Pressemitteilung der EKHN, Nr. 25 / 2008
„Verzweifelte Aktion“
Agrarexpertin der EKHN warnt vor Folgen des Milchboykotts
Darmstadt/Mainz, 30. Mai 2008. „Die Milch-Bauern stehen mit dem Rücken zur Wand und greifen jetzt zu ihrem letzten Mittel“, so hat die Agrarexpertin der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) Dr. Maren Heincke den Milchlieferboykott der Landwirte kommentiert. Dieses letzte Alarmzeichen müssten die Verantwortlichen in der Politik ernst nehmen. Wenn es nicht gelinge, den Landwirten ihre Erzeugungskosten und ein angemessenes Auskommen zu sichern, wäre das für sehr viele Milchviehhalter das Aus. In der Folge werde die Abhängigkeit Deutschlands von Nahrungsimporten steigen. Die Pflege der Landschaft, die bislang weitgehend Landwirte sicherstellten, werde der Gesellschaft zur Last fallen, sagte die Diplom-Agraringenieurin Heincke, die im Zentrum Gesellschaftliche Verantwortung der EKHN in Mainz Referentin für den Ländlichen Raum ist.
Landwirten fällt Milchboykott ethisch und finanziell schwer
Heincke wies darauf hin, dass ein solcher Milchboykott zum ersten Mal in Deutschland praktiziert werde. Angesichts seines ungewissen Ausgangs und der schwierigen Weltmarktlage müsse der Boykott der Landwirte als „verzweifelte Aktion“ angesehen werden, die vielen landwirtschaftlichen Familien und Höfen ihre Existenz vernichten könne, denn jeder Tag Umsatzausfall treibe die Betriebe näher an die Insolvenz. Heincke wies drauf hin, dass es den Landwirten persönlich, ethisch und emotional sehr schwer falle, die Milch nicht in den Handel zu bringen und damit den Verbrauchern auch nicht zugänglich zu machen, denn die Landwirte fühlten sich trotz aller Technisierung ihren Tieren und ihren Produkten besonders verbunden und nähmen ihre Aufgabe als Ernährer der Gesellschaft sehr ernst. Viele hätten auf die anhaltende Kritik aus der Gesellschaft an ihrer Tierhaltung reagiert und in den vergangenen Jahren in neue Ställe investiert, in denen es den Tieren gut gehe. Das stehe nun auf dem Spiel. Heincke räumte ein, dass die Lage kompliziert sei und es keine einfachen Lösungen gebe, denn viele Faktoren spielten eine Rolle. Wichtig sei aber jetzt zu sehen, dass offenbar eine Grenze erreicht sei. Noch könne die Gesellschaft die Folgen bedenken und die Situation gestalten. Eine mögliche Eskalation müsse unbedingt verhindert werden. Auseinandersetzungen innerhalb des Berufsstandes zwischen „Milch-Boykotteuren“ und „Milch-Lieferanten“ müssten fair ausgetragen werden. Niemand sollte in die eine oder andere Richtung genötigt werden.
Seelsorgerliche Begleitung und Fürbitten
Etliche Pfarrerinnen und Pfarrer in der EKHN berichteten, dass viele Landwirte seelsorgerliche Begleitung erbeten hätten. Dies zeige, äußerte Heincke, wie sehr die Situation den Landwirten zusetze. Viele Gemeinden würden am Sonntag die Milchbauern in Fürbitten berücksichtigen. Eine entsprechende Fürbitte finden Sie hier:
Vorschlag für eine Fürbitte in Evangelischen Gottesdiensten über die Sorgen der Milchbauern, die sie zu einem Milchlieferboykott veranlasst haben
Herr, unser Gott, wir danken für das Leben.
Wir danken Dir auch für die Schöpfungsgaben, die für uns zu Lebensmitteln werden.
Sie gehen durch unsere Hände und sind Dein Geschenk an uns.
Wir bitten um Gerechtigkeit und Fairness in der Produktion und Verteilung der Lebensmittel.
Lass uns Wege finden, die Güter der Erde besser unter allen Menschen zu teilen.
Niemand soll unter Hunger leiden.
Heute bitten wir dich besonders für die Situation der Milchbauern bei uns.
Viele sind in Existenznot geraten, denn die Preise, die sie für ihre Milch erhalten, decken die Kosten nicht.
Unsere Gedanken sind jetzt bei ihnen,
die unser Land bebauen und gestalten,
die uns ernähren, die aber selber in Not sind.
Wir erkennen ihre Verzweiflung daran, dass viele Milchbauern sich entschieden haben, keine Milch mehr zu liefern.
Ein Aufschrei, der ihnen selbst sehr weh tut.
Ein letzter Versuch.
Gütiger Gott, Schöpfer allen Lebens,
wir bringen ihre Not heute vor dich und bitten für sie,
dass die Verhandlungen bald zu einem guten Ergebnis führen,
dass Auswege aus ihrer verzweifelten Lage gefunden werden,
dass die Landwirte wieder Zuversicht schöpfen können.
Schenke den Menschen in unserem Land ein tieferes Verständnis dafür,
dass Lebensmittel ihren Wert haben.
Verantwortlich: gez. Pfarrer Stephan Krebs, Pressesprecher
zurück | letzte Aktualisierung: 04.06.2008 | copyright by EKHN