Positionen von Propst Sigurd Rink
12. Mai 2008:
Klare Mehrheiten sind notwendig /
Propst Rink sieht hessisches Interregnum als Chance
Von Martin Luther stammt das eindrückliche Wort über den freien Willen, ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan. Gleichzeitig sei er ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan. Mit einer besonderen Art von „freiem Willen“ sieht sich die hessische Landespolitik seit der Landtagswahl am 27. Januar konfrontiert. Der freie Wählerwille hat nicht zu klaren Mehrheiten geführt. Propst Dr. Sigurd Rink sagte in Wiesbaden, jetzt komme es wie selten zuvor in Hessen auf die Zusammenarbeit aller demokratischen Parteien an. Das politische Interregnum sehe er auch als Chance.
Das Land stehe vor der Herausforderung, seine Energiepolitik neu zu ordnen, Innovationen zu wagen. Nicht anders bei der Bildung. Abitur in acht oder neun Jahren – Festschreibungen für alle sind hier sicherlich nicht ratsam. Bei den Schulabschlüssen komme es weniger auf das Tempo der Bildung an, sondern auf Herzensbildung. Schülerinnen und Schüler halten das nach Rink’s Erfahrung selbst für einen wichtigen Teil ihrer Schulzeit.
Noch immer harre das gemeinsam beschlossene Nachtflugverbot für den Frankfurter Flughafen einer Lösung. Wie können das unabweisbare Ruhebedürfnis der Anrainer und die juristischen Fragen hier zu einem Ausgleich gebracht werden? Die Synode der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau hatte bereits im Frühjahr ihre Position bekräftigt, dem Ausbau des Flughafens nur zuzustimmen, wenn das gleichzeitig mit einem Verzicht auf sämtliche planmäßigen Flüge in der Nachtzeit verbunden ist. Rink vertrat die Meinung, die Politik müsse mehr Verlässlichkeit zeigen. Dialog und versöhnliches Handeln seien ohne Alternative.
Für Diakonie und allen Dienst am Nächsten gelte es in den nächsten Jahren Vorsorge zu treffen. Mit der in einigen Jahren zu erwartenden Pensionierungswelle kämen auf die öffentlichen Arbeitgeber besondere Herausforderungen zu. In den folgenden Lebensabschnitten dürften nicht neue Armut und schlechte Versorgung bei Krankheit für viele Menschen zur Realität ihres Alltags werden. Der Horizont des Handelns verlange nach großen politischen Linien und langfristig wirkenden Entscheidungen, nicht nach kurzfristigen Experimenten im schnellen Durchlauf des Farbenkreises.
Am Beispiel der Härtefallkommission des Hessischen Landtags, die insbesondere humanitäre Geschichtspunkte in ausländerrechtlichen Verfahren prüft, lasse sich derzeit gut sehen, dass Parteien sich auch aufeinander zu bewegen könnten. Die Politik hole jetzt mehr Erfahrungen und Beratung aus Nichtregierungsorganisationen und Verbänden in das Gremium, auch die Kirchen. Das sei eine klare Chance für die Politik. Klare politische Mehrheiten, könne es aller Voraussicht nach jedoch nur mit Neuwahlen in Hessen geben, vertrat Rink seine Meinung.
Wiesbaden, 20.1. 2008:
Kinderarmut in Deutschland beklagt /
Propst Rink zu schlechten Bildungschancen von Kindern und Jugendlichen
„Kinderarmut habe in der Bundesrepublik ihre Ursache in Bildungsarmut“ hat der Propst in der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), Dr. Sigurd Rink, im Wiesbadener Stadtteil Schelmengraben beklagt. Sozial schwache Familien könnten aber die Versorgung sowie Erziehung von Kindern und Jugendlichen oft nicht leisten. Kirche und Gesellschaft müssten Sorge tragen, dass Kinder schon früh Bildungschancen erhielten. Die Förderung der Sprachentwicklung und eine Sprachbildung seien von größter Wichtigkeit. „Nichts geht am Erwerb der deutschen Sprache vorbei“, meinte der leitende Vertreter der EKHN im Gottesdienst der Evangelischen Kirchengemeinde am Schelmengraben. Im hessischen Landtagswahlkampf sei jüngst ein Zerrbild von straffällig gewordenen Jugendlichen gezeichnet worden. Hintergrund für die Kriminalität seien sehr oft mangelnde Bildung, gescheiterte Schulabschlüsse und zerrüttete Familienverhältnisse. Es komme auf „Verlässlichkeit“ an, welche die Gesellschaft und die Erziehungseinrichtungen bieten müssten, um Jugendliche auf einen guten Weg zu bringen.
Wiesbaden, 18. Dezember 2007:
Flughafenausbau: Nachbesserungen notwendig / Propst Rink fordert Nachtruhe für Anrainer
Der Propst in der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), Dr. Sigurd Rink (Wiesbaden), hat kurz nach der Bekanntgabe des Planfeststellungsbeschlusses zum Ausbau des Frankfurter Flughafens die Position der Kirchenleitung der EKHN deutlich gemacht: Positiv sei hervorzuheben, dass der Planfeststellungsbeschluss sich weitestgehend an die Beschlüsse des Regionalen Dialogforums halte. „Man soll die Planfeststellung nicht als Ganzes verwerfen“, äußerte sich der Kirchenvertreter. Er stelle gleichzeitig fest, die durch Hessens Wirtschaftminister Dr. Alois Rhiel heute genehmigte Planfeststellung müsse nachgebessert werden. Das Nachtflugverbot zwischen 23 und 5 Uhr sehe jetzt 17 planmäßige Ausnahmen vor. Diese Zahl sei noch immer zu hoch. Die evangelische Kirche sei gemäß der Gespräche im Dialogforum von einem völligen Nachtflugverbot – dem Verzicht auf sämtliche planmäßigen Flüge - ausgegangen. „Jede Flugbewegung in der Mediationsnacht ist eine zuviel“, urteilte Rink. Die Nachtruhe der Anwohner des Flughafens bleibe ein hohes Gut. Der Propst begrüßte die Ankündigung des Wirtschaftsministeriums, die neue Landebahn Nordwest zwischen 23 und 5 Uhr komplett zu schließen. Der Propst für Süd-Nassau, Rink, vertritt im Auftrag der Kirchenleitung seit dem Jahr 2000 die EKHN im Regionalen Dialogforum.
Wiesbaden, 3. Juni 2007:
Propst Rink fordert zu persönlicher Mitwirkung in der Kirche auf
Zum 900-jährigen Jubiläum der Kirchengemeinde Wiesbaden-Medenbach hat der Propst für Süd-Nassau, Dr. Sigurd Rink (Wiesbaden), zum engagierten Einsatz in den evangelischen Kirchengemeinden aufgefordert. In seiner Festpredigt anlässlich der Jubiläumsfeier sagte der EKHN-Kirchenvertreter, zum Selbstverständnis von Kirche gehöre, dass alle am Bau der Kirche mitwirkten. „Hier baut nicht jeder sein Haus, sondern wir alle sind Mitwirkende am Bau der Kirche.“ Wenn man heute wolle, dass die Gemeinde vor Ort lebendig bleibe, könne man nur fragen: Wie kann ich selbst die Gemeinde mitbauen?
Wiesbaden, 6. Dezember 2006.
Nassauischer Reformeifer in der Kirche
Propst Rink zu Anforderungen an die Sozialpolitik
Der Propst in der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), Dr. Sigurd Rink, hat in der Wiesbadener Marktkirche eine sozialpolitische Erklärung vorgestellt. In dem Kirchenwort das aus Anlass des Abschlusses des Nassau-Jahres 2006, veröffentlicht wurde, heißt es, der Protestantismus stehe heute vor der Herausforderung, seine evangelischen Positionen in der Gesellschaft neu zu bestimmen. Das müsse durch evangelische Bildung, Diakonie und durch die Freiheit des Glaubens geschehen. Der Propst für Süd-Nassau sagte, es erscheine notwendig, der Kirche wieder mehr Verantwortung in Bildung und Erziehung zu übertragen. Die Kirche wolle sich in ihren Kindergärten und Schulen dem Bildungsauftrag nicht entziehen; er begrüße deshalb die evangelischen Schulgründungen in Bad Marienberg und in Mogendorf im nassauischen Land sowie das geplante integrative Schulprojekt in Wiesbaden-Klarenthal, bei dem behinderte und nichtbehinderte Schüler miteinander lernen sollten. Er verstehe Bildung nicht allein als Wissensvermittlung, sondern vor allem als Anleitung „wie man die Welt besteht“ und als „Herzensbildung“.
Das Prinzip der Subsidarität, nach der der Staat nicht alle gesellschaftlichen Aufgaben selbst betreiben müsse, habe es auch schon im Herzogtum Nassau, das von 1806 bis 1866 existierte, gegeben. Im 19. Jahrhundert gegründete nassauische Vereine wie der Evangelischen Verein für Innere Mission (EVIM) mit etwa 2000 Mitarbeitern oder die Heime Scheuern mit hunderten von Plätzen in Behinderten-Werkstätten stellten sich heute neuen sozialen Herausforderungen. Vor allem aber wandelten sie sich von „Anstalten“ des Helfens zu einer dezentralen Diakonie, die am Wohnort oder zu Hause Hilfe anbiete. Die Diakonie verstärke auch angesichts der Hartz IV-Gesetze ihre Anstrengungen gegen Armut bei Kranken, Alten und Kindern heißt es im Papier weiter.
In dem als „Denkanstoss“ bezeichneten Wort geht Rink auch auf den interreligiösen Dialog ein. Freiheit des Glaubens bedeute, dass Christen klar zu ihren Glaubensaussagen stehen würden, aber auch für eine freie Ausübung des Glaubens sich einsetzten. Religionsgemeinschaften wie Milli Görus müssten sich von jeder Gewalt distanzieren. Die Kirche setzte sich offensiv für einen muslimischen Religionsunterricht – mindestens in den größeren Städten mit einer nennenswerten muslimischen Bevölkerung - ein. „Wir müssen auf einen Unterricht drängen“, sagte Rink.
Das Herzogtum Nassau (1806-1866) ging wichtige Veränderungen in Staat, Kirche und Diakonie beherzt an: Es veränderte die Kirchenstruktur, in dem es einen nassauischen Bischof und in den Regionen „herzogliche Decane“ einsetzte. Die gemeinsame schulische Erziehung von Kindern unterschiedlicher christlicher Glaubensrichtungen wurde intensiviert. Toleranz und das Miteinander der Religionen führten zum gegenseitigen Verstehen.
Frankfurt am Main, 25. April 2007
Synodenrede zur Wiederwahl als Propst für Süd-Nassau
In seiner Rede vor der X. Synode der EKHN zur Wiederwahl als Propst für Süd-Nassau nannte Dr. Sigurd Rink wesentliche Positionen und Schwerpunkte seiner Arbeit seit seinem Amtsantritt im Jahr 2002: Visitationen und Besuche seien erste Pflicht des Propstes, meinte Rink, der die Visitation erheblich verändert und verdichtet sieht. Bei acht (ehemals zwölf) Dekanaten in der Propstei ist eine Visitation pro Jahr realistisch. Die Visitation sei das wichtigste Leitungselement im Propstamt. Sie bereichere besuchte und besuchende Gemeinden. Die Zusammenführung der Ergebnisse in das Leitende Geistliche Amt (LGA) und in die Kirchenleitung (KL) bleibe verbesserungsfähig. Es sei deshalb sein Ziel, den Visitationskreis in Süd-Nassau in seiner zweiten Amtszeit zu schließen.
Pfarramtliche Ausbildung
Gut ausgebildete Pfarrerinnen und Pfarrer sind der beste Grundstein für die Zukunft, erklärte Rink. Um die richtigen Vikarinnen und Vikare für Süd-Nassau zu finden, nehme er bereits die Prüfungstätigkeit im Ersten Examen wahr (Kirchengeschichte). Gespräche mit der Kirchenverwaltung über Vikariatsgemeinden, Lehrpfarrer, die richtige Zuordnung, die Erstkontakte, die mehrfachen Besuche im Gottesdienst, die Examina, der Ersteinsatz der Pfarrvikare und Pfarrvikarinnen folgten und erbrächten für die Gesamtkirche eine gute Perspektive. Künftig wolle er durch Abituriententagungen, Berufsberatung und gute Studierendenbegleitung dazu beitragen, dass die Kirche genügend und guten Nachwuchs für den Pfarrstand sichere. „Wir müssen in unsern Köpfen den Schalter umlegen und wieder offensiv für das Theologiestudium werben“ meinte Der Propst.
Seelsorge und Beratung von Pfarrerinnen und Pfarrern (pastor pastorum)
Für einen Pfarrer, der zugleich Propst sei, stehe Seelsorge ganz vorn an, führte Rink aus. Dabei sei erkennbar gewesen, dass die Bereitschaft, den Propst als Seelsorger anzunehmen erst nach und nach habe wachsen müssen. Anscheinend musste erst einmal Vertrauen wachsen und auch erste Erfahrungen reifen, dass der Propst da, wo es Not tut, verfügbar sei und er zugleich Verschwiegenheit bewahre. Er werde sich deshalb künftig noch mehr Zeit nehmen für die persönliche Begleitung von Pfarrerinnen und Pfarrern in Krisensituationen.
Beratung der Dekaninnen und Dekane und der Dekanatssynodalvorstände
Die Kirche, so Rink, werde von unter gebaut. Wo die Struktur an der Basis stimme, wachse das ganze Gebäude. Angesichts der vielen Veränderungen auf der Mittleren Ebene sei der Beratungsbedarf in diesem Kontext hoch. Er vollzieht sich in Vier-Augen-Gesprächen, in regelmäßigen Dekanetreffen auf Propsteiebene und in größeren Treffen mit Dekanen und Dekaninnen sowie den DSV-Vorsitzenden auf Propsteiebene. “Wir suchen das Gespräch dort, wo Dinge sich verhaken oder unklar sind, wo größere Konflikte sind, wo Beratungsbedarf gegenüber Darmstadt besteht, erläuterte Rink vor den Synodalen. Er werde in der gesamtkirchlichen Verantwortung dazu beitragen, dass wir mit Klarheit und Beständigkeit an unseren Zielen arbeiten, so dass die regional Verantwortlichen durch LGA und Kirchenleitung gut gestützt sind.
Präsenz bei diakonischen Trägern
In seiner Rede setzte sich Rink für Brücken zwischen Kirche und Diakonie ein. Sie zu stärken sei ihm ein großes Anliegen. Für die Kirchenleitung nehme er Vorstandsmandate in den Heil- und Erziehungsheimen Scheuern und in der Friedenswarte Bad Ems wahr. Zu den regionalen diakonischen Werken und Diakoniestationen bestehe ein guter Kontakt. Ebenso zum größten Träger in Süd-Nassau: dem Evangelischen Verein für Innere Mission im Nassauer Land (EVIM). Kürzlich sei er in das Kuratorium der Johanniter-Unfallhilfe Hessen-Rheinland-Pfalz-Saarland berufen worden, einem Träger, der hauptsächlich in der ambulanten Hilfe arbeitet. Deshalb wolle er einer Versäulung von Kirche und Diakonie entgegenwirken und insbesondere den Pfarrstellenplan dahin gehend öffnen, damit Kirche und Diakonie zusammen das Haus der Kirche bilden könnten.
Systematische Kommunikation
Leitungsarbeit brauche klare Kommunikation, fuhr Rink fort, es sei ihm als Kommunikationswirt ein besonderes Anliegen, die Positionen der EKHN deutlich, erkennbar und nachvollziehbar als auch in der innerkirchlichen und außerkirchlichen Öffentlichkeit sichtbar zu machen. Er nutze dafür die Pfarrkonvente in seiner Propstei und stehe für Gespräche mit Pfarrerinnen und Pfarrern zur Verfügung. Die externe Kommunikation habe sich durch steten Kontakt zu den Öffentlichkeitsbeauftragten der Dekanate bewährt. Künftig wolle er die interne Kommunikation weiter verbessern, so dass sich Gemeinden und Dekanate besser durch die Gesamtkirche repräsentiert fühlen könnten.
Übernahme gesamtkirchlicher Aufgaben
„Die Arbeit in der Region bringt die ganze Kirche voran“, sagte Rink. Durch den Reformprozess der vergangenen Jahre sei ihm eine Reihe von umfangreichen gesamtkirchlichen Aufgaben zugewachsen. Er verstehe sie als Teil der kollegialen Leitung im LGA und der KL. Zurzeit seien das: die Lebensordnungskommission (Vorsitz), die Perspektivgruppe zum Pfarrbild (Vorsitz), die Arbeitsgruppe Kirchenordnungskommission (Leitung Gruppe Pfarrbild), die Prüfgruppe Tagungsstätten (Mitglied, abgeschlossen), die Steuerungsgruppe zu den Dekanatsvereinigungen (Mitglied), das Evangelische Flughafengespräch (Leitung) und das Regionale Dialogforum (RDF), Projektteam Nachtflugverbot.
Er werde seinen Einsatz auch weiterhin nicht nur auf die Propstei beschränken, sondern mich aktiv für die EKHN als ganzes einsetzen. Vom Propst werde zudem erwartet, dass er als Mitglied des LGA sich auch in Ehrenämtern engagiere: Deshalb nehme er Verantwortung bei folgenden Institutionen oder Einrichtungen wahr: Kleiner und Großer Konvent der Evangelischen Akademie Arnoldhain e. V. (Vorsitz), Kritikerbeirat Wirtschaftethik der Frankfurter Rundschau, Theologische Beratung AEU (Nachfolge Friedrich Weber, Auftrag LGA), Vorstand des Evangelischen Bundes, Träger des Konfessionskundlichen Instituts Bensheim (Vizepräsident).
Wiesbaden, 20. Oktober 2005
Sigurd Rink zu „Kontinuität und Erneuerung“ - Reform der EKHN
Als eine der jüngsten Gliedkirchen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) hat sich die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) immer schon reformfreudig gezeigt, schreibt Propst Dr. Sigurd Rink im Abschlussbericht des „Modellversuchs Wiesbaden“, der Auswertung eines zentralen Reformprojektes in der Landeskirche. Die mehrfache Veränderung der Grundordnung und die Erweiterung des Grundartikels über die bleibende Erwählung der Juden seien beredtes Zeugnis dieser Veränderungsfreudigkeit. Ein kirchlicher Beobachter von außen habe dies einmal sehr treffend in das Bild gebracht: „Die EKHN ist mit ihrer Verfassungsentwicklung noch nicht ans Ende gekommen.“
„Person und Institution“
Bahnbrechend für den Reformwillen war die Einsetzung einer so genannten Perspektivkommission durch die damalige Kirchenleitung unter Kirchenpräsident Helmut Spengler und deren Federführung durch den stellvertretenden Kirchenpräsidenten Hans Martin Heusel. Die Beratungen und Ergebnisse dieser Kommission, die unter dem Titel „Person und Institution“ zusammengefasst wurden und EKD-weit enorme Beachtung fanden, trugen schon im Keim die Analysen und Veränderungsvorschläge, die später synodal und kirchenleitend umgesetzt werden sollten. Die synodale Wahl von Peter Steinacker, Pfarrer und Professor für systematische Theologie in Marburg, zugleich Mitglied der Perspektivkommission, und die zeitgleich 1992 erfolgte Wahl von Oberkirchenrat Hans Helmut Köke zum stellvertretenden Kirchenpräsidenten war durchaus programmatisch zu verstehen. Die Synode gab damit ein klares Signal der Reformbereitschaft im Sinne der Ergebnisse von „Person und Institution“.
Drei Ebenen der Veränderung
Am Anfang stand dabei die klare Entscheidung, in der EKHN drei Handlungsebenen (und damit auch Ordnungsebenen) sichtbar werden zu lassen: die Kirchengemeinde, das Dekanat und die Gesamtkirche. Die zwischenzeitlich teilweise erkennbare vierte Ebene regionaler Gliederung in Form der Propstei sollte zugunsten der Dekanate und der Gesamtkirche klar auf die Geistliche Leitung, das Visitations- und Ordinationshandeln der Pröpstinnen und Pröpste fokussiert werden. Sie sollten für Dekanate und Gemeinden, für Pfarrerinnen und Pfarrer und für die Gesamtkirche durch ihre Tätigkeit im Leitenden Geistlichen Amt, dem kollegialen Bischofsamt der EKHN, beratend tätig sein.
Veränderungen in der Kirchengemeinde
Aufs Ganze gesehen am wenigsten änderte sich in der Stellung der einzelnen Kirchengemeinde. Sie war nach den Erfahrungen des Kirchenkampfes so stark verfassungsrechtlich abgesichert und geschützt, dass grundlegende Eingriffe nur mit großem Aufwand hätten geschehen können. Bedeutsam dürfte die Einführung einer neuen Visitationsordnung sein, die den Besuch der Gemeinden nun im Rhythmus von etwa acht Jahren verbindlich vorsieht und die nicht beim Besuch und dessen Auswertung stehen bleibt, sondern in Zielvereinbarungen mündet, die im Zusammenspiel von Pröpstin und Propst mit dem Dekanatssynodalvorstand auch zu begleiten sind. Schließlich wurde immer wieder die Bildung nachbarschaftlicher „pastoraler Räume“ angemahnt und vielfach auch bereits umgesetzt, um die Kirchengemeinden aus ihrer oftmals erkennbaren Atomisierung herauszuholen.
Veränderungen in der Gesamtkirche
Zentrales Stichwort dieser Arbeit war der Prozess um „Prioritätensetzung und Ressourcenkonzentration“, der insbesondere die Arbeit der achten Kirchensynode (1992-1998) wie ein cantus firmus begleitete. Entscheidend für unseren Zusammenhang ist dabei weniger das Stichwort der Ressourcenkonzentration, das sich durch die ersten Sparperioden in den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts ergab. Viel wichtiger im Sinne der Reformen war das Stichwort der Prioritätensetzung. Fünf grundlegende Felder sollten danach in der Zukunft das kirchliche Handeln bestimmen: Gesellschaftliche Verantwortung, Bildung, Verkündigung, Seelsorge und Beratung und Ökumene. Die Arbeitsfelder Kommunikation (Öffentlichkeitsarbeit) und Mission als Querschnittsbereiche definiert, die in allen Ebenen kirchlichen Handelns angesiedelt werden sollten. In allen genannten Feldern wurden Arbeitszentren geplant und weitgehend schon errichtet, in denen die funktional dort arbeitenden Mitarbeitenden als Dienstleistende für Kirchengemeinden und Dekanate aber auch für die Gesamtkirche tätig sein sollten.
Veränderungen in den Dekanaten
Der Prozess wird als „Dekanatsstrukturreform“ bezeichnet. Insbesondere die Synode und ihr Vorstand wurden durch die Reform erheblich gestärkt. So wurde im Zuge konsequenter Dezentralisierung die Verantwortung über die Bemessung der Pfarrstellen von der Gesamtkirche an den Dekanatssynodalvorstand (DSV) abgegeben. Dies war ein Schritt von einschneidender Bedeutung für die einzelnen Kirchengemeinden. Die Landeskirche wurde dadurch mit einem Netz von funktionalen und regionalen Diensten überzogen, das insgesamt etwa 90 Stellen ausmachte. Allein im Propsteibereich Süd-Nassau etwa wurde die Fachkompetenz der Öffentlichkeitsarbeit von ursprünglich einer Stelle auf fünf Vollstellen verfünffacht. Eine weitere erhebliche Neuorientierung des Dekanats erfolgte durch die weitgehend hauptamtlich eingesetzten Dekaninnen und Dekane. War es bis dahin die Regel gewesen, dass das Dekaneamt gleichsam neben dem Gemeindepfarrdienst ausgeübt wurde, erfolgte nun ein Paradigmenwechsel: Gemeindepfarrdienst sollte in Zukunft – wenn überhaupt – nur noch nebenbei zum Dekaneamt gehören. Die Dekanin oder der Dekan sollten frei sein für ihre regionalen Aufgaben, insbesondere für die Personalführung der ihnen anvertrauten Pfarrerinnen und Pfarrer. Dieser Schritt zu mehr Professionalisierung hat sich – soviel lässt sich heute schon sagen – ausgesprochen bewährt (Der Volltext findet sich in: „Kirche in der Region – Kirche bei den Menschen. Abschlussbericht Modellversuch Evangelisches Dekanat Wiesbaden“, Wiesbaden 2005).
Wiesbaden, 18. Januar 2005
Wiesbadener Propst sieht neuen Papst mit hoher Erwartung
Der Propst in der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Dr. Sigurd Rink, sah sich gestern Abend kurz vor Beginn eines Vortrags „Integration von Muslimen“ im Wiesbadener Presseclub von der Nachricht über die Wahl des neuen Papstes Benedikt XVI. überrascht. Rink sieht den bisherigen Kurienkardinal Joseph Ratzinger als einen herausragenden Theologen und beglückwünscht die Katholiken im Bistum Limburg zur Wahl eines deutschen Papstes. Benedikt, so Rink, sei ein brillanter Kenner reformatorischer Theologie und kompromissloser Ökumeniker. Das biete eine klare Chance zur Fortsetzung des geschwisterlichen Dialoges der evangelischen und der katholischen Kirche. Das wechselseitige Gespräch der Kirchen in der Region Rhein-Lahn-Main, die in etwa die Grenzen der Propstei sowie des südlichen Bistums Limburg abbilden, sei bereits in der Vergangenheit erfolgreich und in gegenseitiger Achtung unterschiedlicher Positionen geführt worden. Besonders das von Ratzinger als dem Präfekten der römischen Glaubenskongregation veröffentlichte Schreiben "Dominus Iesus" (2000) - eine konservative Interpretation der katholischen Lehre – habe die Protestanten in ihrem Selbstwertgefühl verletzt. Wenn evangelische Kirchenvertreter beim Verständnis der seelsorgerlichen Ämter einschließlich der Frauenordination, bei der Frage des gemeinsamen Abendmahls andere Auffassungen verträten, so geschehe das dennoch mit der Hoffnung auf eine Annäherung der Standpunkte. Papst Benedikt XVI. sei ein persönlich bescheidener und glänzend begabter Hirte, meinte Rink. Persönlich sei Ratzinger anzuerkennen, dass er Entscheidungen im Zeitgeist nicht treffe.
Osthofen/Rheinhessen, 13. Juli 2005
Neubestimmung des Pfarrerbildes zwischen Tradition und Innovation
Der Propst für Süd-Nassau stellte sich in Osthofen / Rheinhessen der Debatte um das heutige Pfarrerbild. Die EKHN wird ein Papier „Perspektiven des Pfarrberufs“ veröffentlichen, das Vertreter der Kirche, Propst Rink sowie Synodale der Landessynode erarbeitet haben. Nach langen Jahren sollen Aussagen über den Pfarrberuf kirchlicherseits neu formuliert werden, - mit breiter Zustimmung seitens der Seelsorger selbst. Rink sagte zu den knapp 30 Pfarrerinnen und Pfarrern, er freue sich über die zahlreichen Reaktionen, die das Papier in anderen Kirchenregionen der EKHN ausgelöst habe. Es sei noch nicht in kirchlichen Gremien beschlossen, sondern werde zuerst den Betroffenen in einem Konsultationsprozess vorgelegt.
Auch eine geistliche Gemeinschaft
Die Profession des Pfarrers sei nach wie vor die tragende Berufsrolle in der Kirche und die öffentliche Anerkennung spiele dabei eine entscheidende Rolle. Der Text, so der Propst, suche die nicht einfache Balance zwischen Tradition und Innovation zu halten. Den Verfassern sei es sehr wichtig gewesen, das „Gemeinsame Leben“ der Pfarrerschaft – wie es schon Dietrich Bonhoeffer eines seiner Bücher nannte – zu formulieren. Denn oft werde der Beruf nur als Dienstleistung gesehen, nicht aber als eine geistliche Gemeinschaft. Beruf und Amt ließen sich nicht voneinander trennen.
Interesse an einer Fixierung des Berufsbildes hat nicht nur die Kirchenleitung der EKHN, in deren Auftrag die Rink mit einer Arbeitsgruppe bereits ein Jahr lang tätig war, auch der Pfarrerausschuss und synodale Propsteigruppen sehen sich hier in der Pflicht. Die Pfarrerausschussvorsitzende Christine Streck-Spahlinger (Frankfurt) sagte, das Papier wolle die Position der Pfarrer stärken. Tatsächlich macht die Erarbeitung, die Pfarrvikar Dr. Achim Plagentz als Projektreferent erläuterte, den Versuch, Amt und Person zu verschränken. Kernpunkt ist die Profession des Pfarrers. Seine Aufgabe die Kommunikation des Evangeliums in Wort und Sakrament, im Gottesdienst, der Seelsorge und des Unterrichts. Spirituelle Existenz und geistliche Leitung gehörten deshalb essentiell zum Amt hinzu, meinte Propst Rink.
Kronberg / Taunus, 25. August 2004
Propst Rink würdigt Wertevermittlung des Philipp von Hessen
„Mehr Demokratie wagen“ ist ein Leitsatz von Willy Brandt – aber schon 500 Jahre früher wagte ein hessischer Regent den Sprung in die Zukunft der Bürgerbeteiligung. Der Wiesbadener Propst Dr. Sigurd Rink würdigte in der Johanniskirche den hessischen Landgrafen als einen weitsichtigen Politiker und „historischen Kirchenvater“ der evangelischen Kirchen. Rink sagte bei seinem Vortrag „Die Bedeutung Philipps von Hessen für eine Kirche im 21. Jahrhundert“, vor 500 Jahren habe es teils vergleichbare Probleme mit denen der heutigen deutschen Gesellschaft gegeben. Hessen sei damals ein armes Land mit nur 175.000 Einwohnern gewesen. Aber bereits zu Ende der Regierungszeit Philipps im Jahr 1567 habe man 250.000 Untertanen zählen können. Ursache für den wirtschaftlichen und sozialen Aufbau der Landgrafschaft sei die Innovationsbereitschaft des 1504 Geborenen gewesen. So habe Philipp die Kirche durch Visitationen der Pfarrer und Gemeinden hinsichtlich ihrer Bekenntnis gemäßen evangelischen Lehre sowie durch ein synodales Prinzip (Beteiligung von Laien) von Grund auf verändert. Zu der kirchlich-synodalen Neuordnung lasse sich heute sagen, Philipp von Hessen (1504-1567) habe „mehr Demokratie gewagt“.
Investition in Humanvermögen
Bei der Sanierung der Staatsfinanzen sei Philipp zweifelsohne die Reformation mit der Übernahme von Klöstern und erhöhten Zolleinnahmen am Rhein entgegen gekommen, aber die Größe des mit 13 Lebensjahren bereits regierenden Philipps liege darin, dass er in „Humanvermögen“ investiert habe, in die Universitäten, die Bildung und das Stipendiatentum. Für eine Elementarbildung der jungen Menschen habe der Landgraf durch die Einführung des Katechismusunterrichtes gesorgt und damit einen Werte- und Glaubenshorizont etabliert. „Bildung war der Schlüssel seines Reformstrebens“, meinte der Kirchenleitende Vertreter der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN). Es sei heute ebenso notwendig, Menschen mit einer „Herzensbildung“ zu erziehen. Denn, in einer sich schnell verändernden Welt, könne sich jeder allgemein gut Gebildete besser zu recht finden. Bei der Ausgestaltung eines zukunftsfähigen Gemeinwesens habe Philipp das mittelalterliche Almosenwesen der Klöster zu einem Sozialsystem mit Hospitälern und eine Armenfürsorge entwickelt. So sei die Fürsorge in Hessen zu einem Element gesellschaftlicher Ordnung gewachsen.
Wertebewusstsein schaffen
Für die heutige Gesellschaft des 21. Jahrhunderts machten die Bemühungen in der Reformationszeit deutlich, dass die Religion und die Bindung der Menschen an Werte unabdingbar für ein Gemeinwesen seien. Man müsse fragen, so kritisierte Rink, ob eine Gemeinschaft ohne ein Wertebewusstsein, - er meine damit auch den Bezug auf Gott bei Vereidigungen und in der Präambel der Europäischen Verfassung – den Herausforderungen der Gegenwart gewachsen sein könne. „Ich kann ein Land nur entwickeln, wenn ich weiß, woher ich komme“, sagte er zur christlichen Tradition in Europa.
Wiesbaden, 6.10.2004
Propst Rink zur Zukunft der Kirche
Der Propst in der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Dr. Sigurd Rink (Wiesbaden) hat sich vor Unternehmern in Ingelheim / Rhein für eine klare Orientierung der Kirche am christlichen Missionsauftrag ausgesprochen. Rink sagte vor Teilnehmern eines Treffens des Arbeitskreises Evangelischer Unternehmer (AEU), die Kirche besitze ein „mission statement“, einen klaren Auftrag in der Gesellschaft: Menschen von der guten Botschaft Gottes zu überzeugen. Die Kirche müsse sich allerdings auch an ihrer Botschaft messen und zugleich davon korrigieren lassen. Er verstehe die Kirche als eine, die Menschen seelsorgerlich aufsuche, die zugleich weltweit öffentlich wirke und das nicht in Selbstbescheidung. Wachstum gehöre essentiell zu ihrem Wesen, wie sich in zahlreichen Ländern außerhalb Europas zeige. Die Orientierung der Kirche sei deshalb auftragsbezogen und nicht frei zu entwickeln, führte der Propst für Süd-Nassau im Boehringer Ingelheim Center aus.
Taufbereitschaft nutzen
Rink ging in seinem Vortrag “Die Evangelische Kirche im Jahr 2030 – Auswirkungen und demographische Entwicklung in Deutschland auf Aufgaben und Struktur der Kirche“ auf zu erwartende Veränderungen in der Kirche ein. Demografisch sei ein jährlicher Mitgliederrückgang von etwa einem Prozent pro Jahr zu erwarten, der aus dem Geburtenrückgang, dem Überhang von Austritten gegenüber Eintritten und der regionalen Bevölkerungsentwicklung resultiere. Dennoch könne die Kirche ihre Chancen nutzen, wenn sie sich auf ihren Auftrag konzentriere, die Taufbereitschaft vieler Eltern für deren Kleinkinder nutze und alle Kraft nach vorne einsetze.
Menschen aufsuchen
Die Stärken seiner Institution verglich er mit denen des ADAC. Die Kirche stehe im Institutionen-Ranking gleich hinter dem Automobil-Club auf Platz 2. Wie beim ADAC erwarteten die Menschen häufig eine „Begleitung in Krisen“ und anderen
Lebenslagen. Die haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter der Kirche müssten mehr noch auf Menschen zugehen und sie „in ihren Häusern“ aufsuchen. Der Propst bedauerte in diesem Zusammenhang den Rückgang der Theologiestudenten von bundesweit 13.000 vor Jahren auf aktuell 3.500. Der Nachwuchs verdiene Förderung.
Gotteshäuser öffnen
Ebenso wichtig sei, dass evangelische Kirchen nicht nur am Sonntag offen gehalten würden. Gotteshäuser seien oft die ersten Orte in einer Stadt oder im Dorf. Deshalb gelte es den Standortvorteil der „Heiligen Räume“ für geistliche Besinnung und Einkehr besser zu nutzen. Besonders gelte das für Freizeit- und Ferienorte.
Sparzwänge und Mut zu Innovation
Der leitende Kirchenvertreter der EKHN riet vor den Vertretern von Banken, Versicherungen, der Pharmabranche und Consulting-Unternehmen, die kirchlichen Finanzen noch sparsamer einzusetzen. Auf Dauer könne allerdings nicht allein linear gespart werden. Wenn man das Ziel verfolge, die Kirche voran zu bringen, dann müsse Geld für Innovationen bereitgestellt werden. Eine große Chance sehe er in einer Vernetzung von kommunalen Aufgaben und dem Angebot der Kirche: So sollten staatlicherseits einer kirchlichen Schulentwicklung mehr Spielräume für Neugründungen eingeräumt werden. Die 630 Kindergärten in der EKHN böten eine gute Möglichkeit zur Zusammenarbeit, wenn beispielsweise verlässliche Öffnungszeiten abgestimmt werden könnten.