Presseinformation der EKHN

09. Oktober 2006

Gabriele Scherle wurde als Pröpstin für die Propstei Rhein-Main offiziell in ihr Amt eingeführt

Predigt von Pfarrerin Gabriele Scherle

 

Am Sonntag wurde Gabriele Scherle als Pröpstin für die Propstei Rhein-Main offiziell in ihr Amt eingeführt. Kirchenpräsident Dr. Peter Steinacker hob in seiner Ansprache die öffentliche Bedeutung des Propstamtes und der kirchlichen Verkündigung hervor. Der Glaube strebe nach öffentlicher Mitgestaltung, sagte Steinacker in der voll besetzen Heiligeist-Kirche in Frankfurt am Main. Der katholische Stadtdekan Dr. Raban Tilmann begrüßte die neue Pröpstin. Er wüdigte das gute ökumenische Miteinander in der Region und schlug vor: "Wir machen das einfach weiter. Jeder auf Seite 1." Stadtkämmerer Horst Hemzal überbrachte die Grüße der Oberbürgermeisterin von Frankfurt und hob die vertrauensvolle Zusammenarbeit der Stadt mit der Evangelischen Kirche hervor.

Eindrücke von der Amtseinführung der neuen Pröpstin für Rhein-Main, Gabriele Scherle
Mädchenband Vergrößerung Die hessische Mädchen-Nachwuchsband "MISS.COVERY" brachte der neuen Pröpstin ein rockiges Ständchen  
     
Pröpstin mit Kirchenpräsident und Präses Vergrößerung Prof. Karl Heinrich Schäfer, Präses der EKHN (rechts) und Kirchenpräsident Steinacker (links) gratulierten der neuen Pröpstin (Mitte)
     
Die Pröpstin mit ihrem Mann Vergrößerung Gabriele Scherle und ihr Mann, Prof. Peter Scherle, der in Herborn Vikare ausbildet

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Predigt von Pfarrerin Gabriele Scherle zum Amtsantritt als Pröpstin für die Propstei Rhein-Main

Es gilt das gesprochen Wort

Liebe Gemeinde,

Was ist das Wort Gottes für mich, für uns, heute an diesem Nachmittag?

Bei der Vorbereitung auf diesen Gottesdienst hat mich eine der vorgeschlagenen Lesungen für die Einführung in das Amt der Pröpstin angesprochen. Wir haben den Text vorhin als Lesung aus dem 2. Brief an die Gemeinde in Korinth gehört. (2. Kor. 1,24 + 4,1.2.5.6.)
„Wir sind Gehilfen eurer Freude“, schreibt der Apostel Paulus an jene Gemeinde, die er in einer Krisensituation besucht hatte und in deren Konflikte hinein er immer wieder rief: versteht doch, dass ihr in aller Pluralität ein Leib seid, dass ihr alle zu Christus gehört, dass ihr einander dienen sollt und vertrauen…

An das verborgene Wesen der Kirche zu erinnern – darin sah Paulus eine wesentliche Aufgabe seiner Besuche und Briefe. Diese Ausrichtung ihrer Arbeit sollten die Gemeinden und die Verantwortlichen nicht aus dem Blick verlieren – bei all dem, was im Alltag strittig und umkämpft war. Und deshalb jetzt dieser erstaunliche Versuch, sein Verständnis des Apostelamtes und des Verkündigungsdienstes in der Kirche zu beschreiben: „Nicht dass wir Herren wären über euren Glauben, sondern wir sind Gehilfen eurer Freude, denn ihr steht im Glauben.“
Gehilfen eurer Freude – im griechischen heißt es: SYNERGOI TÄS CHARAS HÜMON –
Was für eine Beschreibung des Dienstes, den Paulus mit seinen Briefen und Besuchen wahrgenommen hat: Es ist der Dienst der EPISCOPÉ, der Draufsicht auf das christliche Leben. Dieser episkopale Dienst soll darauf achten, ob und wie sich das kirchliche Leben und die Arbeit offen halten für Gott. Ob Gott eine Chance hat sich durchzusetzen mit dem Willen zum Erbarmen, mit dem Werben um die Menschen … Darum geht es Paulus: sichtbar zu machen, was es an Grund zur Freude und zur Dankbarkeit gibt. Dadurch entsteht Synergie in der Christenheit: wertzuschätzen, all die Begabungen unter uns, wahrzunehmen, all die gelungene Arbeit, die es gibt. Charismatische Synergie ist also das, worum Paulus ringt, ein Zusammenwirken in der Dankbarkeit und Freude für den Schatz, der im irdischen Gefäß unserer Kirche zu erkennen ist.

Diese theologische Perspektive unterscheidet sich grundlegend von einem betriebswirtschaftlichen Synergie-Begriff, dessen Berechtigung nicht angezweifelt werden soll. Unter den Bedingungen der Knappheit Ressourcen zu konzentrieren, um die Effektivität und Effizienz zu verbessern ist durchaus sinnvoll. Das kann aber in der Kirche Jesu Christi nicht die herrschende Sichtweise sein. Es geht vielmehr und in erster Linie um die Darstellung der Fülle Gottes, die wir in unserer Kirche an vielen Stellen sehen können. (Damit meine ich nicht besonders volle Kirchen wie diese jetzt, sondern die Vielzahl jener Gelegenheiten, in denen Gott uns erfüllte Augenblicke schenkt: im Wort, das mich anrührt, im Menschen, der mir zuhört, in den Gütern, die geteilt werden, in der Vergebung, die einzelnen Menschen und ganzen Völkern einen Neuanfang ermöglicht…) Eine Defizitorientierung, welche die Knappheit zu managen sucht (und deshalb vorwiegend auf die großen Zahlen blickt), ist der Kirche Jesu Christi nicht angemessen. Die Aufmerksamkeit muss auf den Reichtum der Gnadengaben Gottes gerichtet werden. Und dazu gehört die Freude am Glauben der jeweils anderen, die Freude an ihren Versuchen, Christsein zu leben.

Paulus selber musste dies schmerzlich lernen. Er hatte sich in Korinth hineinziehen lassen in die Kultur der Herabsetzung und der Blindheit für das Geschenk der Anderen. Umso mehr ringt er nun in seinem zweiten Brief um eine Sprache, die ihn als „Gehilfen der Freude“ ausweist.
Einen seiner Versuche hebt der Text hervor, den wir vorhin gehört haben. Der Text setzt perikopisch jene Passagen zusammen, in denen Paulus die „Offenbarung“ zusammenbringt mit der Wahrnehmung des Glanzes in der Welt, der von Gottes Herrlichkeit herrührt.

Gottes Herrlichkeit – in großer Dichte kommt hier der Gott Israels zur Sprache. Licht vom Licht – DOXA – mild hineinleuchtend und hart ausleuchtend, von solchem Gewicht - KAWOD – dass die Welt im innersten dadurch zusammengehalten und am Ende heilsam verwandelt wird. Für die biblische Leserschaft spannt sich dabei ein Horizont von Geschichten auf: vom Schöpfungsmorgen über Mose auf dem Berg Sinai und Jesus auf dem Tabor bis hin zu dem Glanz, mit dem Gott die Stadt erfüllt, das himmlische Jerusalem, in dem alle Menschen beheimatet werden.

Gottes Herrlichkeit, Gott in ganzer Fülle, strahlt hinein in unser Leben, ist von Gewicht. Daraus entsteht jener Glanz, den Paulus im Blick hat. Auf ihn sollen wir uns konzentrieren. Das hat Priorität. Denn dadurch offenbart sich Gott in unseren Verhältnissen. Vielleicht müssen wir neu zu Spurensucherinnen dieses Glanzes werden: aufmerksam für all das, was unter uns gelingt, interessiert an der Ausstrahlung, die von der Arbeit der anderen ausgeht. Hier liegt die geistliche Herausforderung jeglicher Kirchenreform: Es geht nicht darum selbst zu glänzen, sondern um die Freude am Glanz, der mir durch die anderen entgegenkommt….. In diesem Sinne will ich mein Amt verstehen. Als Gehilfin der Freude am Glanz Gottes, der sich überall in den alltäglichen Dingen unserer Arbeit entdecken lässt. Denn ich glaube, dass Synergie entsteht, wenn wir uns gemeinsam freuen am Reichtum der Begabungen unter uns. Dazu soll die Draufsicht und Zusammenschau, dazu soll das episkopale Amt dienen. Die Synergie der Freude hat für mich Priorität. Aha, - werden jetzt einige denken, das hab ich mir doch gedacht. Die Gabriele Scherle will den unangenehmen Entscheidungen ausweichen und sich nicht den Anforderungen der Macht stellen. Beides wurde mir ja schon so gesagt. Ich kann solche Befürchtungen verstehen. Denn es geht ja auch um das Verständnis von Macht und den Umgang damit. Auch hier bietet Paulus Orientierung: Wir „meiden schändliche Heimlichkeit und gehen nicht mit List um, fälschen auch nicht Gottes Wort …“. Das sind deutliche Worte, die auf harte Auseinandersetzungen schließen lassen. Und dass Paulus dabei auch zulangen konnte, wissen wir. Dennoch lässt sich auch hier eine heilsame Weisung hören. Dem geistlichen Amt in der Kirche kann es nicht um Durchsetzung und Durchgriff gehen. Vielmehr muss es seine Wahrnehmungen des Wortes Gottes in einen offenen Prozess einbringen, in dem heimliche Strategien oder taktische Manöver keinen Platz haben – ebenso wenig wie theologische Überhöhungen von praktischen Interessen. Dieses evangelische Amts- und Leitungsverständnis ist riskant. Denn es lebt davon, dass es gelingt, die Orientierungen durch das Evangelium, so für die strategischen Entscheidungen fruchtbar zu machen, dass wirklich von geistlicher Leitung gesprochen werden kann. Andererseits besteht die Gefahr, dass es eine Gestaltungs- und Durchsetzungsmacht gibt, die sich völlig von solchen Orientierungen abkoppelt. Geistliche Orientierung und praktische Gestaltung dürfen in der Kirche Jesu Christi eben auch nicht auseinander fallen. Deshalb braucht es den Dienst des geistlichen Amtes in der Leitung der Kirche auf allen Ebenen. Das Risiko dieses Leitungsverständnisses ist also groß, aber die Chancen sind noch größer. Jedenfalls solange Regelungskompetenzen und Auftragsorientierung aufeinander bezogen bleiben. Und das ist nur der Fall, wenn die paulinische Zuordnung deutlich bleibt: „Nicht dass wir Herren wären über euren Glauben, sondern wir sind Gehilfen eurer Freude.“ Auch bei der charismatischen Synergie geht es um Gestaltung und Macht. Allerdings um jene Macht, die vom Kraftfeld Gottes ausgeht, über das wir nicht verfügen.

Die Konzentration auf geistlichen Reichtum und Glanz soll also dazu beitragen, Kirche so zu organisieren, dass wir Gottes Fülle möglichst deutlich darstellen. Dem sollen Finanzplanung, Gebäudemanagement oder Personalentwicklung dienen. Hier wird es immer Konflikte und Macht-Auseinandersetzungen geben, denn die Gestaltung der Kirche ist in die gesellschaftlichen Gestaltungsprozesse eingebunden. Umgekehrt ist es deshalb von gesellschaftlicher Bedeutung, ob sich in der Kirche Logiken durchsetzen, die von sich behaupten alternativlos zu sein. Im theologischen Sinn hätten wir es dann nämlich mit Mächten und Gewalten zu tun, die einen quasi-göttlichen Herrschaftsanspruch haben. Das ist die Auseinandersetzung, die wir – um Gottes und der Welt willen – zu führen haben. Sie lebt aber letztlich davon, dass wir uns auf die wesentliche Frage für die Gestaltung der Kirche besinnen. Die Frage, worin wir Gottes Glanz erkennen oder wodurch wir Gottes Fülle möglichst gut zum Ausdruck bringen?

Dabei wäre viel gewonnen, wenn wir uns am Reichtum der Gnadengaben der jeweils anderen freuen können und im Blick behalten, woran Gott seine Freude hat, an gelebter Humanität, an einer Kultur des Erbarmens, an Zeichen für die große Verwandlung und Heilung aller Verhältnisse, auf die wir hoffen.
Diese charismatische Synergie sind wir der Welt schuldig.
Amen

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne, in Jesus Christus.

Amen



Verantwortlich: gez. Pfarrer Stephan Krebs, Pressesprecher