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Begleiten und unterstützen

Brauchen wir den „Eltern-Führerschein“?

Sabine Hamman-GonschorekFrau liest Kindern vor

Berlins CDU-Generalsekretär Kai Wegner hatte den „Elternführerschein“ gefordert, die Idee will er weiter vorantreiben. Was Eltern und Kinder brauchen, erfährt die Leiterin der Evangelischen Familienbildung im Kreis Offenbach jeden Tag.

Erziehungs-Expertin Angela Ruland vertritt eine differenzierte Auffassung zum Thema. Doch das ist ihr wichtig: „Ich unterstütze die Idee, flächendeckende Elterntrainings kostenfrei anzubieten. Schön wäre, wenn sie so selbstverständlich wie ein Geburtsvorbereitungskurs werden“, erklärt Angela Ruland, die Leiterin der Evangelischen Familienbildung im Kreis Offenbach. Um Kinder vorbeugend zu schützen, hatte Berlins CDU-Generalsekretär Kai Wegner Anfang des Jahres den so genannten „Elternführerschein“ gefordert, nach der Sommerpause will er sein Vorhaben weiter entwickeln. Die Idee ist, dass Eltern besser auf ihre Aufgabe vorbereitet werden sollen. „Häufig ist Überforderung die Ursache, dass Eltern nicht wissen, wie sie mit Kindern umzugehen haben. Ich glaube, hier muss der Staat unterstützen“, erklärte der Politiker gegenüber der Multimedia-Redaktion der EKHN Anfang August.

Begleiten statt prüfen

Diplom-Pädagogin Angela Ruland, die neben ihrer Funktion als Leiterin auch als Elterntrainerin arbeitet, hat sich aufgrund ihrer Praxiserfahrung Gedanken gemacht. Denn auch ihre Erfahrung zeigt, dass viele Eltern ihre Sache gut machen, dass aber Mütter und Väter in bestimmten Situationen nicht wissen, wie sie sich ihren Kindern gegenüber angemessen verhalten sollen, oder aus Überforderung dazu in bestimmten Momenten nicht in der Lage sind. Doch sie gibt zu bedenken: „Den Begriff Elternführerschein finde ich allerdings schwierig.“ Denn er lege nahe, dass nach bestandener Prüfung alles in Ordnung sei – möglicherweise eine Scheinsicherheit. Zudem könne sie sich vorstellen, dass viele Eltern damit unangenehme Dinge wie Vorschriften, Druck und Überprüfung verbinden und genau deshalb eine Verweigerungshaltung einnehmen. Doch die Idee, „mit Eltern Erziehung zu üben“, befürwortet die 50-Jährige. Sie beschreibt: „Ich erlebe, dass man mit Eltern sehr viel erreichen kann, wenn man ihnen etwas anbietet und sie individuell begleitet.“ Auch wenn eine freiwillige Teilnahme immer die bessere Alternative sei, unterstützt die Erziehungs-Expertin auch die Idee, für manche Väter und Mütter die Unterstützungsmaßnahmen verpflichtend anzubieten.  

Erfolgreich: Elternkurse „Triple P“ – gute Beziehung als Fundament

Angela Ruland, selbst Mutter von drei Söhnen, vertritt die Auffassung: „Erziehung ist eine anspruchsvolle Aufgabe.“ Ihrer  Erfahrung nach helfe es allen Eltern, wenn sie sich über Erziehungsfragen austauschen können. Die Pädagogin berichtet: „Ich erlebe, dass es viele Eltern gibt, die von sich aus motiviert sind, an einem entsprechenden Training teilzunehmen.“ Denn die Evangelische Familienbildung im Kreis Offenbach bietet selbst Kurse für Eltern an. Dabei habe sich vor allem das Konzept „Triple P“ bewährt. „Oft höre ich von den Eltern schon nach kurzer Zeit: Hätte ich das doch nur früher erfahren!“, erzählt Angela Ruland. Das Konzept „Triple P“ basiert auf einem sogenannten „Mehrebenen-Modell“, das auf die unterschiedlichen Bedürfnisse von Eltern abgestimmt ist. Die Angebote berücksichtigen die individuelle Situation, die Bedürfnisse und Ressourcen der jeweiligen Familie. Im Vordergrund steht, die positive Beziehung zwischen Eltern und Kind zu stärken. Denn laut Konzept bildet sie das tragfähige Fundament der gesamten Erziehung. Zusätzlich lernen die Teilnehmenden praxisnahe Erziehungsfertigkeiten. Die Familienbildungsstätten-Leiterin berichtet: „Das Feedback am Ende der Kurse ist sehr positiv. Nahezu alle Eltern berichten davon, dass es zu Hause jetzt sehr viel ruhiger und harmonischer zugehe. Aber ich erinnere mich auch an eine Mutter, die stolz berichtet hat, dass es endlich gelungen sei, mit den Kindern nicht nur ein Restaurant aufzusuchen, sondern dort auch bis zu Ende essen zu können.“

Eltern auf der Suche nach besseren  Lösungen

Doch weshalb wollen Eltern überhaupt an einem Kurs teilnehmen? „Unter Eltern besteht in Erziehungsfragen eine gewisse Unsicherheit. Sie wissen und akzeptieren, dass körperliche Bestrafung heute verboten ist, allerdings fehlen ihnen häufig wirksame Alternativen.“ Und so könne es passieren, dass in einer schwierigen Situation dann „doch wieder die Hand ausrutscht“, weil man das eben selbst so erlebt habe. Zudem irritieren unzählige Erziehungsratgeber mit widersprüchlichen Tipps die engagierten Mütter und Väter. Angela Ruland erlebt auch immer wieder, dass Eltern ihr Kind sehr früh auf partnerschaftliche Weise in Entscheidungen miteinbeziehen. So solle bereits ein zweijähriges Kind wählen, was es anziehen oder frühstücken möchte. Und auch die Frage, ob die Mama jetzt mal duschen gehen darf, sei nicht selten. „Dadurch kommt den Kindern das Gefühl von Struktur und Gehaltensein abhanden“, so Angela Ruland. 

Die Kette unterbrechen: Eigene negative Erfahrungen nicht an die eigenen Kinder weitergeben

Es ist bekannt, dass ungünstige Erfahrungen in der eigenen Kindheit sich auf die nächste Generation übertragen können. Mangelnde Liebe, Unberechenbarkeit und übermäßige Kritik hinterlassen ihre Spuren. Können Erziehungstipps trotz solch tiefgreifender Erfahrungen überhaupt etwas bewirken? Angela Ruland berichtet: „Für Eltern, die solche Schwierigkeiten haben, bietet Triple P spezielle Angebote, die an das Gruppentraining anschließen. Dabei machen wir zum Beispiel den Eltern ihre entscheidenden Gedanken bewusst, die negative Gefühle erzeugen.“ Denn es mache einen Unterschied im Umgang mit einem Kind, ob ein Elternteil denke: „Mein Kind macht das mit Absicht, um mich zu ärgern.“ Oder: „Das, was mein Kind macht, ist für ein Zweijähriges normal.“ Dieser Veränderungsprozess brauche aber seine Zeit.

Die Ausnahmen

Das Buch „Deutschland misshandelt seine Kinder“ von Michael Tsokos und Saskia Guddat hatte die Diskussion ausgelöst, die der Forderung nach einem Elternführerschein vorausging. Angela Ruland macht deutlich, dass bei den darin beschriebenen sadistisch handelnden Eltern ein Training wenig ausrichten könne. „In solchen Fällen geht es nur noch darum, die Kinder vor ihren Eltern zu schützen, was durch eine noch bessere Zusammenarbeit von Gerichten und Jugendämtern gelingen kann.“ Der Großteil der Eltern sei jedoch daran interessiert, ihre Kinder zu lebenstüchtigen Menschen zu erziehen. Und für diese Eltern sei ein flächendeckendes Elterntraining ein hilfreiches Angebot. 

Weiterführendes:

Programm "Triple P"

Digitale Elternbildung mit Online-Lernmodulen

Evangelische Familienbildung im Kreis Offenbach

Evangelische Familienbildungsstätten in Hessen und Nassau

Evangelische Kindertagesstätten

Mehrgenerationenhäuser

Zum Video: Eltern dürfen Pause von den Kindern machen

Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.

Lukas 19, 10

Bild: Mit freundlicher Genehmigung von gettyimages / hudiemm

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