Pressemitteilung der EKHN, Nr. 46

31. Oktober 2006

Kirchenpräsident: "Entspannt in den Wettstreit der Religionen gehen"

EKHN-Festakt zum Reformationstag stellt medizin-ethische Fragen

 

Wiesbaden, 31. Oktober 2006. Mit einem Festakt hat die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) am Dienstag in der Wiesbadener Lutherkirche den Reformationstag gewürdigt, der an den Beginn der Reformation am 31. Oktober 1517 erinnert. Den diesjährigen Festvortrag hielt der Transplantationsmediziner Prof. Dr. Dr. Eckhard Nagel, Mitglied im Nationalen Ethikrat und Ex-Kirchentagspräsident, über die Frage „Ist alles möglich? Christliche Maßstäbe im Grenzbereich der Medizin“.

Nagel plädierte für eine „vorurteilsfreie Ausnutzung der Hochleistungsmedizin“. Man könne den Fortschritt gestalten ohne „unser Wesen zu verbiegen, zu verwirren und zuletzt zu veröden“. Nagel bekannte wörtlich: „Mir erscheint es eine Art menschliche Verpflichtung, die Forschung voranzutreiben, um solche, für deren Erkrankung es heute noch keine Behandlungsoption gibt, in Zukunft besser begleiten zu können.“ Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter verdeutliche den Stellenwert der Nächstenliebe bei der Begleitung von Kranken und damit auch der Forschung zum Wohle dieser Kranken. Nagel wies darauf hin, dass schwere Krankheit keine Gerechtigkeit kenne. Der Mensch sei befähigt, „in der von Gott gegebenen Freiheit Erkenntnisse zu sammeln und diese im Sinne der Zuwendung zum Nächsten unterstützend anzuwenden.“

Korrektur für eine einseitig biologische Deutung

 

Präses und Professor
Quelle: EKHN
Prof. Dr. Karl Heinrich Schäfer, Präses der Synode der EKHN (links), und Professor Nagel (rechts)

Nagel kritisierte, dass sich in der Gesellschaft allmählich eine Vorstellung verbreite, die den Menschen als „eine hoch differenzierte Apparatur“ sehe. Dies sei für das wissenschaftlich-medizinische Denken „eine große Versuchung.“ Heilen sei aber ein Akt, der dem Leben helfe, und keine „Reparatur eines Maschinendefektes“. Die Ehrfurcht vor dem Leben sei deshalb keine Sentimentalität, sondern gehöre „zum Wesen des Heilungsprozesses“. Die christliche Wahrnehmung von Krankheit bezeichnete Nagel als Korrektur für „eine einseitig biologische Deutung“. Die ethische Verpflichtung zum Heilen hinge mit der Frage „nach dem universalen göttlichen Heil zusammen“. Aus dieser Hoffnung des Glaubens leiteten alle Akte des Heilens ihren Sinn und ihre Notwendigkeit ab. Gleichzeitig werde damit deutlich, dass Heilen und Helfen ihre Grenzen hätten und „nicht absolut zu verstehen“ sein könnten. Menschen stünden „in der Divergenz zwischen Gottesebenbildlichkeit, Freiheit und Begrenztheit“.

Selbsterhaltungsinstinkt des Menschen beunruhigt

Nach Nagels Einschätzung ist die medizinische Wissenschaft in einer Krise, nicht weil sie noch unterentwickelt wäre, sondern weil sie sich in einer Weise entwickelt hätte, „die den Selbsterhaltungsinstinkt des Menschen beunruhigt“. Diese Verunsicherung präge weithin die Wahrnehmung des medizinischen Fortschritts. Nagel fragte wörtlich: „Ich stelle mir die Frage, wo die Freude bleibt? Freude über die Behandlung eines Menschen, dessen Krankheit ihn ansonsten dauerhaft gebunden hätte, Freude über die Lebensfähigkeit eines Kindes nach einer Organtransplantation, das ansonsten das erste Lebensjahr gar nicht überlebt hätte?“ Die berechtigte Ablehnung von Betrug und Missbrauch dürfte eine differenzierte Betrachtung der Möglichkeiten und Grenzen der Medizin nicht ersetzen. „Eine eindimensionale schlüssige Antwort auf mögliche Grenzen“ gebe es offensichtlich nicht.

Steinacker: Der christliche Glaube überbietet alle anderen religiösen Heilswege

Im Gottesdienst vor dem Festvortrag hielt Kirchenpräsident Prof. Dr. Peter Steinacker die Predigt. Er ermunterte zum „Wettstreit der Religionen“. Mit dem zunehmenden Bedürfnis nach Orientierung und der Suche nach einem verlässlichen Sinn des Lebens sei auch die Religion wieder ins Bewusstsein der Gesellschaft zurückgekehrt. Allerdings erscheine das Phänomen Religion diffus. Die Vielfalt der Religionen mache vielen Angst. Zudem begegnete sie vielfach „verschwistert mit Politik und Gewalt“. Die Kirche habe in dieser Situation die Aufgabe, eine „theologische Religionskritik“ zu entwickeln. Steinacker definierte Religion als „Aufsprengen des Todeskreislaufes“. Im Laufe der Ich-Werdung entdecke jeder Mensch, „dass das Sicherste in seinem Leben das Sterben müssen ist.“ Mit jeder Geburt sei ein neuer Tod in der Welt. Angesichts dieser Erkenntnis biete Religion die Chance, „getröstet leben und sterben zu lernen“. Diese Hoffnung entfalte jede Religion auf ihre Weise. Das Besondere des Christentums sei, dass Jesus Christus den Kreislauf von Werden und Vergehen durch sein Leben und Sterben durchbrochen habe. Christen brauchten weder Askese noch Ekstase, sie müssen sich nur „fallen lassen in die Güte Gottes“. Damit, so zeigte sich Steinacker überzeugt, überbiete der christliche Glaube alle anderen religiösen Heilswege. Für ihn sei dieser Glaube der beste. Diesen Absolutheitsanspruch, so betonte Steinacker dabei, billige er auch allen anderen Religionen zu. Nur das ermögliche einen friedlichen Wettstreit der Religionen, in dem jeder an seiner Wahrheit festhalte und gleichzeitig die der anderen toleriere und damit das Gewaltpotenzial der Religionen überwinde. Christen empfahl Steinacker, „entspannt in den Wettstreit der Religionen“ zu gehen.

Hintergrund I: Festakt der EKHN

Zum zwölften Mal hat die EKHN den Zentralen Festakt am Reformationstag gefeiert. Dabei sprach jeweils eine prominente Person ais dem öffentlichen Leben über protestantisches Profil in ihrem Wirkungsfeld. In den vergangenen Jahren waren dies Ministerpräsident Kurt H. Biedenkopf und die Moderatorin Gundula Gause.

Hintergrund II: Reformationstag

Am 31. Oktober 1517 soll der Mönch Martin Luther 95 kirchenkritische Thesen an die Schlosskirche zu Wittenberg angeschlagen haben, mit denen er die Kirchgängerinnen und –gänger am folgenden Feiertag Allerheiligen zu einer Debatte über Missstände in der Kirche provozieren wollte. Das Datum gilt als Beginn der Reformation, aus der die Evangelische Kirche mit ihren Landeskirchen in Deutschland hervorging.
Weitere Informationen und ein Ratespiel über den Reformationstag unter www.ekhn.de

Hinweis für Redaktionen

Wenn Sie sichergehen wollen, dass die Veranstaltung wie geplant statt gefunden hat, können Sie unter 0173/3286836 direkte Informationen vom Festakt bekommen.
Der Festvortrag (PDF, 58 KB)

Darmstadt, 31. Oktober 2006                

Verantwortlich: gez. Pfarrer Stephan Krebs, Pressesprecher