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Gewissensfreiheit

Wormser Religionsgespräche: Bereit für den Pluralismus

Rudolf UhrigRobbers am RednerpultProf. Dr. Gerhard Robbers hält die Festrede

Rechnet man das Mittelalter mit ein, so fanden am vergangenen Wochenende bereits zum vierten Mal Religionsgespräche in Worms statt. Vertreter verschiedener Religionen fanden zusammen, hörten sich Festreden an, arbeiteten in Workshops miteinander und diskutierten auf dem Podium über den Begriff des Gewissens.

Rudolf UhrigStofftasche auf dem LudwigsplatzKunstaktion mit Horst Rettig auf dem Ludwigsplatz. Bei manchen Passanten sorgten die Taschen aus Stoff für Irritation. Sorgen und Nöte waren darauf mit dicken schwarzen Filzstiften formuliert.

Das „zweite Religionsgespräch der Neuzeit“, so Präses Dr. Ulrich Oelschläger, wurde dominiert von der momentan so kontrovers diskutierten Flüchtlingsproblematik.

Gewissensfreiheit ein hohes Gut

Professor Dr. Gerhard Robbers, rheinland-pfälzischer Justizminister und zuständig für das Reformationsjubiläum im kommenden Jahr, widmete sich in seiner Eröffnungsrede am Freitagabend der juristischen wie auch politischen Verortung von Gewissensfreiheit. Diese sei ein hohes Gut, nur „begrenzt durch die anderen Werte des Grundgesetzes“. Robbers machte den Zuhörern bei der Eröffnung Mut und plädierte für das Vertrauen auf die Verfassung, mit der die Gesellschaft „gut für die Herausforderungen des Pluralismus“ gerüstet sei.

Irritierende Stofftaschen 

Bei manchen Passanten sorgten am Samstag die Taschen aus Stoff auf dem Ludwigsplatz im Herzen der Wormser Fußgängerzone für Irritation. Viele Neugierige näherten sich den karierten Tüten, auf denen mit dicken schwarzen Filzstiften Sorgen und Nöte formuliert waren. Kriege, Gewalt und die Angst vor dem Tod waren da etwa als Gründe für die Flucht genannt. Die Kunstinstallation gehörte zu einem der zahlreichen Seminare und Projekte, die während des Studien- und Begegnungstages des Evangelischen Dekanats Worms-Wonnegau im Rahmen der 2. Wormser Religionsgespräche angeboten wurden. Die Gruppe um den Künstler Horst Rettig, der mit seinem „Atelierblau“ durch vielfach ausgezeichnete integrative Kunstprojekte bekannt wurde, nutzte kurzerhand das gute Sonnenschein-Wetter und verlagerte die kreative Mitmachaktion aus dem Gemeindesaal der Friedrichsgemeinde nach draußen. Die Teilnehmer der fast ein Dutzend Seminare studierten und begegneten sich, eben ganz so, wie es der Tag vorgesehen hatte. Besonderen Zuspruch fand auch der Workshop von Dr. Nayla Tabbara. Die libanesische Islamwissenschaftlerin sprach über die Rolle von Frauen im interreligiösen Dialog. „Hätte Gott es gewollt, er hätte euch zu einer einzigen Gemeinde gemacht“, zitierte Tabbara aus dem Koran und unterstrich damit ihren Glauben, dass Gott die Vielfalt geschaffen habe. Diese Vielfalt zu erforschen hält sie für ihre Aufgabe. Der waldenser Pfarrer Giuseppe Platone, der für den Workshop zur europäischen Tradition der Reformation aus Italien angereist war, brach bei der Besichtigung des Reformationsdenkmals in Begeisterung aus: Sei dies doch weltweit der einzige Ort, an dem Petrus Waldus ein Denkmal gesetzt worden sei.

Das Gewissen - die Stimme des Herzens

 „Hier stehe ich und kann nicht anders - Mein Gewissen und unsere / eure Welt“, so lautete das Thema der Diskussionsrunde am Sonntag. Zahlreiche Gäste, auch aus der überregionalen Politik und sowie hochrangige Kirchenvertreter lauschten gebannt der lebendigen Diskussion. Der aus Kamerun stammende Professor für interkulturelle Philosophie Prof. Dr. Dr. Jacob Emmanuel Mabe sorgte für einen inspirierenden Einstieg indem er den Begriff „Gewissen“ in seine Muttersprache übersetzte: "Die Stimme des Herzens - ein gewissenhafter Mensch ist also einer, der nur so handelt, wie sein Herz es ihm sagt.“ Er betonte die Bedeutung der „oralen Tradition“ in seinem Heimatland und stellte eine Differenzierung zu der Denkweise hierzulande an: „Wenn in Deutschland ein Thema aktuell ist, dann sind alle aufgewühlt und lebendig, aber kaum ist die Problematik vorüber, vergessen sie viele wieder. Bei uns hält das Wort die Themen lebendig.“ Dem widersprach der Berliner Philosophieprofessor Volker Gerhardt: Zwar wollte er die Schrift nicht gegen das Wort stellen, erinnerte aber dennoch daran, dass "Glaube an die großen Texte gebunden ist". Nikolaus Schneider, ehemaliger Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland, ergänzte, dass auch die großen Religionen ihre Geschichten zunächst mündlich überliefert hatten. Dass bei der Podiumsdiskussion mit Dr. Nalya Tabbara auch eine muslimische Vertreterin aus Beirut und mit Dr. Deborah Weissmann eine jüdische Vertreterin aus Jerusalem teilgenommen haben, passte hervorragend zu der Festpredigt von Pfarrer Dr. Volker Jung, Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, die er zuvor im Rahmen eines Gottesdienstes in der Dreifaltigkeitskirche gehalten hatte. Er zitierte aus dem Brief eines besorgten Gemeindemitgliedes an die Evangelische Kirche, das seine Sorge zum Ausdruck brachte, die Enkelkinder müssten womöglich bald Kopftuch tragen ob der vermeintlich drohenden Islamisierung. Jung rief die Kirchenvertreter eindringlich dazu auf, mithilfe von Gottes Kraft ihren Beitrag zu einem friedlichen Leben in einer vielfältigen Gesellschaft zu leisten. Im Rahmen der Podiumsdiskussion führte Nikolaus Schneider diesen Gedanken weiter: Wenn die "Kompassnadel des Gewissens" ausschlüge, müsse man "aufstehen und Nein sagen", so der Theologe.

Musikalischer Abschluss 

Mit einem Konzert des Interreligiösen Chors Frankfurt gingen die 2. Wormser Religionsgespräche zu Ende. Unter der Leitung von Chasan Daniel Kempin und Kantorin Bettina Strübel wurden unter anderem Stücke von Henry Purcell, Philip Glass und Johann Sebastian Bach dargeboten. Und schließlich erbrachten der Chor und die Vokal- sowie Instrumentalsolisten den musikalischen Beweis zu Goethes These, dass Orient und Okzident nicht mehr zu trennen seien: Das von Saad Thamir an diesem Nachmittag uraufgeführte Werk "Ihr Ausruf wird sein" erntete großen Applaus.

1.300 Besucher kamen nach Worms, um die zahlreichen Veranstaltungen zu besuchen, die von der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau in Kooperation mit der Stadt Worms geboten wurden. Die Veranstalter zeigten sich mit diesem Ergebnis sowie dem Verlauf der verschiedenen Angebote sehr zufrieden. 

Von Yvonne Schnur, Dekanat Worms-Wonnegau

Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen; und wem viel anvertraut ist, von dem wird man um so mehr fordern.

Lukas 12, 48

Bild: Mit freundlicher Genehmigung von gettyimages/ekely

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