Rheinhessen ist der einzige Propsteibereich der
EKHN, der ganz in Rheinland-Pfalz gelegen ist.
Rheinhessen – Land der tausend Hügel und Sonnenkollektoren
im Rheinknie zwischen Bingen, Mainz
und Worms. »Im Frühling ein unbeschriebenes
Blatt, im Sommer eine verstaubte Trockenblume,
im Herbst ein angeheiterter Satyr, im Winter in
blinder Spiegel«, wie der Liedermacher Volker Gallé
schreibt. Noch immer verdienen viele Menschen ihr
Geld in Obstbau, Weinbau und Landwirtschaft.
Viele in der Region nehmen aber auch weite
Strecken in Kauf, um zu ihren Arbeitsplätzen in
Frankfurt, Wiesbaden, Ludwigshafen oder Mannheim
zu gelangen.
Wirtschaft und Kultur: Ein Drittel des Propsteibereichs
ist mit Reben bepflanzt: gut 26.000 Hektar,
das ist ein Viertel der gesamten Rebfläche Deutschlands.
Damit ist Rheinhessen das größte Weinanbaugebiet
der Bundesrepublik. Durch die
Globalisierung der Märkte ist aber auch der Weinbau
in Rheinhessen in einen tief greifenden Strukturwandel
geraten, dessen Folgen noch lange nicht
abzusehen sind. Viele Weingüter, Höfe und Familienbetriebe
sind heute von der Schließung bedroht.
Neben den traditionellen Betrieben ist Rheinhessen
aber auch der Sitz großer Firmen mit weltweit
bekannten Namen wie Boehringer, Eckes und
Schott und einer der bedeutendsten Medien-Standorte in der Bundesrepublik mit ZDF, SWR, 3sat
und der Verlagsgruppe Rhein-Main.
In Rheinhessen
liebt man die kleine und die große Kultur: große
Kunst im Staatstheater, Kabarett und Kleinkunst im
Mainzer Unterhaus, Kammermusik im Weingewölbe,
Festspiele in Oppenheim und Worms. Im Sommer
wird ganz Rheinhessen zur Bühne. Dann gibt es
Musik, Theater und Kabarett auf den Plätzen in der
Stadt, auf den Winzerhöfen, in den Parks.
Geschichte: Viele Kirchen in Rheinhessen gehen
auf Gründungen iroschottischer Mönche aus dem
8. Jahrhundert zurück. Später wurden sie in der
von schweizerischen und süddeutschen Einflüssen
geprägten Reformation evangelisch. 1692 wurde in
der Kurpfalz das »Simultaneum« eingeführt, wonach allen drei zugelassenen – katholischen,
lutherischen und reformierten – Konfessionen der
gemeinsame Gebrauch der vorhandenen, meist
reformierten Kirchen gestattet wurde. Viele Kirchen
und deren Einkünfte, die bislang nur den Reformierten
gehörten, gingen in den gemeinsamen
Besitz der drei Konfessionen über. In Orten mit
zwei Kirchen erhielten die Reformierten die
größere, die Katholiken die kleinere Kirche.
Anders war die Situation in der katholischen
Bischofsstadt Mainz. 1802 ergriffen beherzte
evangelische Bürger die historische Gelegenheit
und gründeten, unterstützt von der französischen
Besatzungsmacht und dem Präfekten des Départements
Mont-Tonnerre, die erste unierte Gemeinde
auf deutschem Gebiet, die Lutheraner und
Reformierte umfasste.
Die Geschichte von Worms ist eng verknüpft
mit der langen Tradition der jüdischen
Gemeinde dort. Die Raschi-Synagoge und der "Heilige Sand", der älteste jüdische Friedhof
Mitteleuropas, sind eindrucksvolle Zeugen davon.
Evangelisch in Rheinhessen: Der Reformator
Martin Luther zog im April 1521 in die Reichsstadt
Worms ein, um auf dem Reichstag sein berühmtes
Wort "Hier steh ich, ich kann nicht anders" auszusprechen.
Die Kirche ist hier im Dorf geblieben
und sie teilt das Leben der Menschen vor Ort,
bemüht sich, geistliche Traditionen zu bewahren,
immer wieder neue Impulse zu setzen und sich im
Sinn einer lebensraumorientierten Seelsorge der
Sorgen und Nöte anzunehmen. Eine besondere
Bedeutung kommt dabei heute der Ökumene und
dem interreligiösen Dialog zu.
mehr
Besondere Herausforderungen: Rheinhessen hatte
immer wieder neu um seine Identität zu kämpfen.
Die zivilgesellschaftlichen Freiheitstraditionen in
der Erinnerung an das Erbe der Französischen
Revolution haben immer eine besondere Rolle
gespielt. Institutionen gegenüber nehmen die
Menschen gern eine kritische Haltung ein. Sie
müssen sich, was auch für die evangelische Kirche
gilt, an der Menschenfreundlichkeit und Konsequenz
ihrer Praxis messen lassen.
Quelle: Jahresbericht der EKHN 2002/2003