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Besuch bei der Ökumenischen Flüchtlingshilfe Lorsch

Das Problem mit Schillers Räubern

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Die Arbeit der Flüchtlingsinitiativen hat sich gewandelt. Ging es 2015 bei den großen Fluchtbewegungen um Erst-Versorgung und Sprachunterricht steht jetzt individuelle Unterstützung von Geflüchteten im Vordergrund. Das wurde bei einem Besuch des Bergsträßer Dekans Arno Kreh bei der Ökumenischen Flüchtlingshilfe Lorsch deutlich.

bbiewTreffen im Lorscher Martin-Luther-Haus mit den Ehrenamtlichen der Flüchtlingshilfe, Geflüchteten, Pfarrer Renatus Keller (l.) und Dekan Arno Kreh (r.)

„Viele Geflüchtete benötigen Hilfestellung bei den Hausaufgaben, dem Nachhilfeunterricht, bei der Suche nach Arbeit oder einer Wohnung“, berichtet die  Vorsitzende des als eingetragenen Vereins organisierten Ökumenischen Flüchtlingshilfe, Margot Müller. Nach ihrer Überzeugung bleiben gute Deutschkenntnisse der Schlüssel zur Integration.

Spracherwerb als Schlüsselqualifikation

Zum Treffen mit dem Dekan im Martin-Luther-Haus der evangelischen Gemeinde waren auch sechs Flüchtlinge gekommen, die zwischen anderthalb und drei Jahren in Deutschland leben. Allen sechs ist anzumerken, wie sehr sie sich um Sprachkenntnisse bemüht haben. Da ist zum Beispiel Mussie Nugusse aus Eritrea, der in Heppenheim das Abendgymnasium besucht und hofft, nach dem Abitur in Darmstadt Chemie studieren zu können. „Ich habe manchmal Schwierigkeiten mit dem Verstehen, wenn schnell gesprochen wird. Und jetzt im Abendgymnasium ist es ganz schwierig. Wir lesen Schillers „Räuber“. Das macht mir Probleme“, sagt er mit besorgter Miene. Probleme mit dem Textverständnis hätten vermutlich auch viele gebürtige Deutsche. Kostprobe: 

„Pfui! Pfui über das schlappe Kastratenjahrhundert, zu nichts nütze, als die Taten der Vorzeit wiederzukäuen und die Helden des Altertums mit Kommentationen zu schinden und zu verhunzen mit Trauerspielen. Die Kraft seiner Lenden ist versiegen gegangen, und nun muß Bierhefe den Menschen fortpflanzen helfen“
, heißt es in Schillers Drama.

Es ist Abitur-Stoff. Bei der Bewältigung steht die Ökumenische Flüchtlingshilfe dem Eritreer zur Seite. Sie hat 60 Vereinsmitglieder und ebenso viele Helferinnen und Helfer, die bei Bedarf immer wieder mit anpacken. „Es ist beeindruckend, wie viele Menschen sich dauerhaft und über eine so lange Zeit für Geflüchtete engagieren“, sagte Dekan Kreh, der auch das Engagement der evangelischen Kirchengemeinde würdigte. Sie unterstützt die Flüchtlingshilfe und stellt unter anderem Räumlichkeiten zur Verfügung. Pfarrer Renatus Keller nahm an dem Treffen mit dem Dekan teil.

Deutschkurs und Bleibeperspektive

Margot Müller kritisierte, dass der Staat beim Deutschunterricht mit zweierlei Maß messe. Geflüchtete aus Irak, Iran oder Eritrea, denen eine gute Bleibeperspektive bescheinigt werde, könnten an Integrationskursen teilnehmen, andere Geflüchtete bleibe diese Möglichkeit verwehrt. Dann gebe es Frauen mit einem oder mehreren Kindern, die ein Anrecht auf einen Deutsch-Kurs hätten, diesen aber nicht besuchen könnten, weil es keine Kinderbetreuung gebe. Die Flüchtlingshilfe zahle einzelnen Geflüchteten deshalb Deutsch-Kurse an der Kreisvolkshochschule.

Ausbildung und Beruf

Arif Khan aus Afghanistan hat bereits einen Ausbildungsplatz. Der 21jährige lebt seit zweieinhalb Jahren in Deutschland, arbeitet in einem Lorscher Hotel und will Hotelfachmann werden. Fuad Abduko  aus Äthiopien hat Arbeit bei einer Firma gefunden, die ihn als Kraftfahrer ausbilden will. Die 19jährige Samira Rajabi aus Afghanistan geht auf die Berufsfachschule ebenso wie der aus Äthiopien stammende Abdi Abdurazak, der zurzeit ein Praktikum im Kindergarten der evangelischen Gemeinde absolviert. Efrem Zermichael aus Eritrea jobbt bei einer Burger-Braterei. Margot Müller hofft, dass er nicht auf den kurzfristig höheren Verdienst schaut, sondern einen Ausbildungsplatz anstrebt.

Arbeit und Wohnungen sind nach Angaben der Ökumenischen Flüchtlingshilfe die größten Herausforderungen. Unbezahlte Praktikumsplätze zu finden, sei kein Problem, aber für Geflüchtete herrscht Mangel an regulären Ausbildungs- und Arbeitsplätzen. Oft reichten den Arbeitgebern die Deutschkenntnisse nicht aus. „Doch es gibt auch Vorbehalte gegenüber Migranten“, betonte Aster Walter, die selbst Angang der 90er Jahre aus Eritrea floh und sich heute in der Ökumenischen Flüchtlingshilfe engagiert. Für die Eritreer ist sie eine große Stütze.

Wohnungen und Vermieter

Eberhard Kabisch, Kassenwart der Lorscher Flüchtlingshilfe, wünscht sich eine bessere Zusammenarbeit mit Landkreis, Kommune und Behörden. „Als Ehrenamtliche werden wir nicht als gleichberechtigter Partner angesehen. Dabei könnten wir doch wichtige Hinweise und Expertisen geben, etwa bei den Planungen für neue Flüchtlingswohnungen.“

Manche Flüchtlinge lebten nach zwei, drei Jahren immer noch in Sechs-Bett-Zimmern ohne private Rückzugsmöglichkeiten, erläuterte Wolfgang Ensinger, der die Fahrradwerkstatt der Flüchtlingshilfe betreut. „Bei den Vermietern müssen wir noch dicke Bretter bohren“. Denn in Lorsch gebe es zwar freien Wohnraum, der aber nicht vermietet werde. Dekan Arno Kreh regte an, das Gespräch mit der Stadt Lorsch  zu suchen und auf das Beispiel von Viernheim und Bensheim zu verweisen. Dort könnten Hausbesitzer leer stehende Wohnungen an die Stadt vermieten, die ihrerseits die Wohnungen untervermietet. Damit sind die Hausbesitzer seitens der Stadt abgesichert.

Homepage der Ökumenischen Flüchtlingshilfe Lorsch

Dieser Artikel wurde automatisch von einer Website der regionalen Öffentlichkeitsarbeit der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau übernommen. Verantwortlich im Sinne des Presserechts ist der Autor/die Autorin dieses Artikels.

Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.

Lukas 19, 10

Bild: Mit freundlicher Genehmigung von iStockphoto/Indars Grasbergs

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