29. Juli 2010 - Pressemitteilung

First Congregational Church Washington DC

Ehemaliger EKHN-Pfarrer baut mit an Kirche in US-Hauptstadt

Washington D.C. „Der Gottesdienst gehört den Leuten“ – das ist eine Maxime der United Church of Christ in Washington D.C.. Peter Dennebaum vertritt diese Sicht vehement. Deshalb ist nicht er als Pfarrer allein, sondern eine ganze Gottesdienstkommission für die sonntägliche Vorbereitung verantwortlich. Gebete, Themen, Texte und Lieder steuern die Kommissionsmitglieder bei. Der Pastor kann sich auf die Predigt konzentrieren. Vorgaben für die sonntägliche Liturgie macht die Kirche nicht. „Es gibt keine Hierarchie, die UCC wird durch Liebe und Respekt zusammengehalten“, bestätigt Dennebaum die lockere Organisation, deren stärkste Größe die lokale Gemeinde ist.

Pastor Dennebaum vor der Bautafel des im Bau befindlichen Kirchen- und Bürozentrums
Pastor Dennebaum vor der Bautafel des
im Bau befindlichen Kirchen- und
Bürozentrums
Foto: Hilde Herold-Töpelmann

Neues Kapitel Kirche
Der „Senior Pastor“ ist erst knapp neun Monate in der Gemeinde. Aber er wirkt schon an großen Veränderungen mit. Die Kirche baut neu in einem Bürokomplex „downtown“ - direkt an der 10. und G-Strasse auf einem kircheneigenen Grundstück. Dort wurde das alte Gotteshaus abgetragen. Direkt unter den geplanten zahlreichen Büros wird sich später der neue Kirchenraum befinden. Mit der Fertigstellung des Projektes des Bauträgers Skanska USA im nächsten Jahr will die Gemeinde ein neues Kapitel in ihrer Geschichte aufschlagen. In der Vergangenheit hat sie sich allen Rassen und Kulturen geöffnet und mit den Bürgerrechtsaktivisten beim Marsch auf Washington 1963 zusammengewirkt. Dass Frieden und Gerechtigkeit als Globalziele zur Identität der Kirche gehören, ist beinahe schon eine Selbstverständlichkeit. 1979 gründeten First Church Mitglieder in der Hauptstadt ein Mahlzeitenprogramm für wohungslose Frauen. Später wurde es auf Männer ausgeweitet und um Schulungen für Arbeitssuchende, Fallmanagement und ein Erziehungsprogramm ergänzt. Heute hat es unter dem Namen “Thrive DC“ nationale Beachtung gefunden.

Öffnung für Gleichbehandlung sexueller Orientierungen
Die Gemeinde hat zudem einen von der UCC in Gang gesetzten Prozess durchlaufen, um sich Schwulen, Lesben und Bi- wie Transsexuellen konsequent zu öffnen. Die unierte Kirche in Amerika vergibt dafür ein Prädikat „ONA“ (Open and Affirming). Wobei aber nach Angaben von Dennebaum 10 Prozent der 5600 UCC-Gemeinden die Fragen der Gleichbehandlung sexueller Orientierung für sich akzeptiert haben. Dennoch sei die Entscheidung ein deutlicher Kontrapunkt zu Evangelikalen, Katholiken und rechtsorientierten Christen.

Gegensätzliche Auffassungen bei der Anstellung schwuler Pastoren gibt es in den USA nach heftigen Auseinandersetzungen und theologischem Streit weiterhin. Mehrere Kirchen wie die Luthern Church Missouri Synod ordnieren Pfarrer mit gleichgeschlechtlichen Beziehungen auf keinen Fall. Die Evangelical Lutheran Church in Amerika (ELCA) hat aber jüngst schwule Pfarrer ins Amt eingeführt und sich damit geöffnet. Die Episcopal Church erlaubt die Mitarbeit homosexueller Pfarrer schon länger. Ob es bei der Presbyterian Church (U.S.A.) ähnlich läuft, hängt noch von einer mehrheitlich erforderlichen Zustimmung von Gemeinevorständen ab. Die New York Times kommentiert die Situation mit den Worten: „Die Teilung in der Kirche bleibt.“

Kein leichter Weg zum Pastor in Amerika
Für den in Mainz geborenen und katholisch getauften Peter Dennebaum war es aber kein leichter Weg in seine jetzige Pfarrstelle. In der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) absolvierte der konvertierte Theologe ein Vikariat, nachdem er in Berlin, Hamburg und Tübingen studiert hatte. In der Folge konnte er bei einer grossen deutschen Bank als Personaler arbeiten. Trainings bei einem Systemhaus und bei einem Autokonzern in Stuttgart folgten. Nicht recht einverstanden war er mit der Vorgabe der EKHN, ihn vor Eintritt in den Pfarrdienst in ein so genanntes „Assessment-Center“ zu schicken. „Das wollte ich nicht“, sagt er zu dem kirchenintern nicht unumstrittenen Auswahlverfahren. Statt dessen ließ sich der Vikar als Aushilfspfarrer nach Rockaway Beach, Queens, im Staat New York schicken. Hier half er die Gemeinde aufzubauen und eine Vision zu entwickeln. Eine weitere Verwendung ergab sich 2007, als er in Chappaqua nördlich von New York, wo die Familie des vormaligen Präsidenten Clinton lebt, in der First Congregational Church mit knapp 300 Mitgliedern die christliche Erziehung von Jugendlichen und Kindern übernahm. Von hier gings dann nach Washington D.C. Ein Kirchenmitglied charakterisiert ihn so: Der „Reverend“ bringe Jugendliche wie Alte miteinander ins Gespräch. Beim schlimmsten Schneesturm seit Jahren im vergangenen Winter in der Stadt habe er mit den jungen Leuten Schnee geschippt und den alten Menschen übers Eis geholfen. Er arbeite unermüdlich an Themen des jüdischen und katholischen Glaubens. Bei allem besuche er Kranke und verbreite Mut und Zuversicht. „Pastor Peter ist der beste Pastor, den ich die Freude hatte, kennenzulernen. Jede Kirche könnte sich glücklich schätzen, den Mann zu bekommen“, äußerte sich das Kirchenmitglied voller Anerkennung.

Vorbild Oswald Nell-Breuning
Dennebaum beschreibt seine Aufgabe mit bemerkenswerter Deutlichkeit: „Ich meine, die Kirche muss ihr prophetisches Wächteramt wahrnehmen und sich mit Basisbewegungen verbünden“, zeigt er sich überzeugt. Die christliche Botschaft sei radikal. In vielem gehe es „um unsere Identität, auch bei der kirchlichen Stellung zu Homosexuellen. Er wolle die Zusammenarbeit mit Studenten und Studentenpfarrern voranbringen und er stehe für ein Wachsen der Kirche. Er könne das nicht alleine bewirken, aber er setze auf Selbstverantwortung und die Mitarbeit aller Gemeindemitglieder. Als Vorbild nennt der Pastor den Frankfurter Jesuitenpater und Sozialökonom Oswald Nell-Breuning. „Ich will einen Systemwechsel“, urteilt er über die Welt des Kapitals. Um die Probleme zu benennen, wird er im kommenden Advent eine Predigtreihe starten, die ausgehend von Forderungen des Mainzer Bischofs Wilhelm Emmanuel von Ketteler im 19. Jahrhundert, ein heutiges christliches Wirtschaftssystem skizziert.

Jetzt, sagt er zu seiner eigenen wirtschaftlichen Situation, könne er von seinem Gehalt leben. Es lasse sich mit den Gehältern in der EKHN vergleichen. Es gebe in den Staaten Geistliche – wenige zwar - die jährlich über eine halbe Million Dollar verdienten. Danach strebt er nicht. „Als Pfarrer kann man hier im Lande aber auch verhungern“, beschreibt er die Einkommensunterschiede. Wer gut arbeite, werde auch gut bezahlt. Marktprinzipien eben. Denen stimme er zu. Dennoch könnten Pastoren und Pastorinnen im Unterschied zu Deutschland sich nicht auf eine soziale Absicherung verlassen. Die Soziostruktur der Gemeinden wie deren lokale und regionale Lage schaffe Abhängigkeiten.

Doch Dennebaum hat sich von wenigem abhängig gemacht. Zum Schluss des Gesprächs lässt er einen sehr persönlichen Wunsch folgen: Er sei im Ganzen zufrieden. „Eigentlich fehlt mir nur ein Mann.“

Zur Information: Die United Church of Christ (UCC) ist in den USA weit verbreitet. Besonders im Osten, im Mittelwesten, Kalifornien und in Florida. Ihr gehören 1,2 Millionen Mitglieder in 5633 Gemeinden an. Die EKHN hat seit 2007 eine kirchliche Partnerschaft mit der New York Conference, einer der regionalen Zusammenschlüsse der UCC im Staat New York. Vertreter beider Kirchenleitungen und Gemeindeglieder haben sich mehrfach in Deutschland und den USA besucht. Zuletzt waren im Juni amerikanische Christen in Franfurt am Main und Wiesbaden zu Besuch. Das Frankfurter Zentrum für Ökumene der EKHN mit ihrem Leiter Detlev Knoche wertet die Besuche fachlich aus. In Wiesbaden ist der Dekanstellvertreter und Ringkirchenpfarrer Dr. Sunny Panitz für die Kontakte zuständig.


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