Pressemitteilung der EKHN, Nr. 1, 2012

13. Januar 2012

Arbeiterpfarrer und Gerechter der Völker

Eine Ausstellung in Darmstadt zeigt ab Montag, 16. Januar, das bewegte Leben von Horst Symanowski

Ehepaar Symanowski
Quelle:EKHN
Horst Symanowski und Ehefrau Christa Springe-Symanowski im Dezember 2006

Darmstadt. Er war ein bundesweit anerkannter Pionier im schwierigen Grenzbereich zwischen Industrie und Kirche. Während der NS-Zeit war er zudem einer, der verfolgte Juden rettete und dafür den Ehrentitel „Gerechter der Völker“ erhielt – Pfarrer Horst Symanowski. Eine Ausstellung in Darmstadt erinnert an das bewegte und spurenreiche Leben dieser außergewöhnlichen evangelischen Persönlichkeit. Die Ausstellung, die aus 18 Elementen und einer Abspielstation besteht, beginnt am Montag (16. Januar 2012) und ist bis zum 27. Januar geöffnet. Dann wandert sie weiter nach Berlin. In Darmstadt kann sie von 8 bis 17 Uhr (freitags bis 14.30 Uhr) in der Kirchenverwaltung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) am Paulusplatz 1 besucht werden. Konzipiert wurde die Wanderausstellung, die den Titel „Ermöglichen als Lebensaufgabe“ trägt, von der Evangelischen Akademie Arnoldshain, die Gossner-Mission (Berlin), der Gossner-Konvent, der Verein Arbeitswelt und Gerechtigkeit. der Gossner Haus Mainz e.V., der Kirchliche Dienst in der Arbeitswelt und das Zentralarchiv der EKHN.

Einer der einflussreichsten Vordenker kirchlicher Industrie- und Sozialarbeit

Horst Symanowski (1911-2009) ist eine herausragende und prägende Gestalt des deutschen Protestantismus im 20. Jahrhundert. Seine pointierte Stellungnahme und sein großes Engagement für die Belange von Arbeiterinnen und Arbeitern brachte ihm viele, nicht immer freundlich gemeinte Bezeichnungen ein: „Arbeiterpfarrer“, „Betonpfarrer“ oder auch „der Rote Pastor“. In Deutschland und in der internationalen ökumenischen Bewegung gilt er als einer der einflussreichsten und kreativsten Vordenker kirchlicher Industrie- und Sozialarbeit. Früh hat er zudem vor einer Wiederbelebung des Faschismus in Deutschland gewarnt, sich gegen den „Radikalenerlass“ und die Berufsverbote gewendet und sich in der Ostermarschbewegung und für die Versöhnung mit Polen eingesetzt. Er und seine verstorbene erste Frau Isolde wurden von der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem zu „Gerechten der Völker“ ernannt. Beide hatten während der NS-Zeit Menschen jüdischer Herkunft in Ostpreußen Verstecke besorgt.

Kirchenpräsident Jung: „Generationen von jungen Theologen für den tiefen Graben zwischen Kirche und Arbeitswelt sensibilisiert“

Kirchenpräsident Dr. Volker Jung würdigte seine Arbeit: „Horst Symanowski hat Generationen von jungen Theologen durch Industriepraktika und Halbjahresseminare für den tiefen Graben zwischen Kirche und Arbeitswelt sensibilisiert. Daran knüpft die EKHN noch heute als eine Kirche an, die Glauben und gesellschaftliches Handeln miteinander verbindet.“ Als Grenzgänger zwischen den Bereichen habe Symanowski auf beiden Seiten Berührungsängste abgebaut, „weil er davon überzeugt war, dass unser Herr Jesus Christus alle mit seinen Armen umfasst, unabhängig von Einkommen, Partei, Religion und Nationalität.“ Sein Leitspruch sei gewesen: „Nicht wir haben Christus zu den Menschen zu bringen, sondern ihm dorthin zu folgen, wo er immer schon ist – bei den Menschen am Ort ihrer Arbeit, ihrer Leiden und Kämpfe“.

Zur Person

Horst Symanowski wurde am 8. September 1911 in Nikolaiken/Polen geboren. Als Pfarrer wurde er zunächst zur Wehrmacht eingezogen, dann aber schwerverletzt entlassen. Da er NS-Gegner und Mitglied der Bekennenden Kirche war, konnte er nicht in der – gleichgeschalteten - Kirche arbeiten. Als „illegaler Bruder“ fand er eine Anstellung bei der Gossner Mission in Berlin und konnte in diesem Zusammenhang Kontakte zu Menschen knüpfen, die bereit waren, Juden zu verstecken. Nach dem Krieg wechselte Symanowski in das Rhein-Main-Gebiet. Seit 1948 begründete er mit Partnern aus der weltweiten Ökumene das Gossnerhaus in Mainz-Kastel und ab 1971 in Mainz. Doch statt ein Studentenwohnheim für zukünftige Missionare aufzubauen, entdeckte er die Menschen in der Industrie, zu denen die Kirche damals kaum Kontakte hatte. Fortan organisierte er diese Kontakte. Dazu zählten auch Industriepraktika, mit denen er Theologiestudierende für die Situation in der Arbeitswelt vertraut machte, sowie Ökumenische Aufbaulager, die theologische und praktische Arbeit miteinander verbanden. Lange eigene Arbeitsphasen in der Industrie brachten ihm den Beinamen „Zementpfarrer“ ein. Seine Pionierarbeit an der Schnittstelle zwischen Kirche und Arbeitswelt ist international vielfach aufgegriffen, anerkannt und gewürdigt worden. Seit 2001 führt das Zentrum Gesellschaftliche Verantwortung der EKHN sowohl den Standort in Mainz als auch das Profil der früheren Arbeit Symanowskis und der Gossner Mission weiter.

 

Verantwortlich: gez. Pfarrer Stephan Krebs, Pressesprecher