Presseinformation der EKHN, 2007
Predigt zum Reformationstag am 31.10.07
von Professor Dr. Dr. h.c. Peter Steinacker, Kirchenpräsident
Zur Festveranstaltung am Reformationstag 2007
in der Lutherkirche Wiesbaden
1. Kor. 3, 5 - 17
ES GILT DAS GESPROCHENE WORT
An jedem 31. Oktober gedenken wir an den Beginn einer religiösen Bewegung, die nicht nur Deutschland, sondern die ganze westliche Welt, ihr Verständnis vom Ursprung, dem Wesen und der Bestimmung des Daseins der Menschen, seiner Welt als Natur und Geschichte, von der Gesellschaft und vom Staat geändert hat:
Wir gedenken des Beginns der Reformation. Und das tun wir öffentlich, weil die Reformation zwar das Geistliche und das Weltliche voneinander zu trennen lehrte, diese Trennung aber nicht als Beziehungslosigkeit wissen wollte. Unser Grundgesetz verbürgt die Religionsfreiheit, nebenbei: nicht nur der Christen, sondern aller Deutschen. Und Religion ist, Gott sei Dank, Privatsache – aber sie ist nicht nur Privatsache. Unser Glaube umfasst unser ganzes Leben, unsere privaten und öffentlichen Kommunikationen und Handlungen – und so ist die Reformation – trotz aller Entgleisungen und Verirrungen – teil der modernen Freiheitsgeschichte geworden. Gerade als Evangelische legen wir größten Wert darauf, dass das Christentum, trotz aller Entstellungen und Schande – die Religion der Freiheit ist.
Wir denken in diesem Jahr an die Gründung der EKHN vor 60 Jahren. In einem Land, das aus vielen Wunden blutend am Boden lag, und nur mühsam die Einsicht in die eigene Schande und moralische Katastrophe an sich heranließ, begannen unsere Väter und Mütter wieder Kirche aufzubauen, zu pflanzen, zu begießen – auf den Grund sich neu zu besinnen, der gelegt ist und der auch durch unser Versagen zwar verdunkelt aber nicht zerstört wurde, weil Gott das so will: Jesus Christus. An den Kirchenordnungen und Lebensordnungen, die entwickelt wurden, kann man sehen, dass die Gründergeneration im Sinne des Paulus sich am Aufbau der Kirche, der neuen EKHN, demütig aber auch voller Kraft Gottes Werk unterordnete. Wir sind an Gottes Werk beteiligt, nicht er an unserem, das war ihre feste Überzeugung. Gott lässt wachsen, was wir pflanzen, nicht wir: Gott gibt das Gedeihen und im Blick auf diese evangelische Konzentration auf Gott als das wirkliche Subjekt des Lebens unserer Kirche sind wir alle, die wir unsere Kirche lieben und in und für sie arbeiten, nachrangig. somit ist weder der etwas, der pflanzt, noch der, welcher begießt, sondern Gott, der das Gedeihen gibt.
Diese demütig – stolze Selbstverständnis regiert auch unseren Jahresbericht, von dem noch ein paar Exemplare bereit liegen.
60 Jahre gibt es die EKHN, aber in Wahrheit sind wir Teil der 2000 jährigen Kirchengeschichte – und auf die blicken wir dankbar zurück, dankbar dafür dass Gott seiner Kirche in ihren unterschiedlichen Konfessionen die Treue gehalten hat! – Trotz allem, was wir Christen und untereinander, aber auch den anderen Religionen und Weltanschauungen angetan haben, und manchmal noch tun. Gerade am Gedenktag der Reformation ab er lohnt es sich, auch über uns selber ein wenig nachzudenken, über unseren innerchristlichen Umgang miteinander, denn noch immer gibt es die innere Wunde des umstrittenen Kirche-Seins zwischen den Konfessionen, den verschiedenen Grundverständnissen unseres Glaubens.
Paulus hatte mit Parteiungen in Korinth zu kämpfen – mit Parteiungen, nicht mit der Vielheit und Unterschiedlichkeit der christlichen Lebensverständnisse in der kleinen christlichen Gemeinde in der Riesenstadt Korinth. Natürlich gab es unterschiedliche Gemeindeformen und unterschiedliche Arbeitsauffassungen, aber das eine Fundament Christus erlaubt nicht, aus dieser Vielheit einander ausschließende Parteiungen zu machen: Apollos und Paulus arbeiten unterschiedlich, aber sie sind eins in Christus. Natürlich gibt es auch Qualitätsunterschiede beim Bau der Kirche: Gold, Silber, Edelstein, Holz – gute kurz: kostbare Materialien – aber auch Heu und Stroh – wie tröstlich, schon in den apostolischen Zeiten gab es Pfusch in der Kirche (und Gott erhält sie trotzdem) – und dafür müssen wir uns auch vor Gott verantworten – aber in der Mitte dieser Feuerprobe steht der unumstößliche evangelische Satz: unser Werk wird verbrennen, wir selber aber gerettet werden. Gott unterscheidet zwischen unserem Tun und dem, was wir sind – denn wir sind in allen Unzulänglichkeiten unseres Lebens die Geliebten Gottes.
Wir sind und bleiben die Geliebten Gottes – das ist die rettende Insel in den Stürmen unseres Lebens. Gott will der Retter sein in der Angst und in allen Sorgen unseres Lebens. So viel Tod und Leid ist um uns und oft in uns, Verzweiflung und Trauer über zu frühen, nicht sanften Tod, soviel Lichtlosigkeit begegnen wir und geht von uns aus. Vieles geht schief - die Welt hat einen Sprung – wir sind und bleiben Gottes Geliebte – das ist das Christusfundament der Kirche, unseres Lebens. Und solange die Kirche sich an diesen Gott hängt und damit bei den Menschen bleibt, solange ist sie Kirche der Freiheit – unsere Aufgabe ist und bleibt, die Menschen jeden Alters, jeden Geschlechts als Gottes Geliebte zu sehen und ihre Würde zu achten.
Jede und jeder von uns wird andere Erinnerungen und Erfahrungen mit der Kirche haben – und auch daran zu erinnern kann helfen, die Spuren Gottes im Leben zu verfolgen. Viele von ihnen sind als Kinder getauft und haben keine Erinnerung daran. Die Taufe ist Gottes Vorgabe an uns: ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein.
Jubiläen sind auch Zeiten produktiver Erinnerung: Was ist aus dem Anfang des Christseins in der Taufe geworden? Hat es dem komplizierten Leben mit seinen Höhen und Tiefen stand gehalten? Ist er - der Glaube - mit ihnen erwachsen geworden, gereift – oder ist er verkümmert und verdorrt? Was haben Sie getan, um ihn – mit Paulus’ Worten – zu begießen, zu pflegen, zu entfalten? Manche haben sich vor dem Altar Gottes versprochen, in guten und bösen Tagen, in Gesundheit und Krankheit die Treue zu halten. Was ist daraus geworden? Ist es nicht eine wunderbare Erfahrung, dass die Liebe und das Für-einander-dasein halten können, durch alle Konflikte und Krisen hindurch?! Manche von uns werden vor den Trümmern ihrer Liebe und ihrer Hoffnung gestanden haben, manche haben mit Schmerz und Tränen die Liebe ihres Lebens begraben müssen. Hat der Glaube, das Vertrauen darauf, dass Gott es gut mit uns meint, dem Verlust standhalten können? Uns in unseren Kirchen haben wir unsere Freude und unsere Tränen vor Gott bringen können. In den größten Katastrophen am 11. September, dem Massaker in Erfurt und anderen Schrecken wussten auch die Menschen, die von Gott und der Liebe nichts mehr wissen – Bischof Noack sagt immer: „Bei uns im Osten haben die Menschen sogar vergessen, dass sie Gott vergessen haben“ – sie wussten wo man hingeht in solchen Situationen. Wisst ihr nicht, dass eure Leiber Gottes Tempel sind? – fragt Paulus. Gott begegnen wir nicht nur hier in unseren Kirchen, sondern in allem was wir sind, haben, was uns begegnet, beunruhigt, selbstbewusst werden lässt und niederdrückt, was wir tun und denken.
Und dieses atemberaubende Leben voller Gottesnähe wird gehalten und getragen von dem Gott, der uns rettet – auch durch das Feuer des aufregenden und unsere Kräfte total fordernden Lebens hindurch: Gottes Tempel ist heilig, und das seid ihr!
So ist Gott auch bei seiner EKHN geblieben, trotz allem Heu und Stroh, trotz aller Fehler, die alle Generationen gemacht haben. Aus der Dankbarkeit für Gottes Treue werden wir mutig und zukunftsoffen weiter Gottes Kirche bauen - die Kirche der Freiheit. Wir werden versuchen, sie auf das Jahr 2025 vorzubereiten – in der festen Hoffnung und der Gewissheit, dass wir es ja nicht sind, die unsere Kirche erhalten können, sondern der Herr der Kirche alleine. Amen
gez. Stephan Krebs, Pressesprecher EKHN
zurück | letzte Aktualisierung: 01.11.2007 | copyright by EKHN