Kommentar
Der Glaube zeigt sich in jeder Lebenssituation neu, er ist kein statischer Besitz
EKHN-Pressesprecher Stephan Krebs kommentiert die Ergebnisse der HR-Studie „Was glauben die Hessen?“
Quelle: www.hr-online.deDarmstadt.Die Studie „Was glauben die Hessen“ zeigt, dass viele Menschen sich heute intensiv mit religiösen Themen beschäftigen. Vielen ist dabei ihre persönliche Freiheit wichtig, sie wollen sich nicht mit vorgefertigten Dogmen bevormunden lassen, sondern ihre eigene Wahl treffen. Zugleich finden sie es wichtig, dabei von einer Kirche als einer seriösen und zuverlässigen Institution unverbindlich begleitet zu werden. Dies ist für uns als evangelische Kirche keine Defizitanzeige, sondern im Gegenteil eine Bestätigung. Denn als evangelische Kirche wollen wir Menschen auf ihrem Glaubensweg begleiten, ihnen aber nicht mit vorgefertigten Wahrheiten einen angeblich richtigen Weg vorschreiben. Deshalb empfinden wir es auch nicht als Defizit, dass viele Menschen laut Studie nicht davon ausgehen, dass die Kirchen Antworten auf ihre wichtigen Lebensfragen hat. Unser Anspruch ist es, sie auf der Suche nach Antworten zu unterstützen und ihnen dabei den Schatz der christlichen Glaubenserfahrungen zu eröffnen. Was sie davon in ihrer jeweiligen Lebenssituation bewegen kann, müssen und werden sie selbst spüren. Der Glaube zeigt sich in jeder Lebenssituation neu, er ist kein statischer Besitz.
Ganz verschiedene Gründe für und gegen Kirchenmitgliedschaft
Die Studie belegt, dass es Christen außerhalb der Kirche und Atheisten innerhalb der Kirche gibt. Es gehört zu den Grundüberzeugungen der Reformation, dass jeder Mensch in die Lage versetzt werden soll, über seinen Glauben selbst zu entscheiden. Das tun viele Menschen auch in Bezug auf ihre Kirchenmitgliedschaft, wie Umfragen bereits vor 20 Jahren ergeben haben (siehe EKD-Studie Fremde Heimat Kirche). Menschen sind und bleiben in der Kirche aus ganz unterschiedlichen Gründen, nicht immer steckt eine aktuelle persönliche Glaubenshaltung dahinter. Zugleich gibt es Christen, die ihren Glauben außerhalb der verfassten Kirche leben. Als EKHN freuen wir uns natürlich über jedes Mitglied und kämpfen darum, dass Menschen ihre Heimat in der EKHN finden. Aber aus evangelisch-theologischer Sicht erkennen wir christliche Lebensentwürfe auch außerhalb unserer Kirche an. Hier gibt es einen Unterschied zu katholischen Sicht.
Glauben an Jesus Christus defizitär
Insbesondere als evangelische Kirche trifft uns allerdings ein Ergebnis, das die HR-Studie benennt, hart. Der Reformator Martin Luther hat die zentrale Bedeutung von Jesus Christus betont. Dem folgt laut Studie nur eine Minderheit der Christen. Im Zentrum stehen demnach eher allgemeine Vorstellungen von Gott als Schöpfermacht und als transzendente Tiefendimension des Lebens. Das kann die evangelische Kirche nicht auf sich beruhen lassen. Zu finden sind überzeugende Worte und Bilder dafür, was das Leben, Sterben und Auferstehen von Jesus Christus für uns Menschen im 21. Jahrhundert nach Christus bedeutsam macht.
Heile Welt als Vergleichspunkt?
Die Studie zeigt Defizite auf und gibt den Kirchen Hausaufgaben auf. Aber ein Alarmsignal für den Untergang der Kirchen ist sie nicht. Hinter einem solchen Verständnis steckt - meist unausgesprochen – die Vorstellung, dass früher alle Kirchenmitglieder bibel- und glaubensfest gewesen seien. Das ist aber nie erhoben worden. Vielmehr war früher die Mitgliedschaft in der Kirche weitgehend vorgeschrieben oder zumindest durch sozialen Druck sicher gestellt. Glaubensinhalte waren definiert und wurden weithin hingenommen. Umfragen wurden nicht gemacht. Insofern wird bei heutigen Niedergangsszenarien ein Wunschbild als Vergleichspunkt genommen. Natürlich wünschen wir uns mehr gläubige Herzen in unserer Zeit. Es ist aber aus evangelischer Sicht ein Gewinn und eine Entwicklung in die richtige Richtung, dass heute Menschen kritischer über den Glauben nachdenken und an sich den Anspruch stellen, über ihren Glauben selbst zu entscheiden – und auch über ihre Kirchenmitgliedschaft. Für die Institution Kirche wirft das Probleme auf, die sie aber aus Überzeugung erträgt . Denn die heutigen Menschen sind am Freiheitsimpuls der Reformation viel näher dran als das zuvor viele Jahrhunderte lang möglich war. Die geradezu logische Folge ist eine sichtbare und messbare Pluralisierung des Glaubens. Das zeigt die Studie auf.
Die EKHN ist dankbar, dass sich der Hessische Rundfunk des Themas „Was glauben die Hessen“ angenommen hat. Die Untersuchung der Katholischen Hochschule in Freiburg bestätigen Umfragen, die die EKHN, teils in Zusammenarbeit mit de Evangelischen Kirche in Deutschland, seit vielen Jahren aufgezeigt haben.
Verantwortlich: gez. Pfarrer Stephan Krebs, Pressesprecher
zurück | letzte Aktualisierung: 25.01.2012 | copyright by EKHN