Pressemitteilung der EKHN, Nr. 43

17. November 2008

Kirchenpräsident Steinacker fordert „globalen Buß- und Bettag“

 

EKHN veröffentlicht Stellungnahme zur Finanzkrise



Darmstadt, 19. November 2008. „Was wir brauchen, ist ein kollektives Nachdenken, einen globalen Buß- und Bettag in dem Sinne, wie er historisch einmal gemeint war, nämlich als Zeit der gemeinsamen, gesellschaftlichen Reflexion von Fehlentwicklungen und der Bereitschaft zur Korrektur von Fehlentscheidungen und der Abkehr von falschen Leitbildern.“ Das schreibt Kirchenpräsident Prof. Dr. Peter Steinacker in einem Brief an die Kirchengemeinden der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) zum Buß- und Bettag, der am Mittwoch stattfindet. Den Kirchen komme dabei die wichtige Aufgabe und der „wertvolle Dienst an der Gesellschaft“ zu, zu dieser Neubestimmung aufzufordern, einzuladen, dafür einen Rahmen zu bieten und eine Atmosphäre zu schaffen, die „nicht einzelne an den Pranger stellt, sondern alle in einen konstruktiven Prozess der Neugestaltung unserer Gesellschaft einbezieht“.

Die jüngsten Ereignisse im Zusammenhang der globalen Finanzmarktkrise hätten, schreibt Steinacker, nicht nur viele Menschen durch persönliche Verluste oder drohende Zukunftsszenarien überrascht und erschüttert. Sie machten auch „die Notwendigkeit und die Dringlichkeit der Übernahme von Verantwortung durch Wirtschaftsführer und Politiker augenfällig“. Diese trete „zunehmend zurück im gnadenlosen Wettbewerb um die besten Quartalszahlen, kurzfristige Gewinnaussichten und Renditen“.

Wo bleiben die Konjunkturprogramme gegen Kinderarmut?

Kritisch merkt Steinacker an, dass das Eingreifen des Staates durch Regulierungen und Unterstützung in Milliardenhöhe für Banken und Industrie sowie Konjunkturprogramme im konkreten Fall sicher richtig und sinnvoll seien. Allerdings stelle sich doch die Frage nach der Einsatzbereitschaft der Gesellschaft für andere Probleme, „für Humanität, Nachhaltigkeit in globaler Perspektive und für zunehmend vom Ausschluss bedrohte Personenkreise wie die in Armut lebenden Kinder“.

Die Chance dieser Krise

In seinem Brief weist Steinacker auf eine Publikation hin, die das Zentrum Gesellschaftliche Verantwortung (ZGV) der EKHN zum Buß- und Bettag 2008 veröffentlicht. Sie trägt den Titel „Leben in Fülle für alle - Zur Krise an den Finanzmärkten“ und kann ab sofort hier als pdf-Dokument abgerufen sowie beim ZGV als gedruckte Broschüre unter , 06131/2874446 bestellt werden.

Die Broschüre bietet Hintergründe zur Entstehung der Krise, benennt Konsequenzen für Politik und Gesellschaft, sie eröffnet biblische Bezüge sowie wirtschafts- und sozialethische Ansätze. In der Broschüre wird gewarnt: „Es wäre ein eklatanter Fehler zu meinen, dass die ausgelöste Entwicklung nur eine Verlangsamung auf einem ansonsten aber unverändert weiter beschrittenen Weg sein könnte. Es geht jetzt darum, gesellschaftliche Themen, wie die Bekämpfung von Armut, die Gefährdung des Klimas und der verantwortungsvolle Umgang mit natürlichen Ressourcen nicht länger als „Luxus“ zu betrachten, sondern sie in ein neues Verständnis von Wachstum einzubinden. Darin kann die Chance dieser Krise liegen. Dafür Kräfte zu mobilisieren und zu ermutigen ist die gesellschaftliche Verantwortung der Kirche.“

Hintergrund: Buß- und Bettag

Der Buß- und Bettag wurde 1852 auf der Eisenacher Konferenz als gemeinsamer Landesbußtag in der damaligen Preußischen Union festgelegt. Damit wurden verschiedene regionale Bußtage auf einem Datum gebündelt. Seitdem hat das Kirchenjahr drei offizielle Bußtage, den Aschermittwoch, der die persönliche Buße in den Vordergrund stellt, den Karfreitag, der auf den Tod von Jesus Christus verweist, und den Buß- und Bettag im November, der die gemeinschaftliche Selbstbesinnung der Gesellschaft anregen soll. Der Buß- und Bettag war bis 1995 ein gesetzlich geschützter und damit arbeitsfreier Feiertag. Dann wurde sein arbeitsfreier Status - außer in Sachsen - als finanzielle Kompensation für die Pflegeversicherung abgeschafft. Trotzdem wird er von den Kirchen mit Gottesdiensten, Konzerten und anderen ernsten Veranstaltungen, die nun meist abends stattfinden, weiterhin gestaltet und erhalten.

Darmstadt, den 17. November 2008

 
Pfarrer Stephan Krebs, Pressesprecher EKHN