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Gemeinschaft statt Mobbing und Gewalt

 

Neu! Linkliste zum Thema "Mobbing"

Eltern, deren Kind in der Schule gemobbt wird, empfiehlt die ehemalige Staatsministerin Karin Wolff, die Mitglied der Synode der EKHN ist, folgende Schritte:

  • Warten Sie nicht ab, sondern kontaktieren Sie die Schule zeitnah und bestehen  darauf,  dass das Mobbing sofort aufhört.

  • Informieren Sie Lehrerinnen und Lehrer, bei denen ihr Kind den Unterricht besucht. Ermutigen Sie ihren Sohn oder Ihre Tochter, an Gesprächen über den Vorfall aktiv teilzunehmen.

  • Setzen Sie sich dafür ein, dass der Fall recherchiert und das Vorgehen protokolliert wird. Fehlverhalten kann die Schule beispielsweise im Klassentagebuch oder einem Mobbing-Tagebuch festhalten.

  • Informieren Sie bei schwerwiegendem Mobbing umgehend die Schulleitung.
    Die Schule sollte nach Einschätzung der Situation die Eltern des mobbenden Kindes schriftlich informieren und mögliche Konsequenzen verdeutlichen.

  • Die Schule kann für das Opfer und der Mobber eine Unterstützungsgruppe bilden, die den Kindern hilft, das angestrebte Verhalten einzuüben.

  • Betrachten Sie den Konflikt nicht vorschnell als gelöst, sondern fragen Sie ihr Kind regelmäßig, ob sich die Situation gebessert hat.


Mit Verbündeten gegen  Mobbing

Wer angesichts des neuen Schuljahres bereits ein flaues Gefühl im Magen hat, da ihm das vergangene durch Hänseleien, bösartige Streiche und Schläge verdorben wurde, hat Möglichkeiten dies zu ändern. „Betroffene Schüler sollten sich sofort an ihren Klassenlehrer wenden und die Eltern informieren“, rät Karin Wolff, die Hessische Kultusministerin und Synodale der EKHN. Wichtige Maxime für den Einzelfall sei der Verzicht auf Schuldzuweisungen: „Schuldzuweisungen machen passiv!“
Falls ein Betroffener Schüler den evangelischen Studienleiter Uwe Martini um Rat fragen würde, lautete seine Antwort: „Leicht ist es nicht. Wenn alle gegen einen sind, ist man meist auf verlorenem Posten. Deshalb lautet mein Tipp: Such dir Verbündete!“ Der Pfarrer, der das Religionspädagogische Amt in Gießen leitet, regt Jungen und Mädchen mit Mobbing-Erfahrung an, sich zu überlegen, zu welchen Menschen oder Gruppen sie sich zugehörig fühlen. Wenn sich innerhalb der Schule niemand finden lässt, so gibt es zahlreiche Möglichkeiten zum Beispiel in kirchlichen Gruppen oder Vereinen, gegenteilige, positive Gemeinschafts-Erfahrungen zu machen. Singt der Betroffene gerne? Möchte er Handball spielen oder begeistert ihn die freiwillige Feuerwehr? In diesem Zusammenhang berichtete der Studienleiter von einem Jungen, der wegen seiner massigen Körperfülle gehänselt wurde und deswegen in Gefahr geriet, seine Traurigkeit im Drogenkonsum zu betäuben. „Er fand dann aber Anschluss in einem Musikzug. Dort brauchte man jemanden, der die passende Statur hatte, um die Pauke zu schlagen.“ Ein echtes Happy-End: Der Junge fasste Selbstvertrauen und hört heute keine giftigen Bemerkungen mehr über seine Figur.

Interesse zeigen und konsequent handeln, um Gewalt zu vermeiden

Um gewaltsame Auseinandersetzung von vorn herein im Keim zu ersticken, rät Studienleiter Martini: „Es ist unglaublich wichtig, den Jugendlichen zu zeigen, dass sich  jemand für sie interessiert. Das gilt auch für die Schüler untereinander. Einfach mal auf einen Jungen oder ein Mädchen zugehen und nachfragen!“ So berichtet er von einer Lehrerin, die mit einer Klasse ein Buch gestaltet hat, in dem jeweils eine Seite für jeden Schüler vorgesehen war. Und plötzlich begannen die Schüler, sich miteinander über die aufgeschriebenen Erfahrungen und Besonderheiten des jeweils anderen zu unterhalten  –  auch mit solchen Klassenkameraden, mit denen sie zuvor kaum ein Wort gewechselt hatten. Sie wurden neugierig auf den anderen. Wer die Erfahrungen, die Träume und die Familie des anderen kennt, schlägt nicht so schnell zu.

„Eltern sollten sich bewusst werden, dass aggressives Verhalten als Signal zu verstehen ist, das Kinder geben, wenn sie dringend Hilfe brauchen“, erklärt die Ministerin und ehemalige Religionslehrerin Karin Wolff. Sie betont: „Aggressive, gewalttätige Kinder bedürfen in erster Linie unserer Zuwendung.“ Aus Erfahrung weiß Günter Gebhard, evangelischer Schulseelsorger an der Herderschule in Gießen: „Schüler, die sich mit anderen prügeln oder Gemeinheiten weniger offenkundig austeilen, haben oft ein erhöhtes Geltungsbedürfnis und ein soziales Miteinander zu Hause nicht ausreichend gelernt.“

Was tun, wenn das eigene Kind gewalttätig ist?

Günter Gebhard berichtet, wie er mit gewalttätigen Schülern umgeht: „Ich suche sofort das Gespräch mit ihnen, zeige Grenzen und treffe mit ihnen Absprachen, die ich auch überprüfe.“ Sanktionen sind für den Seelsorger kein Tabu: „Im Sinne der Wiedergutmachung musste ein Schüler beispielsweise die Schulräume reinigen.“ Auch die evangelische Ministerin plädiert dafür, Konflikte offen und verbal auszutragen. „Viele Kinder brauchen die Unterstützung ihrer Lehrerin oder ihres Lehrers, um Möglichkeiten zum fairen und friedlichen Ausgleich zu finden.“ Hier sei die Schule gefragt, in enger Zusammenarbeit mit den Eltern Wege einer nachhaltigen Konflikt- und Erziehungskultur zu finden. Karin Wolff ermutigt betroffene Eltern, vorhandene Beratungsmöglichkeiten in Anspruch nehmen. Dabei sei der Klassenlehrer erster und wichtigster Ansprechpartner.

Gewaltlosigkeit gehört zum Zentrum des christlichen Glaubens.
Sie leitet sich aus der Bergpredigt Jesu ab: „Ich aber sage euch, dass ihr euch dem Bösen nicht widersetzen sollt, sondern: wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem halte die andere auch ihn.“ (Matthäus, 5,39) Deshalb eröffnen unter anderen Schulseelsorger, Religionslehrer sowie kirchliche Beratungsstellen Wege, in Auseinandersetzungen gewaltlos zu reagieren. 

Hilfsangebote und gesellschaftliches Problem

„An den Haupt- und  Berufsschulen spüren die Schüler, dass sie kaum berufliche Perspektiven haben. Sie haben den Eindruck, dass die Gesellschaft ihnen vermittelt: `Wir brauchen euch nicht. Ihr seid überflüssig.´“ berichtet Martini. „Hier drängen gesellschaftliche Probleme, wie die Lage am Arbeitsmarkt, in die Schule.“ Diese sei die grundlegende Ursache, die hinter vielen Gewalttätigkeiten stecke. An dieser Ursache könnten Kirche und Schule zwar wenig ändern. Ihre Aufgabe bestehe allerdings darin, die Schülerinnen und Schüler in ihrer Persönlichkeit zu stärken, Interesse für ihr Anliegen zu zeigen.

Mit einzelnen Projekten und Angeboten, die die Schüler unterstützen, kann dennoch viel erreicht werden. Auch für Jugendliche, für die dieses Schuljahr das letzte ist, gibt es Initiativen, die beispielsweise bei der Ausbildungsplatzsuche helfen.

[Rita Deschner]

Stand: August 2006