Pressemitteilung der EKHN, Nr. 77 / 2005

30. Dezember 2005

Kirchenpräsident Prof. Dr. Peter Steinacker


Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht

Gedanken zur Jahreslosung 2006 (Josua-Buch 1, 5b)

„Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht.“ Dieses wundervolle Verspechen aus dem Josua-Buch der Bibel ist die Jahreslosung für 2006. Bibelverse werden seit 275 Jahren tatsächlich zu diesem Zweck ausgelost, deshalb heißen sie so. Damit gibt die Kirche den Abschnitten des Lebens einen Gedanken mit, eine Art Überschrift.

Das Versprechen der Jahreslosung 2006 berührt das Innerste. Kann es jemanden geben, der nicht die elementare Angst hat fallen gelassen und verlassen zu werden? Es sind die Urängste der Kinder, den Eltern von der Hand zu gleiten und dann einsam und verlassen da zu stehen. Ganz selten hören wir, dass Kinder ihre Eltern fallen lassen. Wenn dann erst spät, wenn sie alt und lästig werden. Aber immer wieder hört man die bitteren Worte: „Du bist nicht mehr mein Sohn“ oder einzelne Fälle von muslimischen Familien, in denen es heißt: „Du bist nicht mehr unsere Tochter“.

Verlassen werden. Viele – vielleicht alle? – machen im Verlauf ihres Lebens eine solche bittere Erfahrung. Dann stehen Eheleute, die verlassen werden, oft nach vielen Ehejahren vor dem Scherbenhaufen ihres bisherigen Lebens. Firmen lassen ihre Mitarbeiter nach Jahrzehnten einfach fallen.

„Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht.“ Wenn das Menschen zueinander sagen – und das Versprechen auch in Krisenzeiten einlösen – wie gut geht es ihnen da! Um so eindringlicher werden solche Worte, wenn sie von Gott, der alles bestimmenden Wirklichkeit, den Menschen gesagt werden.

In der Bibel wird dieses Versprechen mit Gottes Geboten verknüpft. Dieses Modell eines Gottesverhältnisses hat sich tief in die Menschenseele eingegraben. Wie oft meinen wir, ob Gott uns hält oder fallen lässt, hänge von unserem Verhalten ab! Richtig daran ist, dass Gott nicht der große Überseher unserer Schuld und unseres Versagens ist. Was wir tun, verbindet sich mit uns, wird ein Teil von uns, für den wir Verantwortung tragen müssen. Anders wären wir ja auch keine freien Menschen.

Gottes Versprechen ist also nicht als Rundumsorglospaket gemeint. Auch steht dahinter nicht der ins unendliche gesteigerte Alles-Beruhiger, eine Art Super-Super-Nanny, deren Beistand eine Art umfassender Lebensversicherungsvertrag wäre. Auch zum Leben, das auf Gott vertraut, gehören Risiken und gehört das Scheitern.

Diesem gebrochenen Leben in der Welt hat sich Gott selbst ausgesetzt, um die Menschen zu versöhnen. Damit will er uns zeigen, dass Gottes Liebe immer noch größer ist als unsere Schuld und unser Versäumnis. Gott dreht den Zusammenhang um: Nicht weil wir seinem Willen entsprechen, hält er uns. Sondern weil er uns hält, entsprechen wir dem, was er will. So gut, wir das können. Jedoch will er auch, dass wir in seine Güte zurückkehren, wenn wir unser Leben falsch leben. Gott lässt seine turbulente Welt nicht fallen und verlässt sie nicht. Das kann uns eine große Daseinsgewissheit schenken. Aus ihr heraus können wir mit viel Gelassenheit, Zuwendung, und Humor das neue Jahr 2006 leben.

von Kirchenpräsident Prof. Dr. Peter Steinacker

Darmstadt, 30. Dezember 2005

 

Verantwortlich: Pfarrer Stephan Krebs, Pressesprecher