20. Januar 2010 - Pressemitteilung
Freiwilligkeitskirche: Christen aus Deutschland in Washington
EKD-Gemeinde wird von EKHN-Pfarrer Mencke aus dem Untertaunus betreut – und sie wächst

Pastor Martin Mencke im Büro
im Pfarrhaus an der Kendale
Road in Potomac.
Washington D.C., 20.1. 2010. Diese Geschichte erzählt Dr. Martin Mencke, Pastor der Deutschen Evangelischen Kirchengemeinde Washington D.C. immer wieder gerne: Unweit seiner eigenen Kirche stehe eine stattliche Baptistenkirche. Viele Jahre schon. Eines Tages wechselten die Schilder auf dem Rasen davor. Statt Briggs Baptist Church hieß es nun: Washington Baptist Church, Korean Service. Das Geheimnis der Namenwechsels löste ein Nachbarpastor. Die alte Gemeinde war immer kleiner und kleiner geworden, dann einer anderen Gemeinde beigetreten. „Sie waren zu reich“, beschied der Kollege. Die Gottesdienstgemeinde habe sich nicht mehr angestrengt, neue Familien zu gewinnen, sie wurden müde und älter. Eines Tages sahen sie sich nicht mehr imstande, Gebäude und Gottesdienst aufrecht zu erhalten. „Kann die Kirche kaputt gehen, weil sie zu reich ist?“ Die Frage treibt den deutschen Pastor um. Mencke’s amerikanische Erfahrungen sind zwar andere, aber für die steuerfinanzierten Kirchen in Deutschland, stelle sich die Frage schon. In der US-Hauptstadt betreut Mencke 250 deutschstämmige Christen, die ihrer Gemeinde freiwillig angehören. Sie geben jährlich bis zu 3000 Dollar für ihre Mitgliedschaft aus, einige sogar wesentlich mehr. „Hier zwingt dich keiner – es ist deine Gemeinde, die du unterstützt“, gibt der Pfarrer die Einstellung vieler wieder. Die Freiwilligkeitskirche funktioniert: Durch Wegzüge verliert die Gemeinde zwar jährlich 6-8 Familien, aber sie gewinnt zu den jetzt 121 Familien mehr hinzu. „Das Schöne an der Gemeinde ist, wir wachsen“, stellt Mencke fest. Das Wachstum nicht von alleine kommt, hat der Theologe, der 2004 aus dem Untertaunusort Hünstetten Strinz-Trinitatis nach Washington berufen wurde, schnell fest gestellt. Er muss sich intensiv um die einzelnen Mitglieder kümmern. Leute, die sich bewusst zur Gemeinde halten, erwarten, dass man an ihrem Leben teilnimmt. Berufliche Wechsel seien für viele Familienväter der Alltag. Mittlerweile komme es aber auch vor, dass Männer mit ihren erfolgreichen Frauen mitreisten und dann die Pflichten zu Hause erledigten.
Reizvoll findet der von der EKD entsandte Pfarrer es, dass sich die Christen mehr als „Gottesdienstgemeinde“ verstehen. Deshalb gehöre eine nicht zu kurze Predigt und Musik zu jedem Sonntag hinzu. Die Gläubigen kommen in der Pilgrim Lutheran Church in Bethesda zusammen, eine Kirche, in der die deutschen Lutheraner für 20.000 Dollar jährlich nur sonntägliche Mieter sind. Die etwa 90 Besucher treffen sich im Anschluss noch zu einer „Coffee hour“. Hier werden auch anspruchsvolle Fragen der Gegenwartstheologie besprochen: „Für 80 Prozent der Amerikaner ist die in Deutschland nicht selten als zu grausam missverstandene „Kreuzestheologie“ Bestandteil ihres Denkens, urteilt der Prediger. Ein niederschwelliges Angebot sieht er kritisch. Die Zuhörer, ob Banker, Firmenmanager oder Lehrende, wertschätzten eine deutsche Theologie und eine Predigt, die einen eine ganze Woche durchtragen könne. „Es ist eine immer neue Herausforderung und ich bekomme ein echtes ‚Feedback’, wenn ich eine theologische Position vertrete“, gibt Mencke die Reaktionen wider.
Positionen muss der Geistliche auch andernorts vertreten: Im Religionsunterricht, den er in der Deutschen Schule in Potomac, einem Ort nahe Washingtons, in der 11. und 12. Klasse erteilt. Im Konfirmandenunterricht, der im Untergeschoss des Pfarrhauses ganz in der Nähe stattfindet. In die Schule mit der Unterrichtssprache Deutsch gehen auch die Kinder der Pfarrersfamilie: Jonathan (15), Charlotte (12) und Ricarda (7). Mencke’s Frau Christine ist dort ebenfalls als Lehrerin in der Grundschule tätig. Fußläufig sind die Entfernungen für die Kinder aber nie. Zur Schule, zu Musikunterricht oder Sport bringt sie entweder der gelbe Schulbus oder ein Elternteil mit dem Auto.
Dass der im Nassauischen geborene Geistliche ein erfüllter Seelsorger ist, zeigen Stimmen von Gemeindemitgliedern wie Ute Danforth: „Pastor Mencke hat mir im vergangenen Jahr oft Mut zugesprochen, als mich eine schwere Krankheit an den Rand der Verzweiflung brachte. Seine Fürbittengebete habe ich gespürt. Er ist wirklich ein Segen wie auch seine ganze Familie.“
Im Büro des Pfarrers hängt ein großes Poster, ein Foto des Dr. Martin Luther King jr., dessen gelebtes Motto „I have a Dream“ ihm weltweite Anerkennung einbrachte. Der farbige Prediger, dessen Geburtstag in den Vereinigten Staaten mit einem eigenen Feiertag am 18. Januar in Erinnerung gebracht wird, soll einmal Studenten gefragt haben: Was ist die Blaupause eures Lebens? Seine Antwort war schlicht und kurz: „Set out to do it well.“ - Wir sind hier, um es gut zu machen. Das hat Mencke mit Sicherheit erreicht, wenn er in vielleicht drei Jahren nach Deutschland in seine Heimatkirche zurückkehren wird. Der Kirche eine spirituelle Hoffnung und eine Verpflichtung fürs Soziale zugleich zu geben. „Ich will einen starken diakonischen Impuls aufrecht erhalten“, ist er sich sicher. Für die „Community Family Life Services“(CFLS) – ein Hilfsprojekt für Arme und Wohnungslose - sammelt seine Gemeinde jedes Jahr 10.000 Dollar. Ein Zeichen, dass seine Kirche an dem ihr zugefallenen Reichtum nicht scheitern wird, aber ihn richtig einzusetzen weiß.
Kurztext: Deutsche in Washington gibt es dort bereits seit über 300 Jahren als deutsche Emigranten 1683 vom englischen Königshaus die Erlaubnis erhielten, in Nordamerika einzuwandern. Nach einer Auswanderungswelle um die Jahrhundertwende, kamen erneut während der Wirtschaftkrise in den 20iger Jahren des 20. Jahrhunderts eine große Zahl Deutscher in die USA. Nach der Machtergreifung Adolf Hitlers 1933 fanden europäische Juden und andere Emigranten Zuflucht. Nach dem Krieg ebenso Flüchtlinge und Vertriebene aus den deutschen Ostgebieten. Heute zählt die 1983 durch die EKD gegründete Deutsche Evangelische Kirchengemeinde Washington D.C. 250 Mitglieder. Ihr Pfarrer ist der bis 2004 in Strinz-Trinitatis (Untertaunus) tätige EKHN-Pfarrer Dr. Martin Mencke. Seit 1961 haben die Deutschen in der US-Hauptstadt auch eine Deutsche Schule. Viele Gemeindeglieder arbeiten bei internationalen Organisationen, deutschen nationalen und privaten Vertretungen sowie amerikanischen Unternehmen, Forschungseinrichtungen oder Universitäten. Von der „Capital City“ aus werden durch einen eigenen Seelsorger Bundeswehr-Angehörige an Standorten in den USA und Kanada betreut.
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