Obdachlosenspeisung in Frankfurt

05. Februar 2009

 

„Wir geben keinen Menschen auf der Straße verloren!“

Kirchliches Engagement für Obdachlose als Sprungbrett in ein geregeltes Leben

 

Es ist kalt, deswegen ist er schon am späten Nachmittag in seinen Schlafsack geschlüpft und freut sich auf die heiße Erbsensuppe aus der Dose, die ihn von innen aufwärmen soll. Zu spät bemerkt er die Gruppe Jugendlicher. Wie gelähmt sieht er zu, wie ein gezielter Fußtritt gegen die geöffnete Dose die sämige Suppe über seinen Schlafsack verteilt. Noch eine Niederlage an diesem Tag. Am Vormittag konnte er schon nicht an seine Kleider herankommen, die er in einem Schließfach untergebracht hat - das Geld hat gefehlt.

Das Leben auf der Straße ist hart. Um es für Obdachlose erträglicher zu machen und ihnen eine Perspektive zu bieten, haben die Diakonie und die evangelische Kirche ein breites Spektrum an Hilfen auf die Beine gestellt.
Stefan Gillich, der Referent für Gefährdetenhilfe des Diakonischen Werkes in Hessen und Nassau, stellt die Angebote, die eng miteinander verzahnt sind, vor:

Angebote für Wohnungslose stellt die Diakonie in Alsfeld, Bensheim, Darmstadt, Frankfurt am Main, Friedberg, Gießen, Groß-Gerau, Mainz, Offenbach, Rüsselsheim und Wiesbaden bereit.

Menschen, die in der Wohnungslosenhilfe landen, sind meist bereits durch viele andere Hilfesysteme gefallen. Aber: „Wir geben keinen Menschen verloren!“ Dies betont Stefan Gillich und erklärt, was eine erfolgreiche Arbeit ausmacht: „Der Mensch in seiner Notlage bestimmt selbst, in welchem Bereich seines Lebens wir helfen sollen und wie weit diese Hilfe geht.“ Die Aufgabe der Mitarbeitenden sei es dann, im richtigen Moment ansprechbar zu sein.
Seine These veranschaulicht er an der Lebensgeschichte von Lothar M.:

Wunder? Und es gibt sie doch!

„Über Jahre hinweg hielt Lothar M. Kontakt. Er besuchte die Tagesstätte und nutzte das Beratungsangebot, um z.B. existenzsichernde Hilfen wie die Sozialhilfe zu erhalten. Weitergehende Unterstützungsangebote lehnte er ab. Zehn Jahre lang lebte er schließlich auf der Straße und konsumierte dabei unglaublich viel Alkohol. Er war ein stadtbekanntes Gesicht. Doch eines Tages kam er zu mir in die Beratung und sagte, wenn er jetzt nichts tue, werde er diesen Winter nicht überleben. Dafür brauche er Unterstützung. Was dann geschah, grenzt an ein Wunder: Er ließ seinen Körper entgiften, fand einen Job und eine Wohnung. Durch einen Lottogewinn konnte er sich sogar das Auto leisten, mit dem er nun zu seinem Arbeitsplatz fährt.“



Bibel als Basis für politisches und soziales Engagement

Vom reichen Mann und armen Lazarus
Es war aber ein reicher Mann, der kleidete sich in Purpur und kostbares Leinen und lebte alle Tage herrlich und in Freuden.Es war aber ein Armer mit Namen Lazarus, der lag vor seiner Tür voll von Geschwürenund begehrte sich zu sättigen mit dem, was von des Reichen Tisch fiel; dazu kamen auch die Hunde und leckten seine Geschwüre.Es begab sich aber, dass der Arme starb, und er wurde von den Engeln getragen in Abrahams Schoß. Der Reiche aber starb auch und wurde begraben.

Als er nun in der Hölle war, hob er seine Augen auf in seiner Qual und sah Abraham von ferne und Lazarus in seinem Schoß.Und er rief: Vater Abraham, erbarme dich meiner und sende Lazarus, damit er die Spitze seines Fingers ins Wasser tauche und mir die Zunge kühle; denn ich leide Pein in diesen Flammen. Abraham aber sprach: Gedenke, Sohn, dass du dein Gutes empfangen hast in deinem Leben, Lazarus dagegen hat Böses empfangen; nun wird er hier getröstet und du wirst gepeinigt. Und überdies besteht zwischen uns und euch eine große Kluft, dass niemand, der von hier zu euch hinüberwill, dorthin kommen kann und auch niemand von dort zu uns herüber. Da sprach er: So bitte ich dich, Vater, dass du ihn sendest in meines Vaters Haus; denn ich habe noch fünf Brüder, die soll er warnen, damit sie nicht auch kommen an diesen Ort der Qual.

Abraham sprach: Sie haben Mose und die Propheten; die sollen sie hören. Er aber sprach: Nein, Vater Abraham, sondern wenn einer von den Toten zu ihnen ginge, so würden sie Buße tun. Er sprach zu ihm: Hören sie Mose und die Propheten nicht, so werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn jemand von den Toten auferstünde. (Lukas 16,19)

(Deutsche Bibelgesellschaft)

Das Engagement der evangelischen Kirche geht allerdings über konkrete Hilfsangebote hinaus. „Die Armen haben nach der Bibel ein Anrecht auf den Teil am gesellschaftlichen Reichtum, der sie vor Armut schützt,“ so Prof. Franz Segbers, Referent für Arbeit, Ethik und Sozialpolitik beim Diakonischen Werk in Hessen und Nassau (DWHN). Eine Kirche, die sich allein auf das Hilfeethos der Barmherzigkeit beschränke und Tafeln oder Sozialkaufhäuser als Hilfe gegen die Not organisieren würde, verkürze die biblische Botschaft. Segbers betont: „Die Kirche muss für Recht und Gerechtigkeit eintreten!“ Diakonie und Kirchen setzen sich also auch anwaltschaftlich auf politischer und gesellschaftlicher Ebene für arme Menschen ein. Zudem leisten sie auch Hilfen zur Bildung von Solidarität. Deshalb arbeitet beispielsweise das DWHN im Bündnis soziale Gerechtigkeit in Hessen mit und war Mitveranstalter der Sozialforen in Hessen. „Die Kirchen müssen wieder zu einer Anwältin des Sozialstaates werden. Dies aber bedeutet, eine Kultur des Sozialen zu stärken“, so die Auffassung des Wissenschaftlers, der Sozialethik an der Universität Marburg lehrt.

Seine Position leitet Segbers vor allem aus dem Gleichnis „Vom reichen Mann und armen Lazarus“ aus dem Lukas-Evangelium ab. Darin steht, dass wir auf Mose und die Propheten hören sollten, die für die Haltung eintreten: „Unter euch sollte es keine Armen geben“ (Dtn 15,4). Deshalb werden die Reichen in die Pflicht genommen, Armut abzuschaffen. Armut ist für die Bibel eine Verletzung der Rechte der Armen durch die Reichen.

Vor diesem Hintergrund leitet der Theologe konkrete politische Forderungen ab: einen armutsfesten Mindestlohn, das Zurückdrängen des Niedriglohnsektors, armutsresistente Regelsätze für Hartz IV-Empfängerinnen und –Empfänger und den Ausbau des Sozialstaates. Dass etwas getan werden muss, verdeutlicht die Statistik: So besitzen ein Prozent der Bevölkerung 23 Prozent aller Vermögen, währen die ärmeren 70 Prozent hingegen nur 9 Prozent besitzen. 27 Prozent der Erwachsenen gehört überhaupt keine Vermögen – so die Ergebnisse der neuesten Studie des Deutschen Instituts für Wirtschafsforschung.

 

Rita Deschner/Stefan Gillich