Presse-Information der EKHN

26. April 2006

Punk mit Posaune


Ungewöhnlich, aber alles echt: Mit einem „Hingucker“ als Titelblatt kommt dieser Tage das Mitgliedermagazin echt der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau über eine Million mal allen evangelischen Christen im Gebiet der Landeskirche ins Haus: Neben einer funkelnden Posaune lacht eine Frau mit blond-schwarz-gefärbter Punkfrisur. Wer einen originellen Grafiker-Einfall und ein gestyltes Model vermutet, irrt: Barbara Alban (44) ist Musikerin im evangelischen Posaunenchor von Eltville-Erbach und beherrscht ihr Instrument.

Im Mittelpunkt zu stehen sei „eigentlich gar nicht ihr Ding“, erklärt die sympathische Frau. Dass sie dennoch bereit war, sich für den Titel eines Magazins mit einer so hohen Auflage ablichten zu lassen, habe absolut nichts mit Eitelkeit zu tun: „Stellvertretend möchte ich den vielen Frauen und Männern Aufmerksamkeit zukommen lassen, die sich in Posaunenchören engagieren“, erklärt die Hausfrau, die Landwirtschaft studiert hat. „Und echt wirbt um Aufmerksamkeit für unsere Landeskirche. Da passt dann beides zusammen.“

Aufmerksamkeit garantiert

Locker holt Frau Alban schon mit ihrer Frisur so manchen aus der Vorurteilsecke. „Viele stutzen, wenn sie mich zum ersten Mal im Posaunenchor blasen sehen und sagen verwundert ‚Hoppla’“, lacht sie, „die meisten reagieren dann aber sehr positiv“. Die punkige Haartracht habe auch etwas mit ihrem Engagement zu tun: „Ich möchte ganz bewusst ein Klischee brechen“. „Egal ob Rock, Gospel, Swing oder Jazz: Neben klassischen Chorälen besitzen so gut wie alle Ensembles ein breites Repertoire und sehr viele junge Mitglieder.“ Das belegen auch Zahlen, die wenig bekannt sind: Rund 350 Posaunenchöre mit mehr als 4500 Mitgliedern gibt es im Bereich der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, und die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen als Nachwuchs für die Kirchenmusik wird bei vielen groß geschrieben. Auch Barbara Alban tut etwas dafür. Sie unterrichtet jede Woche Anfänger– ehrenamtlich, versteht sich.

Posaunen als evangelisches Markenzeichen

Beeindruckt war die musikbegeisterte Frau beim Ökumenischen Kirchentag in Berlin, als sie feststellte, „dass Posaunenchöre von vielen Katholiken als starkes Aushängeschild der Evangelischen Kirche wahrgenommen werden“. Und das, freut sie sich, habe auch in ihrer eigenen Kirche mehr Bewusstsein geschaffen, „für einen Schatz, der oftmals im Verborgenen funkelt, aber auf seine Weise auch das Evangelium verkündet.“ In einem Portrait der aktuellen echt-Ausgabe mit dem Schwerpunktthema Musik bezeichnet Alban Posaunenchöre als „Task-Force“ der Evangelischen Kirche: „schnell bereit, flexibel einsetzbar und nicht zu überhören“. Überhaupt liebt sie laute Musik, die Botschaften vermittelt. Gerne besucht sie auch Konzerte von Punkbands mit politischen Texten: „Besonders mag ich alte Stücke von den Toten Hosen“.

Auch Albans Vater ist seit Jahrzehnten in einem Posaunenchor aktiv und zwei ihrer drei Söhne haben sich ebenfalls für das Instrument ihrer Mutter begeistert. „Der älteste hat mich inzwischen überflügelt“, schmunzelt sie. „Es gibt viele Bläser, die vorher so gut wie keinen Kontakt zur Kirche hatten“, sagt sie. Deshalb möchte sie musikinteressierten Neulingen Mut machen, einfach mal bei einem Posaunenchor in der Nähe vorbeizuschauen. „Instrumente werden meist gestellt und der Unterricht ist in der Regel kostenlos.“

Spontaner Zusammenklang

Glänzende Augen bekommt Barbara Alban, wenn sie von einem Erlebnis im Februar 2003 auf dem Frankfurter Römerberg erzählt. Die Evangelische und Katholische Kirche hatten an einem Samstagvormittag einen ökumenischen Gottesdienst veranstaltet, gegen den damals drohenden Irak-Krieg protestiert und für den Frieden gebetet. Mehrere tausend Teilnehmer waren gekommen. Gemeinsam mit 300 anderen Bläsern aus unterschiedlichsten Chören entlockte dort Barbara Alban ihrem Instrument durch Mark und Bein gehende, infernalische Anti-Kriegs-Klänge. Als ein Fernsehjournalist sie wenige Minuten vorher fragte, welche Stücke sie denn spielen würden sagte Barbara Alban: „Das erfahren wir erst noch.“ Der Mann stand mit offenem Mund da, lacht sie „Aber das ist das ganz Besondere an Posaunenchören: Eine große Zahl Hobbymusiker schafft spontan einen Zusammenklang, für den viele Musikprofis stundenlang „Soundcheck“ machen müssen.“

Die echt-Ausgabe mit Punk und Posaune könnte eine der letzten sein. Anfang Mai entscheidet die Synode der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau darüber, ob das Mitgliedermagazin echt weiter erscheinen kann, das – in Europa ohne Vergleich - seit 1993 mit einer Auflage von 1,1 Million viermal im Jahr per Post an alle Kirchenmitglieder versandt wird und sich – wie mehrere Umfragen belegen – hoher Wertschätzung unter den Mitgliedern erfreut.
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Autor: Jörn Dietze