Interview

26. Januar 2012

Das Geld im Dienste der Wirtschaft und die Wirtschaft im Dienste des Menschen

Ex-EKD-Ratsvorsitzender Huber lobt Engagement der Kirchen in der Wirtschaft

Der frühere Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Dr. Wolfgang Huber, hat bei einem Podiumsgespräch in der Frankfurter Heilig-Geist Kirche die Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft und Kirche hervorgehoben. Es sei ein „großes Glück, dass in den verantwortungsvollen Berufen unserer Gesellschaft vielfältige Chancen für Christen bestehen, Teil dieser Verantwortung zu sein und zu wissen, aus welchem Grund sie dies tun.“ Christliche Unternehmer handelten nach einer besonderen Kombination zwischen nüchternem Realismus und unerschrockener Hoffnung. Diese Haltung passe zum Leitsatz des Versandhausgründers Werner Otto, den Huber vergangene Woche zu Grabe getragen hat: „Das Geld steht im Dienste der Wirtschaft und die Wirtschaft im Dienste des Menschen.“

Prof. Dr. Dres. h.c. Paul Kirchhof
Quelle: Uni Heidelberg
Prof. Dr. Dres. h.c. Paul Kirchhof, Richter des Bundesverfassungsgerichts von 1987 bis 1999

In der Diskussion mit dem Staatsrechtler Dr. Paul Kirchhof lobte Huber die Leitlinien des verantwortlichen Handelns in der Wirtschaft, die von 50 leitenden Unternehmen unterzeichnet worden seien. Der ehemalige Verfassungsrichter Kirchhof kritisierte dagegen, die Kirche hätte sich im Vorfeld der aktuellen Finanzkrise stärker mahnend zu Wort melden sollen: „Wir hätten uns gewünscht, dass auch die kirchlichen Stimmen das Verantwortungseigentum wieder mehr einfordern.“ Jeder der Kapital habe und es in einem Fonds platziere, müsse persönlich verantworten, was mit dieser Kapitalmacht geschehe, so Kirchhof. „Da brauchen wir einen ethischen Dialog im Elementaren, den es gibt, der gut begonnen ist, aber lebhafter und lauter sein könnte.“ Die EKHN-Stiftung hatte Huber und Kirchhof am 25. Januar zu einer Podiumsdiskussion zum Thema „Das Ende der Institutionen? Über die schleichende Zerstörung von Staat und Kirche“ eingeladen.

Nach Abschluß der Veranstaltung beantworteten Wolfgang Huber und Paul Kirchhof unsere Fragen:

EKHN.de: Herr Huber, wo hat denn die Kirche in der Finanzkrise Ihrer Meinung nach versagt?

Huber: „Die Kirche hat einzelne Fehler gemacht in der Anlagepolitik in der Finanzkrise. Das war bedauerlich, aber es waren zum Glück Einzelfälle. Insgesamt ist die Kirche auch gut durch diese Finanzkrise durchgekommen, aber das ist ja nicht das Hauptthema. Das Hauptthema ist, dass wir uns bemüht haben, aber noch viel verstärkter bemühen müssen, einen Einfluss zu nehmen auf die Grundhaltungen, in denen die Menschen mit dieser Finanzmarktkrise und nun der Schuldenkrise umgehen, und einen Beitrag dazu zu leisten, dass die Veränderungen auch möglich werden, die an dieser Stelle notwendig sind. Das ist die große Aufgabe. Das haben wir angefangen in der EKD mit unserer Äußerung zur Finanzmarktkrise von 2009, mit diesem Plädoyer für eine nachhaltige, international verantwortete soziale Marktwirtschaft mit der Forderung, dass an den Finanzmärkten klare Regelungen eingeführt werden, die auch dazu führen, dass Verantwortung wieder einkehrt. Und das heißt, dass Menschen für die Risiken, die sie herbeiführen, auch tatsächlich selber haften müssen.“

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Wie wichtig ist Kirche in so einer Situation: Finanzkrise, alles bricht ein?

„Es ist natürlich klar, dass nicht einfach Vorschläge der Kirche eins zu eins umgesetzt werden. Aber die Kirche hat eine ganz wichtige Aufgabe darin, auf die Grundprobleme aufmerksam zu machen, um die es dabei geht. Menschen darin zu ermutigen, dass sie auch aus klaren eigenen Grundhaltungen ihre Verantwortung wahrnehmen und auch die Politik darin zu ermutigen, dass sie die schwierigen Entscheidungen, die zu treffen sind, auch tatsächlich trifft.“

Sie, beziehungsweise die EKD, haben ja gefordert: Mehr Ethik in der Wirtschaft. Warum funktioniert das nicht, Ethik in der Wirtschaft? Das müsste doch eigentlich klappen, das sind doch auch Leute, die in die Kirche gehen.

„Das ist ja auch eine zu pauschale Aussage. Wenn Sie sich klarmachen, dass 90 % der deutschen Wirtschaft mittelständisch sind, dass es viele eigentümergeführte Unternehmen gibt, wo sich der Chef und die Mitarbeiter Tag für Tag in die Augen schauen, dann wissen Sie, dass es auch in ethischer Hinsicht eine gute Basis und Substanz in der Wirtschaft gibt. Aber ein ganz wichtiger Punkt ist, dass wir nicht eigentümergeführte mittelständische Unternehmen und DAX-orientierte Unternehmen auf der anderen Seite wie zwei Welten betrachten, die nichts miteinander zu tun haben, sondern für die Wirtschaft insgesamt Vertrauenswürdigkeit, Transparenz, Ehrlichkeit als bleibend wichtige Maßstäbe anerkennen, das auch verstärkt in die Ausbildung von Führungskräften hineinbringen. Das sind alles Ziele, an denen viele gegenwärtig arbeiten, und das gilt es fortzusetzen. Die Aussage, dass es einfach nicht klappt und nicht klappen kann, ist falsch.“

Wie kann die Kirche denn Vertrauen gewinnen?

„Durch den Einsatz von Menschen, die als Personen vertrauenswürdig sind, durch klare Orientierung am Glaubenszeugnis, am Evangelium. Durch die Bereitschaft, auf Menschen zuzugehen, und durch die Qualität dessen, was sie macht. Von den Gottesdiensten bis zu ihrer Bildungsarbeit, bis zu ihrer Diakonie und zur Seelsorge.“

Wen kann die Kirche denn überhaupt noch erreichen? Sie haben gesagt: Fünf Millionen Austritte. Das ist eine gewaltige Zahl. Wen können Sie noch erreichen?

„Jeder ist ein Adressat des kirchlichen Auftrags. Kirche ist darin Volkskirche, dass sie Kirche für das Volk ist. Sie kann sich niemals nur auf diejenigen beschränken - so wichtig sie sind - die zur Kirche halten, sondern alle sind ihrerseits auch Boten des Evangeliums in die Welt und zu den Menschen hinein. Es gibt niemanden, der für die Kirche einfach unerreichbar ist.“


Herr Kirchhof, wo hat denn Kirche Ihrer Meinung nach versagt in der Finanzkrise?

Kirchhof: „Also ich würde nicht sagen, dass die Kirche versagt hat, aber man hätte sich vielleicht ein lauteres Wort gewünscht, etwa in der Frage, ob es ethisch vertretbar ist, dass wir Erwerbsmöglichkeiten im Finanzmarkt haben, wo Menschen auf das Risiko des Niedergangs von Unternehmen und Staaten setzen und wenn sich dann dieses Unglück für die Menschen ereignet, sie daraus einen finanziellen Vorteil ziehen. Wir hätten uns gewünscht, dass viele Stimmen, auch die kirchlichen Stimmen etwa das Verantwortungseigentum wieder mehr einfordern. Jeder, der Kapital hat und dieses platziert, etwa in einem Fonds, muss persönlich verantworten, was mit dieser Kapitalmacht geschieht. Und da brauchen wir einen ethischen Dialog im Elementaren, den es gibt, der gut begonnen ist, der aber lebhafter und lauter sein könnte.“

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Warum funktioniert Ethik nicht in der Wirtschaft, beziehungsweise in den DAX-30-Unternehmen?

„Also ich glaube, die Nachdenklichen in der Wirtschaft fragen immer mehr nach Ethik, auch nach kirchlichen Gesprächen, weil sie natürlich wissen, dass ihr ganzes System auf Vertrauen aufgebaut ist, nämlich das Einlösungsvertrauen des Geldes. Geld ist ja nur eine abstrakte Idee. Wir haben da einen Schein in der Tasche, der nichts Wert ist, steht aber hundert Euro drauf und deswegen meinen wir, dass wir, wenn wir diesen Schein dem Kaufmann vorlegen, einen Gegenwert real von hundert Euro bekommen. Das ist ein gigantisches Vertrauenskonzept. Und wenn dieses Vertrauen der Menschen untereinander, der Kunden zum Produzenten, des Arbeitnehmers zum Arbeitgeber und umgekehrt gefährdet wäre oder gar verloren ginge, dann fehlt diesem Wirtschaftssystem das Vertrauenselement und damit das Geld, auf dem das ganze System aufbaut.“

Was kann der Staat von der Kirche lernen?

„Der Staat kann von der Kirche was lernen, selbstverständlich. Das Recht hat ganz wesentlich kirchliche, christliche Ursprünge. Der Satz ‚der Mensch ist Ebenbild Gottes, Gott ist Mensch geworden’ ist der radikalste Gleichheitssatz der Rechtsgeschichte, ist das größte Freiheitsvertrauen, das je eine Gesellschaft in den Menschen gesetzt hat, ist das Fundament unseres ganzen freiheitlichen Verfassungsstaates und damit der Demokratie und damit der sozialen Verantwortung für den anderen. Also der Staat hat viel von der Kirche gelernt, er hat auch in unserem guten Staatskirchenrecht einiges für die Kirchen getan. Staat und Kirche wissen, sie sind aufeinander angewiesen in guter Nachbarschaft, weil der Mensch Staatsbürger und Kirchenmitglied gleichzeitig ist und deswegen müssen beide sich um den selben Menschen kümmern.“

Vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Tobias Weiler, Multimediaredaktion im Medienhaus