Obdachlosenspeisung in Frankfurt

08. Januar 2009

 

Eine warme Mahlzeit nach einer frostigen Nacht

Winterspeisung der Sankt-Katharinen-Gemeinde in Frankfurt

 

Mann bekommt einen Teller Suppe
Quelle: Dominik Meise
Dieser Mann freut sich über ein freundliches Wort und eine Portion Chili Con Carne

An langen Tischen genießen die Menschen ihr Essen, die Luft ist erfüllt von gedämpften, murmelnden Gesprächen und dem Duft von Lasagne. Ort des Geschehens ist der hintere Teil des Gottesdienstraumes der Sank Katharinenkirche an der Hauptwache. In den Kirchenbänken sitzen vorn über gebeugte, schlafende Männer in abgenutzter Kleidung. Die Gäste sind für eine kostenlose, warme Mahlzeit gekommen und um sich auszuruhen.
Ab dem 5. Januar 2009 öffnet die Gemeinde der Sankt Katharinenkirche ihre Türen vier Wochen lang  für arme, bedürftige und obdachlose Menschen. Über das Mittagessen hinaus gibt es Pakete mit belegten Broten und Obst, eine Kleiderkammer, kleine Konzertaufführungen und einen ambulanten medizinischen Dienst.

Bei Nachtfrost unter freiem Himmel

Einige der Gäste haben zuvor draußen eine Januarnacht bei -15° C in Frankfurt überlebt. Wenn ein Obdachloser aufgrund seiner psychischen Erkrankung die Hilfsangebote der Stadt im Winter nicht nutzt, bewegt er sich die ganze Nacht über, um nicht zu erfrieren. Obdachlose vom Frankfurter Hauptbahnhof berichteten, dass sie nachts auf die Isolierung ihrer Schlafsäcke vertrauen. Eines ist jedoch sicher: Draußen ist die Nacht im Winter hart.

Allerdings ist die Stadt Frankfurt gut auf diese Situation vorbereitet. So fährt ein Kältebus nachts durch die Stadt und sucht Hilfsbedürftige auf. Außerdem ist die B-Ebene der U-Bahnstation Hauptwache geöffnet. Zusätzlich stehen die Kirchen mit ihren Angeboten bereit. Deswegen geschieht es selten, dass jemand erfriert.

Die Nachfrage steigt

Spenden für die „Obdachlosenarbeit“:
Sankt Katharinengemeinde,
Konto 68452,
Frankfurter Sparkasse, BLZ 50050201.

Weiter Informationen auf der Internetseite der Sant-Katharinen-Kirche

Weitere kirchliche und diakonische Hilfsangebote

Nachdem im Winter vor 21 Jahren mehrere Obdachlose erfroren waren, war dies der Anlass für die Sankt Katharinengemeinde mit ihrer Aktion „Bürger ohne Wohnung“ zu starten. Die Zahl der Bedürftigen ist in dieser Zeit gestiegen. Am Anfang waren es rund 50 Gäste, in diesem Jahr kommen schon am 2. Tag über 200 und es werden noch mehr. Aber nicht nur die Anzahl veränderte sich: Der Anteil an Frauen, jungen Leuten und psychisch Kranken nahm zu. Der reibungslose Ablauf ist durch die freundliche und bestimmte Art der Helferinnen und Helfer garantiert. In zwanzig Jahren musste nur ein einziges Mal die Polizei geholt werden.

Ehrenamtliche Hilfe und Spenden sind gefragt

Gemeinsam mit 30 ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern stemmt die Gemeinde die Aktion. Um die Winterspeisung und einen monatlichen Brunch für Bedürftige zu finanzieren, sind jährlich rund 34.000 Euro nötig, die durch Spenden eingeworben werden. Die Gemeinde muss hart kalkulieren, denn die Preise für Lebensmittel steigen. Deshalb bittet sie dringend um Spenden, um das Angebot aufrecht zu erhalten. Auch Kleiderspenden seien willkommen.

An den Tischen gerät man schnell mit den Gästen ins Gespräch. Simone ist damit einverstanden, dass wir ihre Geschichte veröffentlichen:

Simone (44), gelernte Schaufenstergestalterin

Am Anfang lief es gut. Nach der Schule habe ich gleich mit meiner Ausbildung angefangen, denn ich hatte ein gutes Realschulzeugnis. Die Probleme fingen an, als meine Eltern sich scheiden ließen, darunter habe ich sehr gelitten. Von einem Tag auf den anderen sah unsere finanzielle Situation sehr schlecht aus. Das alles hat dazu geführt, dass ich psychisch krank wurde. Mit 28 Jahren begann ich schließlich, in einer Rehawerkstatt für psychisch Kranke zu arbeiten. Dort habe ich auch den Mann kennen gelernt, den ich geheiratet habe. Die Ehe hat aber offiziell nur ein Jahr gehalten, durch seine psychische Krankheit war er manchmal verbal recht aggressiv. Im Prinzip verstehen wir uns aber gut, wir haben bis heute noch regelmäßig Kontakt.
Ich bin nun seit 12 Jahren arbeitslos, in den letzten Jahren habe ich allerdings mehrere 1,50 Euro-Jobs angenommen. Ich habe auf einem Pferdegestüt gearbeitet und mich in einem Altersheim um Demenzkranke gekümmert. In der Zeit, in der ich dort war, ist die Hälfte der Belegschaft gestorben. Dann starb auch noch mein Vater, da konnte ich einfach nicht mehr. Deshalb habe ich diesen Job gekündigt. Obdachlos bin ich nicht, ich lebe in einer kleinen Wohnung. Neben der finanziellen Situation macht mir vor allem die Einsamkeit zu schaffen. Die Gesellschaft gibt mir das Gefühl, das 5. Rad am Wagen zu sein. Die Isolation kann dazu führen, dass man auf andere trifft, die gemeinsam trinken. Das wollte ich nicht. Ich habe deshalb oft die Einsamkeit gewählt. Um soziale Kontakte zu pflegen, spreche ich oft mit den Sozialarbeitern der Weißfrauen-Diakoniekirche.
Ich kämpfe oft darum, jemand zu sein. Wenn man Arbeit hat, ist man jemand. Aber ohne Arbeit muss man einen anderen Sinn für sein Leben finden. Wenn ich etwas zu sagen hätte, würde ich die Regierung bitten, den HartzIV-Satz für Singles um 40 Euro zu erhöhen. Den Menschen da draußen möchte ich auch etwas ans Herz legen: Schaut hinter das von Armut gezeichnete Äußere. Dahinter steckt ein Mensch, der gelebt hat. Ein Mensch, der Tag für Tag unglaubliche Härten und das Gefühl, nicht geliebt zu werden, aushalten muss.

 

Rita Deschner/BK