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Corona

Schaustellern droht Bankrott durch Corona-Krise

evTvZusammengeklapptes KinderkarussellKinderkarussell in Zwangspause.

Schausteller und Schaustellerinnen verbringen die meiste Zeit ihres Lebens auf Jahrmärkten und Volksfesten. Doch was passiert, wenn ihnen durch Versammlungs- und Veranstaltungsverbote in der Corona-Krise ihre Lebensgrundlage entzogen wird? Durch das Wegbrechen ihrer Einkünfte droht sich ihre Situation mehr und mehr zu verschlimmern.

evTvIn der Halle mit den Schaustellerwagen.Pfarrerin Christine Beutler-Lotz und Schausteller Markus Schneider

Von Christian F. Schmidt

Wenn Markus Schneider über seinen Beruf und seine Berufung redet, merkt man, wie er aktuell seine Tätigkeit vermisst. Er ist Schausteller aus Leidenschaft. Schausteller und Schaustellerinnen sind normalerweise in ständiger Bewegung. Sie sind Reisende und fahren das ganze Jahr über von Volksfest zu Volksfest, lieben den Trubel und den Kontakt zu den Besuchern und Besucherinnen. Wie bei den meisten anderen Familienbetrieben in diesem Geschäft, stehen die Karussells und Zuckerwatte-Kessel allerdings gerade still.

Ungewisse Zeiten durch Veranstaltungsverbote

Die Corona-Krise trifft die Familien sehr hart: Keine Einkünfte und trotzdem laufende Kosten. In einer guten Saison refinanziert sich das neue Fahrgeschäft oder die größere Reparatur im Grunde von selbst. Doch der Stillstand lässt die Schaustellerfamilie nun auf ihren Kosten sitzen. Ihre Situation ist bezeichnend für eine ganze Branche.

„Die aktuelle Situation ist im Moment so: Es gibt keinen Plan B für uns. Ich bin eigentlich nur noch Hausfrau und Oma“, erklärt Silke Schneider. Ihr Mann und die Söhne seien den ganzen Tag in der Halle für Reparaturarbeiten. Der Alltag sei durch Corona auf den Kopf gestellt: „Es ist für uns ein um 180-Grad anderes Leben! Das kann man überhaupt nicht mehr vergleichen.“

Als die ersten Absagen für Volksfeste kamen, sei ihnen ganz plötzlich der Boden unter den Füßen weggerissen worden, so Silke: „Als wir gesehen haben, wie es in den anderen Ländern wegen Corona wirtschaftlich aussieht, haben wir zu uns gesagt: Wir werden dieses Jahr wohl nicht mehr rausfahren!“ Familie Schneider plant erst wieder für den April 2021. Vorher sei sie skeptisch, ob da noch was passiere in dieser Saison.

Einkünfte erst wieder in einem Jahr

Die letzten Einkünfte haben Schaustellerfamilien Ende Dezember, kurz bevor die Weihnachtsmärkte schließen. Dann beziehen sie ihr Winterquartier, kümmern sich um Reparaturen und machen ihre Fahrgeschäfte wieder einsatzbereit. Die Zeit bis Anfang April, wenn das Geschäft wieder losgeht, kann finanziell überbrückt werden.

Doch es sei eine Absage nach der anderen reingekommen, sagt Silke, „mittlerweile sind wir schon bei Anfang Oktober und es wird sich bestätigen, was wir von Anfang an gedacht haben, dass wir dieses Jahr zuhause bleiben.“ Die Situation lässt der Familie keine andere Wahl, als ihre Fahrgeschäfte abzumelden und die laufenden Kosten auf ein Minimum zu reduzieren, um über die Runden zu kommen. „Es kostet halt auch alles Geld – Haus, Halle, Grundstücke – und wir nehmen nichts ein. Das ist eine neue und komische Situation, wenn auf einmal nichts nachkommt“, erklärt uns ihr Mann Markus.

Ein Finanzplan sei mit ihrer Bank schon ausgearbeitet worden. Viele Familien sind schon über Generationen hinweg bei denselben Kreditinstituten – eine Konstante, auf die sich auch Familie Schneider verlassen könne, wie sie sagen.  

Eine Tradition droht auszusterben

In ihrer Arbeit steckt für Schausteller und Schaustellerinnen ein ganzes Leben: Ein geregelter Alltag sowie die Verbundenheit zu den eigenen Wurzeln, der eigenen Geschichte und Identität.

Markus Schneider ist Schausteller in der sechsten Generation. Die Tradition bedeutet für ihn sehr viel: „Alles was ich zu unserem Handwerk weiß, habe ich durch meinen Vater und meine Mutter gelernt und man macht das halt mit Herzblut. Man ist Schausteller und nur Schausteller. Und das macht man gern. Und das merken auch die Leute und die Besucher auf den Festen.“

Zum Schaustellerleben gehört der Kontakt zu verschiedenen Behörden, zu den Besuchern und den anderen Familien auf den Plätzen einfach dazu. Für die Familie fällt auch das nun weg.

Die aktuellen Arbeiten, sind so irgendwie zur Beschäftigungstherapie geworden: „Die Winterarbeiten sind jetzt erledigt“, erklärt Markus Schneider, „also habe ich gesagt: Ok, es wird trotzdem weitergearbeitet! Wenn man am Arbeiten ist, dann sind die Gendanken eben bei der Arbeit. Aber wehe, man sitzt einmal fünf Minuten hier oder irgendwo und denkt drüber nach: Wie lange soll das noch so gehen? Das ist die größte Angst, die ich so habe.“

Seelsorge als wichtige Stütze

Welche Ängste und Sorgen die Schausteller und Schaustellerinnen haben, weiß Christine Beutler-Lotz ganz genau. Sie ist Pfarrerin in dieser sehr engen Gemeinschaft der Schausteller und Schaustellerinnen und führt viele Gespräche, versucht Probleme zu lösen und steht ihrer Gemeinde mit Rat und Tat zur Seite. Vor allem Seelsorge ist gerade jetzt eine Aufgabe, der sie vermehrt nachkommen muss, denn durch die Corona-Situation entstehen Ängste und auch negative Stimmung.

Normalerweise wäre die Pfarrerin jetzt auf den verschiedenen Festen unterwegs. Dabei habe sie verschiedene Aufgaben, wie sie erzählt: „Am wichtigsten ist die Seelsorge-Arbeit. Ich gehe auf den Plätzen von Stand zu Stand und rede mit den Menschen vor Ort.“

Ein veränderter Alltag und depressive Stimmung

Momentan hat sie nicht weniger zu tun. Hausbesuche sind jetzt zu ihrem Alltag geworden. Bei ihren Besuchen in den Winterquartieren vernehme sie eine große Sehnsucht nach Normalität und nach dem, was das Schaustellerleben ausmache: „Dieses eben Nicht-Rausfahren-Können, dieses Gefangensein im Winterquartier. Bereit zu sein, aber nicht Rausfahren zu können. Das macht bei vielen eine depressive Stimmung.“ 

Für Christine Beutler-Lotz ist klar, dass sich in Zukunft auch was an der Einstellung der Kommunen ändern müsse. Diese sollten auf die Schaustellerinnen und Schausteller zugehen und Feste nicht einfach direkt absagen, sondern schauen, was man alternativ, unter den gegebenen Bedingungen machen könne, damit der Betrieb und die Einkünfte nicht komplett wegfallen.

Am Freitag, 29. Mai 2020, 19.00 Uhr, ist Pfarrerin Christine Beutler-Lotz zu Gast im "Livingroom-Gottesdienst. Der Gottesdienst wir online übertragen. Weitere Infos: ekhn.de/livingroom

 

 

 

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Christus spricht: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.

Matthäus 25, 40

Bild: Mit freundlicher Genehmigung von gettyimages/tolga tezcan

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