Pressemitteilung vom 2. Juli 2008

2. Juli 2008

Erklärung von Evangelischer Kirche und Diakonie in Hessen und Nassau und Kurhessen-Waldeck zur Veröffentlichung des Dritten Armuts- und Reichtumsberichts der Bundesregierung

 

In einer gemeinsamen Erklärung nehmen

Stellung zum Dritten Armuts- und Reichtumsbericht, den die Bundesregierung am 25. Juni 2008 vorgelegt hat. (Frankfurt am Main/Darmstadt/Kassel, 2. Juli 2008)

 

Die Erklärung hat folgenden Wortlaut:

 

armut reichtum
Quelle: EKHN/Pixelbiene/Pixelio
Die Schere zwischen arm und reich muss sich wieder schließen

Politisch verantwortliches Handeln braucht detaillierte Kenntnisse über die gesellschaftliche Entwicklung und die Einkommens- und Vermögensverhältnisse der Bürger. Wir begrüßen vor diesem Hintergrund, dass die Bundesregierung mit dem Dritten Armuts- und Reichtumsbericht eine dafür erforderliche Untersuchung vorlegt. Mit Betroffenheit nehmen wir zur Kenntnis, dass die Armut in unserem reichen Land stetig wächst. Immer mehr Menschen rutschen aus der Mittelschicht in Armut und die Schere zwischen Arm und Reich weitet sich. Denn auch der Reichtum in Deutschland wächst. Über diesen Skandal sagt der Bericht leider zu wenig.

1.
Der dritte Armuts- und Reichtumsbericht bestätigt die Entwicklung, die schon die ersten beiden Berichte aufgezeigt hatten: Die Zahl der Menschen, die in Armut leben müssen, steigt stetig. Immer mehr Kinder und Jugendliche sind davon betroffen, vor allem Kinder in Haushalten von Alleinerziehenden und Familien mit Migrationshintergrund. Auch die Zahl der dauerhaft armen Menschen ist gestiegen.

Wir fordern daher als Maßnahmen zur materiellen Sicherung der Existenz:

2.
Der vorliegende Bericht zeigt, dass immer mehr Menschen arm sind, obwohl sie arbeiten: Die Zahl der Erwerbstätigen im Niedriglohn wächst in Deutschland wie in keinem anderen westeuropäischen Land. Immer mehr Erwerbstätige müssen ihren niedrigen Lohn durch SGB II-Leistungen aufstocken. Das ist gesellschaftlich ein unhaltbarer Zustand. Die angestrebten Chancen für Langzeitarbeitslose oder prekär Beschäftigte, in eine stabile, existenzsichernde Beschäftigung zu gelangen, realisieren sich nach wie vor nur für wenige. Das hat mit fehlenden Bildungsabschlüssen und fehlenden Qualifikationen zu tun, aber auch mit der Frage eines Mindestlohnes. Die beiden Kirchen und ihre Diakonischen Werke werden sich an dieser Stelle intensiv in die Diskussion einbringen.

Wir fordern daher im Blick auf den Arbeitsmarkt:

3.
Armut ist nicht nur Einkommensarmut. Sie drückt sich aus in fehlender Beteiligung an den Möglichkeiten einer Gesellschaft.

Wir fordern daher mehr Beteiligungschancen auch für materiell arme Menschen:

4.
Wir vermissen im vorgelegten Entwurf einige wichtige Aussagen zur umfassenden Beschreibung der gesellschaftlichen Situation. Im Bericht fehlen Aussagen über die Reichtumsentwicklung und über die strukturellen Ursachen der Einkommens- und Vermögenskonzentration.

Wir fordern daher:

Wir erinnern dabei an das Gemeinsame Wort der Kirchen aus dem Jahr 1997: „Nicht nur Armut, auch Reichtum muss ein Thema der politischen Debatte sein. Umverteilung ist gegenwärtig häufig Umverteilung des Mangels, weil der Überfluss auf der anderen Seite geschont wird“ (Gemeinsames Wort „Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit“ des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Deutschen Bischofskonferenz zur wirtschaftlichen und sozialen Lage in Deutschland von 1997, Ziff. 24). Wer über Armut redet, darf über Reichtum nicht schweigen.

Wir setzen uns ein für eine gerechte, zukunftsfähige Gesellschaft, die von Strukturen geprägt ist, die Einzelnen die verantwortliche Teilnahme am gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben ermöglichen. In der Perspektive einer christlichen Ethik gilt es, sich dabei in besonderer Weise für die einzusetzen, die an der Verwirklichung dieser Möglichkeiten gehindert sind. Deshalb muss „alles Handeln und Entscheiden in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft an der Frage gemessen werden, inwiefern es die Armen betrifft, ihnen nützt und sie zu eigenverantwortlichem Handeln befähigt“ („Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit“, Ziff. 107).

Wir stellen mit Besorgnis fest, dass die Sozialreformen der letzten Jahre dazu geführt haben, dass Sozialpolitik immer weniger in der Lage ist, Menschen vor Armut zu schützen. Wer gute Bildung zur Armutsbekämpfung will, der muss auch über die Mittel verfügen, um in Bildung investieren zu können. Nötig zur Finanzierung dieser Maßnahmen ist eine gerechte Verteilung der Steuer- und Abgabenbelastung, die den Sozialstaat stärkt und dazu beiträgt, dass öffentliche Aufgaben besser bewältigt werden können.

In diesem Sinne unterstreichen wir noch einmal die durch die Armutsdenkschrift der EKD erhobene Mahnung: „In der hoch entwickelten und reichen Gesellschaft Deutschlands ist es auch aus ethischer Sicht notwendig, nicht nur extreme Armut ..., sondern auch Armut im Sinne unzureichender Teilhabe entschlossen und wirkungsvoll zu bekämpfen. Weit mehr als in ärmeren Gesellschaften kann es keine Entschuldigung geben für politische Zögerlichkeit oder eine mangelnde Bereitstellung von Ressourcen und Bildung zur Vermeidung von Armut und zur Stärkung von Solidarität. Es entspricht dem christlichen Verständnis und liegt im Interesse aller, dass dies wirksamer als bisher gelingt.“ („Gerechte Teilhabe“, S. 10).

gez.

Kirchenpräsident Prof. Dr. Dr. h. c. Peter Steinacker
Evangelische Kirche in Hessen und Nassau

Pfarrer Dr. Wolfgang Gern
Vorstandsvorsitzender des Diakonischen Werks in Hessen und Nassau

Bischof Prof. Dr. Martin Hein
Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck

Landespfarrer Oberlandeskirchenrat Dr. Eberhard Schwarz
Diakonisches Werk in Kurhessen-Waldeck