Pressemitteilung der EKHN Nr.67 / 2009
Wann und wie sind Auslandseinsätze der Bundeswehr sinnvoll?
Austausch zwischen Evangelischer Kirche und Bundeswehr unter neuer Leitung von Kirchenpräsident Jung und Generalmajor Stelz

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Darmstadt, 11. November 2009. Die Auslandseinsätze der Bundeswehr waren das Hauptthema eines Spitzengesprächs zwischen dem Stab des Wehrbereichskommandos II (WBK II) der Bundeswehr in Mainz und der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN). Der Gedankenaustausch, der regelmäßig stattfindet, wurde erstmals vom neuen Kirchenpräsidenten Dr. Volker Jung und dem neuen Befehlshaber, Generalmajor Gerhard Stelz, geleitet und fand am Mittwoch in Darmstadt statt.
Sinnvoll ohne Waffen
Oberstleutnant Andreas Schandelmaier berichtete von seinem Einsatz als UN-Beobachter im Sudan. Dort gelinge es den unbewaffneten Beobachtern alleine durch ihre Präsenz und ihre Gespräche die seit Jahrzehnten kämpfenden gegnerischen Seiten zur Einhaltung des Waffenstillstands zu bewegen. Unter dem Schutz der multinationalen UN-Teams könne auch die Zivilbevölkerung ihren dringenden Wunsch nach Frieden äußern und werde von den Kämpfern ernst genommen.
Sinnvoll nur mit „afghan face“
Oberstleutnant Helge Rücker berichtete von seinen drei Einsätzen in Afghanistan, wo der Aufbau ziviler Strukturen zwar vorankomme, gleichzeitig aber die Sicherheitslage schlechter werde. Wichtiges Gesprächsthema war die interkulturelle Kompetenz, die ausländische Einsatzkräfte in Afghanistan unbedingt benötigten und die die Bundeswehr intensiv vermittelt. Schulen zu bauen oder Brunnen zu bohren sei nicht immer sinnvoll, führte Rücker aus. In vielen Dörfern würden die Kinder ausschließlich im Rahmen der Großfamilie ausgebildet. Deshalb würden von Ausländern gebaute Schulgebäude oft als Ställe genutzt. Und der Weg zum entfernten Brunnen sei für viele Frauen oft die einzige Chance, sich untereinander frei auszutauschen. Ein Brunnen direkt im Dorf nehme ihnen diese Chance. Die Bundeswehr achte deshalb bei ihren Einsätzen darauf, dass sie ein „afghan face“ hätten, dass also Afghanen sie zu ihrer Sache machten und auch dafür einstünden.
Sinnvoll nur mit Hilfsorganisationen zusammen
Ein weiterer Gesprächsgang war dem wichtigen und problematischen Verhältnis der Militäreinheiten mit den Hilfsorganisationen gewidmet. Generalmajor Stelz beklagte, dass die Berichterstattung über Afghanistan das Militär überbetone. Die Rolle der Hilfsorganisationen werde dabei unterschätzt. „Wir können zwar einen befriedeten Raum schaffen. Aber dann müssen andere kommen und die Zivilgesellschaft entwickeln. Das ist nicht unsere Aufgabe.“ Dafür wolle die Bundeswehr Teil eines Teams sein, in dem jeder seine Kompetenzen einbringe. Da die zivilen Komponenten aber oft fehlten, müsse die Bundeswehr allzu oft deren Aufgaben mit übernehmen. Ein wichtiger Baustein für den Erfolg des internationalen Einsatzes sei eine gute Zusammenarbeit des Militärs mit den Hilfsorganisationen. Sie müsse gut koordiniert und sinnvoll aufeinander abgestimmt werden, sagte Stelz. Die Instanz dafür, die dazu ein Mandat hat und die alle respektieren, sei die UNO. Sie müsse „die Solisten der verschieden Organisationen zu einem gemeinsamen Orchester zusammenstellen“.
Sinnvoll nur mit klaren Zielen
Kirchenpräsident Jung kritisierte die politische Debatte in Deutschland über den Einsatz in Afghanistan. Sie werde „nicht offen, ehrlich und transparent genug“ geführt. „Unsere Soldaten riskieren dort ihr Leben ohne genau zu wissen wofür. Wenn die Bundeswehr in solche Einsätze geschickt wird, dann muss die Regierung dafür klare Ziele benennen. Diese Ziele müssen erreichbar sein und es muss klar sein, unter welchen Umständen die Bundeswehr wieder nach Hause gehen darf. Nichts davon ist in Afghanistan wirklich klar.“, kritisierte Jung.
Stelz dankte ausdrücklich für die Arbeit der Kirche in der Militärseelsorge. Sie sei viel wichtiger geworden, seit die Bundeswehr Auslandseinsätze leiste. Mancher Soldat, der den Kontakt zur Kirche verloren habe, entdecke die Themen der Kirche im Einsatz wieder, denn die Belastungen seien sehr hoch und führten in Grenzbereiche des Lebens. Da erhielten „längst vergessen geglaubte Werte eine ganz neue Bedeutung“.
Kirchenpräsident Jung sagte: „Wir schätzen den Beitrag, den die Bundeswehr für die Gesellschaft leistet.“ Frühere grundsätzliche Gegensätze zwischen Bundeswehr und Kirche seien nach seiner Einschätzung gegenwärtig überwunden, beide seien Teil eines gemeinsamen Systems der Gesellschaft.
Das WBK II ist auf der Ebene Division ein Großverband mit Führungsverantwortung für unterstellte Kräfte der Streitkräftebasis. Mit seinen Führungsunterstützungs- und Feldjägerkräften leistet das WBK II einen substanziellen Beitrag zu Auslandseinsätzen, indem es leistungsfähiges und vorbereitetes Personal dauerhaft abstellt sowie zuverlässige Dienstleistungen für Einsätze erbringt. Dem Kommando sind etwa 10.000 Soldatinnen und Soldaten sowie 1.000 zivile Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unterstellt. Der Wehrbereich umfasst die Bundesländer Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz , Hessen und das Saarland. Hier nimmt das WBK II „Territoriale Aufgaben“ wahr und koordiniert die „Zivil-militärische
Veranstaltungshinweis:
Zur Neuorientierung evangelischer
Friedensethik im 21. Jahrhundert
Im Römerkastell Saalburg im Taunus wird sich ein Symposium des Evangelischen Bundes Hessen und Nassau (EBHN) am Samstag, 21. November 2009, 10.00 bis 19.00 Uhr mit dem Thema "Krieg und Frieden" beschäftigen. Nach der einführenden Bibelarbeit durch die Frankfurter Pröpstin Gabriele Scherle und einer Führung durch das Römerkastell Saalburg diskutieren auf dem Podium der Historiker Professor Dr. Werner Eck (Universität Köln), der Militärbischof der EKD, landessuperintendent Dr. Martin Dutzmann, der Berner Sozialethiker Professor Dr. Wolfgang Lienemann und Dieter Weigold, Oberst im Generalstab und Chef des Stabes des Wehrbereichs II (Mainz).
Aufgrund der großen Nachfrage ist die Anmeldefrist verlängert bis 15.11.09.
Zusammenarbeit“ sowie Hilfseinsätze der Bundeswehr bei Naturkatastrophen und besonders schweren Unglücksfällen.
Verantwortlich: gez. Pfarrer Stephan Krebs, Pressesprecher
zurück | letzte Aktualisierung: 13.11.2009 | copyright by EKHN