Pressemitteilung der Evangelischen Kirchen und Diakonie in Hessen-Nassau und Kurhessen-Waldeck, 2005

21. April 2005

Das "D" im Pass brachte noch den Enkeln Prügel

Zwangsarbeit in Einrichtungen der evangelischen Kirchen und der Diakonie – zwölf Gäste, deren Leben davon mitgeprägt ist, reisten durch Hessen


Quelle: EKHN
An ihrem Geburtsort: Alexandra Trofimenko (Mitte) mit Dr. Wolfgang Gern (rechts) und dem Bürgermeister Gernot Runtsch auf der Wiese, auf der die Baracke stand, in der sie geboren wurde

Mühltal, 23. April 2005. Alexandra Trofimenko ist im Dezember 1943 in der so genannten „Ausländerbaracke“ der Nieder-Ramstädter Heime im heutigen Mühltal bei Darmstadt geboren. Ihre Mutter Sofia Prokopenko war in dieser diakonischen Einrichtung als Zwangsarbeiterin eingesetzt. Im Krankenhaus, als sie bereits schwanger war, wurden an ihr pseudomedizinische Versuche durchgeführt. Sie erzählte ihrer Tochter später von vielen Wunden an den Armen, die nicht heilten, und von verschiedenen Spritzen, die sie bekam. Vermutlich handelte es sich dabei um Experimente zur Heilung von Wundbrand. Außerdem wurde Sofia Prokopenko Blut entnommen als Spende für die Patienten des Lazaretts oder des Krankenhauses.

Das berichtet die Tochter, Alexandra Trofimenko, bei ihrer Besuchsreise nach Mühltal in Hessen, ihrem Geburtsort, den sie nun – 61-jährig – zum ersten Mal besucht. Eine Woche lang ist sie auf Einladung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck (EKKW) und ihrer Diakonischen Werke (DWHN und DWKW) durch Hessen gereist. Sie und elf weitere ehemalige Zwangsarbeiterinnen und Angehörige aus Polen, Russland und der Ukraine haben ihre Einsatzorte besucht, allesamt kirchli-che und diakonische Einrichtungen.

Auch zu Hause für die Zwangsarbeit geächtet

Alexandra Trofimenko erzählt weiter: Nach ihrer Rückkehr in die Ukraine wurde die Mutter nicht nur als deutsche Zwangsarbeiterin geächtet. In ihrem Pass war vermerkt, dass sie ein in Deutschland geborenes Kind hat. Das bestimmte das Leben der Familie in den folgenden Jahrzehnten und be-stimmt es bis heute: Frau Prokopenko hatte kein Recht auf Arbeit und bekam keine Unterstützung vom Staat. Mit ihrer Tochter lebte sie in einem selbst gebauten Verhau. Weil die Tochter Alexandra in der Schule immer die Beste war, verschaffte die Schulleiterin ihrer Mutter einen inoffiziellen Job als Putzfrau. Den Traum, Medizin zu studieren, konnte sich Alexandra Trofimenko nie erfüllen. Das "D" in ihrem Pass, das für „in Deutschland geboren“ steht, verschloss ihr alle guten Ausbildungswege. Ihr blieb eine Ausbildung als Facharbeiterin für die Mechanik von landwirtschaftlichen Maschinen, denn dafür gab es nicht genügend Interessenten. Angesichts ihrer auffallenden Begabung konnte sie zur Lehrerin für die Auszubildenden aufsteigen. Alexandra hat zwei Kinder, ihr Sohn Valodimir be-gleitet sie. Er berichtete, dass er mit Prügeln seiner Altersgenossen aufgewachsen ist, weil seine Mutter in Deutschland geboren ist. Das Zwangsarbeiterschicksal setzt sich also fort bis in die dritte Generation. Valodimir, der inzwischen Frau und Kind hat, befürchtet sogar, dass er wegen des Be-suchs in Deutschland seinen Job als Busfahrer verlieren könnte. Er ist bereit, dieses Risiko zu tragen, denn er und seine Mutter sind über die Maßen dankbar, von den hessischen Kirchen nach Deutschland eingeladen zu sein und den Einsatzort und den Geburtsort der Großmutter besuchen zu können.

Jeder der zwölf Gäste hat eine eigene Geschichte, der die Zwangsarbeit während des Zweiten Weltkrieges ihren Stempel aufgedrückt hat. Und das gilt für alle 261 Personen, die in Einrichtungen der evangelischen Kirchen und in Vorgängereinrichtungen der Diakonie in Hessen und Rheinhessen Zwangsarbeit leisten mussten. Das waren 0,4 Prozent der insgesamt 170.000 Zwangsarbeitenden in Hessen.

Geschichte mit einer Forschungsarbeit aufgedeckt

261 Zwangsarbeiterinnen und -arbeiter – das ist das Ergebnis einer Studie, die der Marburger Historiker Dirk Richhardt im Auftrag der hessischen Kirchen und der Diakonischen Werke zu Beginn des Jahres 2004 der Öffentlichkeit vorgelegt hatte. Sie ist im Buchhandel und bei den Kirchen erhältlich. Nach diesen Personen war mithilfe der internationalen Stiftungen gesucht worden, um sie einladen zu können. Daraus entstand die Besuchsgruppe, denen Repräsentanten der Gastgeber nach Warschau entgegen kamen, um sie miteinander bekannt zu machen und um sich gemeinsam auf die emotional stark bewegende Reise vorzubereiten. In Hessen haben sie alte Bekannte getroffen, Schulen und Kirchengemeinden besucht und untereinander viel gesprochen. Auf der Synode der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) haben sie ein Grußwort gesprochen und dabei auch Kirchenpräsident Peter Steinacker und den Vorstandsvorsitzenden des Diakonischen Werks in Hessen und Nassau getroffen.

Quelle: EKHN
Kirchenpräsident Steinacker (links) hört aufmerksam zu, was Alexandra Trofimenko berichtet

Kirchenpräsident Steinacker: „An die Normalität des Unrechts gewöhnt“

Steinacker bedankte sich bei ihnen für die Bereitschaft, noch einmal in das Land ihrer Zwangsarbeit und damit ihrer Demütigung zu fahren. Er hoffe, „dass dieser Besuch einen heilsamen Eindruck hin-terlässt und dass sie dieses Land und die evangelische Kirche heute neu und anders erleben. Das wäre ein kleines Stückchen Versöhnung zwischen uns und ein kleiner, aber schöner Schritt der Völkerverständigung.“ Steinacker bekannte, dass es „ein schmerzlicher Prozess war, erkennen zu müssen, dass Kirche und Diakonie tiefer in das nationalsozialistische System verstrickt waren, als sie es lange Zeit für möglich gehalten hatten. Zwar hätten einige Einrichtungen der Diakonie unter staatli-cher Aufsicht gestanden, darunter auch die Nieder-Ramstädter Diakonie. Insgesamt hätten sich aber viele kirchliche Mitarbeitende an die Normalität des Unrechtes in diesen Jahren gewöhnt. Steinacker wörtlich: „Viele hatten sich im persönlichen Umgang durchaus human verhalten, sich gegenüber der politischen Dimension des Unrechts aber dennoch gleichgültig gezeigt.“

Diakonie-Chef Gern: „Es geht um Wahrheit und Erinnerung um der Zukunft willen“

Pfarrer Dr. Wolfgang Gern, Vorstandsvorsitzender des Diakonischen Werks in Hessen und Nassau, nannte den Besuch der ehemaligen Zwangsarbeitskräfte und ihrer Angehörigen einen Beitrag dafür, „dass wir unsere Verantwortung wahrnehmen können.“ Der Besuch helfe, öffentlich zu machen, was geschehen ist, und trage dazu bei, „dass wir uns auseinandersetzen mit einem der dunkelsten Ka-pitel auch der deutschen Geschichte. Diese Auseinandersetzung ist für uns und nachfolgende Gene-rationen unerlässlich.“ Das Erkennen und Bekennen dessen, dass auch die Diakonie in das Un-rechtssystem der Zwangsarbeit verstrickt war, sei heute ein wichtiger Schritt auf dem Weg, Verant-wortung zu übernehmen für das, was geschehen ist. „Wir wollen dazu beitragen, dass das, was da-mals geschehen ist, sich niemals wiederholt. Es geht um Wahrheit und Erinnerung um der Zukunft willen. Und wir wollen Sie, soweit möglich, um Versöhnung bitten“, sagte Gern abschließend.

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Verantwortlich: gez. Pfarrer Stephan Krebs, Pressesprecher
Kathleen Niepmann, Pressesprecherin DWHN