Mitteilung der EKHN / 2008
Zwangsarbeit wirkte sich auch auf Kinder und Enkel aus
Evangelische Kirchen und Diakonische Werke veröffentlichen Erfahrungen Betroffener in der NS-Zeit und ihrer Nachkommen
Darmstadt/Frankfurt, 7. Mai 2008. Unter dem Titel „Auf Augenhöhe. Begegnungen und Gespräche über Zwangsarbeit in Kirche und Diakonie in Hessen 60 Jahre nach Kriegsende“ werden Erfahrungen von ehemaligen Zwangsarbeitenden in kirchlichen und diakonischen Einrichtungen Hessens und ihren Nachkommen in einem Buch veröffentlicht. Die Herausgeber und Hauptautoren Anette Neff, Historikerin, und Fred Dorn, Theologe und Sozialwissenschaftler, dokumentieren und reflektieren in dem 238 Seiten umfassenden Band Gespräche, Interviews und gemeinsame Erfahrungen während einer Besuchsreise, zu der die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck (EKKW) sowie die Diakonischen Werke in Hessen und Nassau (DWHN) und von Kurhessen-Waldeck (DWKW) ehemalige Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen mit Kindern oder Enkeln eingeladen hatten.
Das Buch führt die Tradition der Versöhnungsarbeit fort, die in der EKHN seit über 50 Jahren durch regelmäßige Kontakte und Einladungen geleistet wird. Die Begegnung mit ehemaligen Zwangsarbeitenden und ihren Nachkommen war durch eine Forschungsarbeit über Zwangsarbeit in kirchlichen Einrichtungen möglich geworden, die der Historiker Dirk Richhardt im Auftrag der Evangelischen Kirchen und Diakonischen Werke in Hessen-Nassau und Kurhessen-Waldeck im Jahr 2003 vorgelegt hatte. Damals konnten insgesamt 261 Menschen namentlich nachgewiesen werden, die in kirchlichen und diakonischen Einrichtungen hatten arbeiten müssen. Diese Recherche bot die Grundlage für die Einladung an diese Personen, die im Jahr 2004 ausgesprochen werden konnte.
Im Jahr 2005, wenige Tage vor dem 60. Jahrestag des Kriegsendes, war eine Gruppe von zwölf Personen aus Polen, der Ukraine und aus Russland zu Gast bei Kirche und Diakonie.
Fred Dorn und Anette Neff waren an der Planung und Realisierung des Projekts maßgeblich beteiligt.
Das Buch lässt an den Erfahrungen aus dieser Reise, die die ehemaligen Zwangsarbeiterinnen sowie ihre Kinder und Enkel zu ihren Einsatzorten und in drei Fällen zu ihren Geburtsstätten geführt hatte, teilhaben. Die Reise, die Gäste und Gastgeber gleichermaßen tief bewegte, wurde von lebensgeschichtlichen Interviews kontinuierlich
begleitet. Kern des Buches sind Auszüge aus diesen von Anette Neff geführten Interviews, die um persönliche Dokumente wie Briefe und Fotos ergänzt und von Dorn und Neff behutsam zeitgeschichtlich und lokal kontextualisiert wurden. Dabei wurde deutlich, dass
die Zwangsarbeit nicht nur bei den direkt Betroffenen prägende Auswirkungen auf den Lebensweg hatte, sondern gerade in den osteuropäischen Staaten auch die Lebenswege ihrer Kinder und Enkel entscheidend beeinflusst hat.
Auch die im Buch enthaltene Dokumentation des Besuchs in der Melanchthon-Schule in Steinatal sowie weitere Beiträge Beteiligter an der Besuchsreise machen deutlich, dass die persönlichen Lebensgeschichten nicht nur direkt für die Betroffenen und ihre Nachkommen bis heute bedeutsam sind. Sondern sie beleuchten auch einen lange vernachlässigten Teil der NS-Zeit und damit der deutschen Geschichte.
Kirchenpräsident: Die Menschen hinter der Zahl
Kirchenpräsident Dr. Peter Steinacker, der die Besuchsreise der Gäste zeitweise begleitet hatte, bezeichnete das Buch als „menschlich zutiefst bewegendes Zeugnis“. Wörtlich sagte er: „Das Buch macht die Menschen hinter der abstrakten Zahl 261 sichtbar und bringt uns und unseren Nachkommen ihr Schicksal nahe.“
Dr . Wolfgang Gern: Erinnern und nicht vergessen
Pfarrer Dr. Wolfgang Gern, Vorstandsvorsitzender des Diakonischen Werks in Hessen und Nassau, bezeichnete das Buch als „eindringliche Mahnung, die kirchliche und diakonische Beteiligung am Zwangsarbeitersystem nicht zu verdrängen“. „Erinnern und nicht vergessen, das bleibt die Botschaft“, so Gern. Das Buch markiere einen hoffnungsvollen Neuanfang, aufeinander zuzugehen und die betroffenen Familien solidarisch zu begleiten.
Das von Fred Dorn und Anette Neff herausgegebene Buch „Auf Augenhöhe“ enthält neben der Dokumentation und Reflexion der Reise wertvolle Links und Literaturhinweise, die zu weiterer Beschäftigung mit dem Thema und eigener Recherche anregen sollen. Es ist in der Reihe „Quellen und Studien zur Hessischen Kirchengeschichte“ als Band 15 erschienen und zum Preis von 17,50 Euro im Buchhandel erhältlich.
Hinweis für Redaktionen
Gerne senden wir Ihnen ein Rezensionsexemplar des Buches zu. Bitte fordern Sie es unter 06151/405-288 oder per an .
Verantwortlich: gez. Pfarrer Stephan Krebs, Pressesprecher
zurück | letzte Aktualisierung: 07.05.2008 | copyright by EKHN