Umgang mit Sterbenden

„Einen todkranken Menschen sollte man nicht als einen sterbenden, sondern als einen lebenden Menschen behandeln“, rät der Krankenhausseelsorger Reinhold Dietrich. Dies können Besucher dem Kranken zeigen, indem sie ihn an ihrem Leben teilhaben lassen, ihm beispielsweise erzählen, dass der Enkel wieder eine fünf in Mathe geschrieben hat. Dadurch erfährt er, dass sich draußen die Welt weiterdreht, auch wenn er selbst den Eindruck hat, dass sich in seinem Leben kaum mehr etwas bewegt.

Auf die Bedürfnisse des Kranken achten

Wer mit einem sehr kranken Menschen umgeht, sollte keine Angst haben, ihn mit Banalitäten zu belästigen, weil er vor der größten Herausforderung seines Lebens steht. Allerdings sollten Sie sehr sensibel auf seine Bedürfnisse eingehen. Wenn Sie merken, dass es dem Kranken nicht gut geht oder er müde ist, kann ein kurzer, zehn minütiger Besuch angemessen sein.

Offen für das Gespräch über den Tod sein

Es kommt möglicherweise aber vor, dass jemand über den nahestehenden Tod sprechen möchte. „Die Patienten sind erleichtert, wenn ich bei ihnen bleibe und ihnen zuhöre“, berichtet Reinhold Dietrich, der im Palliativen Hospital in Frankfurt am Main oft Menschen am Ende ihres Lebens begleitet. Aussagen wie: „Lass den Kopf nicht hängen, das wird schon wieder!“, seien dagegen Impulse, die dem Kranken signalisieren: Eigentlich möchte ich mir dir nicht darüber reden. Die meisten schwer Kranken sprechen dieses Thema dann auch nicht mehr an. Der Seelsorger empfiehlt, den Kranken selbst entscheiden zu lassen, ob er über den Abstieg der Frankfurter Eintracht oder seine Ängste vor dem Sterben reden möchte. Es ist hilfreich, diesen Menschen in seinen Gedanken nicht allein zu lassen, wenn er das wünscht.

Trotz eigener Angst vor dem Tod einen schwer Kranken besuchen

Der Seelsorger macht Freunden und Verwandten Mut, einen Todkranken zu besuchen. Viele seien in ihren letzten Stunden sehr einsam. Das hängt einerseits damit zusammen, dass einige Menschen aus Vernunftgründen einem Todkranken nicht zur Last fallen zu wollen. Andererseits wollen sie durch einen Besuch nicht an unangenehme Themen wie Krankheit und Tod erinnert werden. „Ein sehr kranker Angehöriger vermittelt das Gefühl, dass auch ich einmal sterben werde“, erklärt Reinhold Dietrich. Er möchte Mut machen, einem todkranken Menschen zu begegnen, seine Gefühle anzunehmen und auszuhalten.

Für Hospizseelsorgerin Helgard Kündiger ist es wichtig, dem sterbenden Menschen die Sicherheit zu geben bei ihm zu sein, wenn der Tod eintritt. Wenn Todkranken die Angst genommen ist einsam zu sterben, begegnen sie oft gerade dann entspannt dem Tod, wenn sie alleine sind.

Allerdings warnt sie Angehörige davor, sich selbst zu überfordern. Wer spürt, dass er an Grenzen kommt, kann sich an einen Krankenhauspfarrer oder einen Hospizhelfer wenden.

Die Phantasien, die sich jemand zuvor über das Sterben macht, sind meist viel dramatischer als der tatsächliche Sterbeprozess. Ein Angehöriger oder Freund kann seine Hemmungen überwinden indem er sich bewusst macht, dass dieser Mensch LEBT – bis zum letzten Atemzug.

[RD]