem Selbstbewusstsein sehen gehörlose Menschen sich nicht länger als Behinderte, sondern als eine Minderheit mit eigener Sprache und Kultur. Um Zugang zu dieser Kultur zu finden, lernte ich die Gebärdensprache. Zur Gebärdensprache gehören Körper, Gesichtsausdruck und die Hände gleichermaßen. Etwa ein halbes Jahr habe ich gebraucht, um gebärden zu können. Das Verstehen fällt mir mitunter heute noch schwer, denn jede Region in Deutschland hat ihren eigenen Dialekt.
Woraus bestand ihre Arbeit als Gehörlosenseelsorgerin?
Zu der Offenbacher Gemeinde gehören 250 Mitglieder. Dazu zählten sowohl die Gehörlosen als auch deren Angehörige und die Kinder gehörloser Eltern. Ein monatlicher Gottesdienst in Gebärdensprache gehörte ebenso dazu, wie Taufen, Trauungen und Beerdigungen und das Unterrichten an einer Schule für Gehörlose. Das Wichtige war, den Gehörlosen einen Raum für Begegnung zu geben. Auch Hausbesuche zum Geburtstag, Altenbesuche, Krankenbesuche, sowie Hilfe bei Lebensfragen gehörten zu meinen Aufgaben. Im Laufe meiner Tätigkeit habe ich die Gehörlosen allmählich kennen gelernt und es ist ein Vertrauensverhältnis entstanden, das für die Seelsorge unerlässlich ist.
Mit welchen Herausforderungen haben Gehörlose zu kämpfen?
Gehörlose haben tagtäglich Kommunikationsschwierigkeiten. Der Alltag stellt viele vor unüberwindliche Hindernisse, beispielsweise bei Behördengängen, Arztbesuchen und Elternabenden. Gehörlose haben eigentlich einen Anspruch darauf, von einem Gebärdensprachdolmetscher begleitet zu werden. Aber de facto klappt das nicht immer. In solchen Fällen habe ich auch als Gebärdendol-metscherin gearbeitet.
Wie kann man sich einen Gottesdienst für Gehörlose vorstellen?
Es gibt zahlreiche Lieder, die wir in den Gottesdiensten miteinander gebärden. Das macht Gehörlo-sengottesdienste so lebendig. Alles ist auf das Sehen statt auf das Hören ausgerichtet. Ich habe viel mit Bildern und auch mit Power-Point Präsentationen gearbeitet. Nach dem Gottesdienst nehmen wir uns Zeit für die Begegnung. Schließlich ist es wichtig, dass die Gehörlosen einen Ort haben, an dem sie sich treffen können. Denn nichts zu hören, kann sehr schnell einsam machen.
Welche Entwicklungen gibt es in der Gehörlosenseelsorge?
Die Gehörlosenseelsorge hat den Kampf um die Anerkennung der Gebärdensprache immer unter-stützt. Darin war sie sehr erfolgreich. Durch die Implantation von Cochlear Implantaten wird sich die Gemeinschaft der Gehörlosen in den kommenden Jahren sehr verändern. Möglicherweise wird es durch diese Technik irgendwann keine komplett gehörlosen Menschen mehr geben. Es gibt einige junge Gehörlose, die eine Implantation ablehnen. Auch diesen Prozess gilt es zu begleiten.
Wie geht es mit der Gehörlosengemeinde in Stadt und Kreis Offenbach weiter?
Nach der Streichung meiner Pfarrstelle wird die Gemeinde künftig von Frankfurt aus betreut. Es wird weiterhin einen Gottesdienst pro Monat geben, der in Obertshausen stattfinden wird. In wie weit es noch Geburtstags- und Krankenbesuche geben wird, weiß ich nicht zu sagen. Der Frankfurter Kollege wird künftig für ein größeres Gebiet zuständig sein. Ich werde weiter in Offenbach arbeiten, zunächst in der Vertretung der Geistig-Behinderten-Seelsorge. Aber natürlich fällt mir der Abschied nicht leicht. In den sechs Jahren sind viele gute und herzliche Beziehungen gewachsen. Die werde ich sehr vermissen.
Claudia Pfannemüller
zurück | letzte Aktualisierung: 16.08.2011 | copyright by EKHN