Pressemitteilung der EKHN / 2009

10. März 2009

 

“Zementpfarrer“ und Gründer der Mainzer Gossner Arbeit Horst Symanowski gestorben

Kirchenpräsident Jung: „In seinem Glauben fand er die Freiheit zu eigenem Denken, die Sicherheit klarer evangelischer Kriterien und die Kraft zu unerschrockenem Handeln“

 

Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) trauert um Pfarrer Horst Symanowski. Er verstarb in der Nacht vom Donnerstag auf Freitag in Mainz im Alter von 97 Jahren. Symanowski war Gründer der Gossner Arbeit in Mainz und trug den von der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem verliehenen Ehrentitel „Gerechter der Völker“, da er während des Dritten Reiches als Teil eines Netzwerkes der „Bekennenden Kirche“ in Ostpreußen Juden versteckt und damit vor dem Tod bewahrt hatte.

„Türen zwischen Kirche und Arbeitswelt geöffnet“

Kirchenpräsident Dr. Volker Jung würdigte Symanowski als „gläubigen Protestanten, der in seinem Glauben die Freiheit zu eigenem Denken, die Sicherheit klarer evangelischer Kriterien und die Kraft zu unerschrockenem Handeln gefunden hat“. Dies habe er während der NS-Zeit bewiesen, als er und seine Frau Isolde unter eigener Lebensgefahr halfen, das Leben jüdischer Menschen zu retten. Dies habe er auch nach dem Krieg bewiesen, als er das distanzierte Verhältnis zwischen Kirche und Arbeitswelt wahrnahm und dem Mainzer Zentrum der Gossner Mission als „Seminar für Kirchlichen Dienst in der Industriegesellschaft“ einen neuen Arbeitsschwerpunkt gab. Wörtlich sagte Jung: „Horst Symanowski hat durch seine persönliche Arbeit in der Zementfabrik, die ihm den Beinamen „Zementpfarrer“ einbrachte, und durch seine beharrliche Vermittlungsarbeit Türen zwischen Kirche und Arbeitswelt geöffnet. Er hat Generationen von jungen Theologen durch Industriepraktika und Halbjahresseminare für den tiefen Graben zwischen Kirche und Arbeitswelt sensibilisiert. Daran knüpft die EKHN noch heute als eine Kirche an, die Glauben und gesellschaftliches Handeln miteinander verbindet.“ Als Grenzgänger zwischen den Bereichen habe Symanowski auf beiden Seiten Berührungsängste abgebaut, „weil er davon überzeugt war, dass unser Herr Jesus Christus alle mit seinen Armen umfasst, unabhängig von Einkommen, Partei, Religion und Nationalität.“ Sein Leitspruch sei gewesen: „Nicht wir haben Christus zu den Menschen zu bringen, sondern ihm dorthin zu folgen, wo er immer schon ist – bei den Menschen am Ort ihrer Arbeit, ihrer Leiden und Kämpfe“.

Evangelium als gesellschaftsprägende Kraft gesehen“

Pfarrrerin Gundel Neveling, die Leiterin des Zentrums Gesellschaftliche Verantwortung der EKHN, stellte die Verdienste Symanowskis an den Schnittstellen zwischen Arbeitswelt, Gewerkschaften, Betrieben und Kirche heraus: “Horst Symanowskis Arbeit in der Gossner Mission führen wir heute im „Gossner Haus“ in Mainz und mit den Profilstellen für gesellschaftliche Verantwortung in den Dekanaten fort. Wir fühlen uns ihm tief verpflichtet.“ Ihm sei es in erheblichem Maße zu verdanken, dass „in der EKHN ganz selbstverständlich das Evangelium auch als gesellschaftsprägende Kraft gesehen werde.“

Zur Person Horst Symanowski

Horst Symanowski wurde am 8. September 1911 in Nikolaiken/Ostpreußen (heute Polen) geboren. Als Pfarrer wurde er zunächst zum Wehrmacht eingezogen, dann aber schwerverletzt  entlassen. Da er NS-Gegner und Mitglied der Bekennenden Kirche war, konnte er nicht in der – gleichgeschalteten - Kirche arbeiten. Als „illegaler Bruder“ fand er eine Anstellung bei der Gossner Mission und konnte in diesem Zusammenhang Kontakte zu Menschen knüpfen, die bereit waren, Juden zu verstecken. Nach dem Krieg wechselte Symanowski in das Rhein-Main- Gebiet. Seit 1948 hat er mit großer Beteiligung von Partnern aus der weltweiten Ökumene das Gossnerhaus in Mainz-Kastel und ab 1971 in Mainz begründet. Statt ein Studentenwohnheim für zukünftige Missionare aufzubauen, entdeckte er die Menschen in der Industrie, zu denen die Kirche damals kaum Kontakte hatte. Fortan organisierte er diese Kontakte. Dazu zählten auch Industriepraktika, mit denen er Theologiestudierende für die Situation in der Arbeitswelt vertraut machte, sowie 18 Ökumenische Aufbaulager, die theologische und praktische Arbeit miteinander verbanden. Lange eigene Arbeitsphasen in der Industrie brachten ihm den Beinamen „Zementpfarrer“ ein. Seine Pionierarbeit an der Schnittstelle zwischen Kirche und Arbeitswelt ist international vielfach aufgegriffen, anerkannt und gewürdigt worden. Seit 2001 führt das Zentrum Gesellschaftliche Verantwortung sowohl den Standort in Mainz als auch das Profil der früheren Arbeit Symanowskis und der Gossner Mission weiter.


gez: Pfarrer Stephan Krebs, Öffentlichkeitsarbeit der EKHN