Pressemitteilung der EKHN, 2009

14. Mai 2009

Der Begriff Gotteslästerung eröffnet keinen Dialog sondern beendet ihn

Peter Steinacker äußert sich zur Verleihung des Hessischen Kulturpreises und begründet, warum er einen muslimischen Empfänger ablehnt


Frankfurt, 14. Mai 2009. "Der interreligiöse Dialog liegt mir seit 20 Jahren persönlich sehr am Herzen. Er ist aus meiner Sicht unverzichtbar für ein friedliches Zusammenleben in Hessen, Deutschland und der Welt. Während der jüdisch-christliche Dialog nach den schrecklichen Ereignissen des Holocaust aufmerksam und intensiv geführt wurde und wird, ist der islamisch-christliche Dialog erst sehr viel später in Gang gekommen. Die Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) war auf diesem Gebiet eine Vorreiterin. Als Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) habe ich von Anfang an den kritischen Dialog der Religion befördert und selber streitig und kontrovers geführt. Er war stets getragen von gegenseitigem Respekt und gegenseitiger toleranter Akzeptanz der Gesprächspartner. In Darmstadt habe ich vor mehr als zehn Jahren den Großsheik Tantawi aus Ägypten zum Dialog empfangen und bin seiner Einladung zu Gastvorlesungen an der Al Azhar Universität mehrere Jahre lang gefolgt. Mit hochrangigen Religionsgelehrten in Ägypten, Libanon, Indien, Indonesien, und Japan habe ich den interreligiösen Dialog gepflegt – zuletzt vor einer Woche mit einer ägyptischen Delegation im Kloster Loccum, der Akademie der hannover´schen Kirche. Zahlreiche Vorträge habe ich zu dem Thema gehalten, deren Essenz in dem Buch „Wahrheitsanspruch und Toleranz“ veröffentlicht sind. Um diese Begriffe geht es im Kern. Wie können Religionen, die jede für sich den Anspruch der Wahrheit haben und nicht aufgeben können und sollen, trotzdem einander tolerant begegnen? Diesen Dialog zu fördern, darauf kommt es an.

Recht auf Selbstinterpretation Grundlage des Dialogs

Bei meinen vielen Gesprächen sind manche Differenzen der Religionen auch mit allem Nachdruck und sogar Härte besprochen worden. Aber niemals in all diesen Jahren habe ich es erlebt, dass im Dialog eine Seite der anderen vorgeworfen hat, das Zentrum ihres Glaubens – und das ist für das Christentum die Kreuzestheologie – sei Gotteslästerung und Bilderdienst. Dass Muslime wegen der Korantexte Probleme mit der christlichen Kreuzestheologie haben, ist dabei immer klar gewesen. Und umgekehrt ist selbstverständlich, dass Christen mit islamischern Glaubensüberzeugungen Probleme haben. Grundlage des Dialoges kann nur sein, dass man sich gegenseitige das Recht auf Selbstinterpretation zubilligt und dies nicht als blasphemisch (gotteslästerlich) denunziert. Wenn Navid Kermani in der Neuen Züricher Zeitung die Ablehnung der Kreuzestheologie für sich drastischer formuliert: „Gotteslästerung und Idolatrie!“ eröffnet er den Dialog nicht sondern beendet ihn. Die ungenaue und unpräzise Schlusssatz. „ Ich könnte an ein Kreuz glauben!“ kann ihn ohne Erläuterung nicht einfach wieder eröffnen. Christen glauben nicht an ein „Kreuz“ sondern an den gekreuzigten und auferstandenen Christus und beten auch kein Kreuz an.
Ich habe diesen Artikel aufmerksam gelesen, ich habe seine gedankliche Bewegung wahrgenommen und anerkenne seine kluge dialektische Gedankenführung. Aber der Begriff „Gotteslästerung“ für den gekreuzigten Christus bleibt darin bis zum Ende unwidersprochen bestehen. Der gekreuzigte Christus ist das Zentrum meines Glaubens. Ich habe Verständnis dafür, dass Muslime das anders sehen. Aber ich habe kein Verständnis dafür, dass ein Muslim, der mit mir für Toleranz und Respekt gegenüber dem ihm Fremden geehrt werden soll, mein Glaubenszentrum als Gotteslästerung bezeichnet. Ich tue dies im umgekehrten Fall auch nicht über islamische Glaubensinhalte. Deshalb bitte ich um Verständnis, dass ich mich außerstande sehe, mich zusammen mit dem Autor dieses Artikels für einen toleranten interreligiösen Dialog als Lebensleistung, wie die Absicht des Preises ist, ehren zu lassen.

Dialog kompliziert und von Missverständnissen geprägt

Ich bedaure sehr, dass der Hessische Kulturpreis auf diese Weise in die Diskussion geraten ist.
Der interreligiöse Dialog ist außerordentlich kompliziert und von vielen Missverständnissen geprägt. Sie entstehen aus multikulturellen Unterschieden, sozialen und weltpolitischen Aspekten, unterschiedlichen Verständnissen von Wissenschaft, freiem Diskurs, unterschiedlichen Gesprächskulturen und meistens auch Sprachproblemen. Aufgrund dieser Schwierigkeiten, die im praktischen Vollzug unseres gemeinsamen Alltags an unzählbaren Facetten auftauchen, befindet sich der Dialog noch am Anfang. Gerade deshalb betrachte ich es als eine andauernde Lebensaufgabe für mich, dafür Grundlagen und weiterführende Strukturen zu schaffen und zu festigen. Ich bin zu allen Diskussionen bereit – gerne auch mit Herrn Kermani."

Verantwortlich: Peter Steinacker Kirchenpräsident a.D.