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Rückblick auf den Aufbau einer Kirchengemeinde in Bremthal

„Entscheidend sind die Beziehungen zu den Menschen“

Nora HechlerPfarrer Moritz MittagPfarrer Moritz Mittag

Moritz Mittag kann in diesem Sommer auf 35 Dienstjahre als Pfarrer und eine ebenso lange Zeit in Eppstein und Bremthal zurück schauen. Und auf eine eindrucksvolle Geschichte des Gemeindeaufbaus, die für ihn direkt zu Beginn seiner Berufstätigkeit schon anfing.

Dorothea LindenbergDas Gemeindezentrum der Emmausgemeinde in Bremthal zum 25-jährigen JubiläumDas Gemeindezentrum der Emmausgemeinde in Bremthal zum 25-jährigen Jubiläum

1987 wurde er für den Dienst in der Eppsteiner Pfarrstelle II eingeführt. Vor seiner Ordination gab ihm der damalige Propst direkt eine Mammutaufgabe mit auf den Weg: „Gehen Sie nach Bremthal und bauen Sie dort eine Gemeinde auf“, hieß es. „Wir waren die geburtenstarken Jahrgänge und mussten froh sein, in den Dienst übernommen zu werden. Die Pfarrstellen konnten wir uns nicht aussuchen, sondern wurden ihnen zugeteilt. Als ich damals das erste Mal nach Eppstein und Bremthal fuhr, wurde es immer grüner und ländlicher. Ich dachte schon: ‚Da kann doch gar kein Ort mehr kommen‘. Und dann saß ich da, In einer zu großen Wohnung in Bremthal, ohne Kontakte und sollte hier eine Gemeinde gründen“, erzählt Mittag.

In der ihm zur Verfügung gestellten, zweigeschossigen Wohnung sollten in den unteren Räumen Gemeinde-Veranstaltungen stattfinden. „Also habe ich damit angefangen, die ‚alten Konfirmandinnen und Konfirmanden‘ des letzten Jahrgangs  erst zu einer gemeinsamen Fahrt einzuladen und dann zu wöchentlichen Treffen. Das fing im ersten Jahrgang mit 17 Jugendlichen an. Dafür hatte ich zum Glück Teamer aus meinem Vikariat in Ingelheim, die mich unterstützt haben. Und das alles ohne Geld und Material, wir haben aus ganz wenig etwas gemacht. Knöpfe annähen als kreative Aktivität.  Gemeinsames Kochen. Ich habe auch vieles selbst bezahlt“, so Mittag. „Danach habe ich mit der Teamer-Ausbildung angefangen – 20 bis 30 Jugendliche haben mitgemacht, und ich habe immer neue rekrutiert“, erinnert er sich. „Irgendwann waren es bis zu 70 Jugendliche, die in meine Wohnung kamen. Wir haben zusammen Ausflüge gemacht, diskutiert und gekocht. In meiner Küche. Die ich danach erstmal wieder geputzt habe. Eine Frau aus der Gemeinde hatte mir erfreulicher Weise altes Reichsbahngeschirr für 50 Personen geschenkt. Alles also immer improvisiert. Mit dieser Jugendarbeit ist die Kirchengemeinde entstanden. In meiner Wohnung“, berichtet er weiter. Für die Nachbarn in dem Mehrfamilienhaus sei das natürlich schwierig gewesen. Bereits bei seiner Ordinationspredigt habe er gesagt, dass für die Kirchengemeinde ein Zuhause nötig sei.

Mit den Gottesdiensten war die Gemeinde zunächst in der katholischen Kirche zu Gast. „Da war ich Küster und Pfarrer in einer Person – habe vorher in Eppstein zum Beispiel das Abendmahlgeschirr geholt“, erklärt Mittag „Ohne eigenes Dach über dem Kopf ist es wahnsinnig schwer für eine Kirchengemeinde. Mir wurde dann ziemlich schnell klar, dass wir eigenes Geld brauchten. Die von der Landeskirche zugewiesenen Haushaltsmittel für die Gemeindeglieder des Pfarrbezirks II (Bremthal, Ehlhalten, Niederjosbach) mussten aus dem Gesamthaushalt der evangelischen Gemeinde Eppstein (Pfarrbezirk I & II) dem Pfarrbezirk II überlassen werden. Es war ein längerer Prozess, der aber irgendwann endlich erfolgreich war“. Der Gemeindehausbau und seine Finanzierung waren anschließend das schwierigste und wichtigste Projekt. Vor 25 Jahren war es dann endlich soweit: das neue Gemeindezentrum der Emmausgemeinde konnte eingeweiht werden. Dank vieler Spender konnte der 1988 gegründete Förderverein der Gemeinde unter anderem die Schreiter-Kirchenfenster, die Orgel und die Glocken selbst finanzieren. Dazwischen lagen, so Mittag, mühselige Aufbaujahre. Mit einer enorm hohen Arbeitsbelastung – in den ersten Jahren hat er sonntags in der Regel drei Gottesdienste in den Eppsteiner Ortsteilen gehalten.

Seit 2001 ist die Emmausgemeinde inzwischen selbständig. Nach der Jugend kamen in der Gemeinde die anderen Arbeitsfelder dazu. Seniorengruppe, Männergruppe, Musik. „Ich habe mir immer Leute gesucht, die etwas machen wollten. Beziehungen und sich um die Menschen kümmern. Das ist der Schlüssel. Nicht nur, indem man schaut, ob sie nützlich sind. Das ist es auch, was mich trotz aller Widrigkeiten immer wieder motiviert hat. Die Begeisterung der Engagierten. Zu sehen, wie viel wir gemeinsam gemacht und geschaffen haben. Mit den Jugendlichen, dem Kirchenvorstand, der 2005 gegründeten Stiftung. Geholfen hat auch, dass meine Persönlichkeitsstruktur ein ‚aber dennoch‘ in sich hat. Dass ich so etwas durchhalte. Das hat mich in meinem Leben schon durch viele unerträgliche Situationen getragen“, erklärt er. „Ich würde mich jederzeit wieder dafür entscheiden, Gemeindearbeit zu machen, Kirchengemeinde aufzubauen und so als Pfarrer wirken zu dürfen“, ergänzt er.

Zum Interview kommt der 63-Jährige direkt aus der Küche des Gemeindezentrums – dort hat er Tabletts vom Jubiläumswochenende noch einmal abgespült. Er packt mit an, wo er kann. Er ist ein „Macher“ – das zeichnet Moritz Mittag aus. „Wenn ich selbst mithelfe, hat das, denke ich, auch Signalwirkung. Diese Einstellung ist auch das Besondere an unserer Gemeinde und sie wird an andere weiter getragen. Weil die Leute selbst die Gemeinde mit aufgebaut und mit geholfen haben, empfinden sie so eine starke Identifikation. Wir machen vieles selbst – egal ob es die Pflege des Gartens oder das Catering für unsere Veranstaltungen ist“, berichtet Mittag. „Wir arbeiten hier im Sinne der urchristlichen Gemeinde. Ihre Mitglieder sind aufgefordert, das, was ihnen wichtig ist, darzustellen. Und das tun die vielen Engagierten hier. Das ist auch im Hinblick auf die Zukunft wichtig. Gott sie dank sind wir dafür mit vielen jungen Leuten im Kirchenvorstand gut aufgestellt“, ergänzt er.

Nach 35 Jahren kann Moritz Mittag auf den erfolgreichen Aufbau einer lebendigen Kirchengemeinde zurück blicken. Vieles davon wäre ohne sein tatkräftiges Handeln sicherlich nicht möglich gewesen. „Man kann immer etwas gemeinsam entwickeln. Auch wenn man weniger Mittel hat". Diese Einstellung betont er gerade im Zusammenhang mit den derzeitigen Reformprozessen aufgrund der rückläufigen Mitgliederzahlen und Finanzen. Wichtig sei es, die guten Möglichkeiten der Zukunft zu sehen und zu gestalten.

Dieser Artikel wurde automatisch von einer Website der regionalen Öffentlichkeitsarbeit der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau übernommen. Verantwortlich im Sinne des Presserechts ist der Autor/die Autorin dieses Artikels.

Ich merke, der weite Raum
entsteht nicht in mir und durch mich.
Er entsteht, weil andere da sind,
die mir Räume eröffnen,
gnädig umgehen mit meinen Schwächen,
sich einsetzen für einen menschenwürdigen Umgang
mit allen Menschen.

(Melanie Beiner zu Psalm 31,9)

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