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Dekanatsreise nach Herrnhut

Gemeinschaft mit Ausstrahlung

Peter PankninHerrnhut

Die Herrnhuter Sterne und Losungsbüchlein kennen viele. Doch kaum jemand weiß etwas über die große reformatorische Wirkungsgeschichte der Glaubensflüchtlinge aus Böhmen und Mähren, denen Graf Nikolaus Ludwig von Zinzendorf 1722 in der Oberlausitz Asyl „unter des Herrn Hut“ gewährte. Das Evangelische Dekanat Vorderer Odenwald ist über die Partnerkirche in Südafrika mit der Herrnhuter Brüdergemeinde verbandelt. Eine Reise führte nun auf deren Spuren.

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Von Peter Panknin

Das Evangelische Dekanat Vorderer Odenwald pflegt seit 1987 eine Partnerschaft mit der Herrnhuter Kirche, Moravian Church South Africa (MCSA), in Kapstadt Distrikt Süd. Ein Partnerschaftsausschuss entwickelt diese Beziehung durch gegenseitige Besuche. Zuletzt war 2019 eine Delegation aus Südafrika zu Gast im Dekanat, die an Gottesdiensten in Babenhausen, Dieburg, Eppertshausen und Münster teilgenommen hat. Dennoch, nicht jeder kennt die Herrnhuter Kirche. Namentlich bekannt sind die jährlich weltweit erscheinenden „Herrnhuter Losungen“ und aus der Adventszeit die herrlich leuchtenden „Herrnhuter Sterne“. Die Herrnhuter Brüdergemeine ist durch ihre internationale Missionsarbeit bekannt, die mittlerweile aber auch kritisch betrachtet wird.

Um mehr über diese kirchliche Einrichtung zu erfahren, machte sich am 30. April 2022 eine 16-köpfige Gruppe  in zwei Kleinbussen vom Sitz des Dekanats in Groß-Umstadt auf den Weg nach Herrnhut. Nach gut 600 Kilometer Fahrt ist Herrnhut, eine kleine Stadt im südöstlichen Sachsen erreicht. Sie bildet mit den eingemeindeten Nachbarorten ein regionales Zentrum im Herzen der Oberlausitz zwischen Löbau und Zittau. Der Ort liegt etwa 340 Meter hoch und hat etwas mehr als 6000 Einwohner.

Aufnahme von Glaubensflüchtlingen
Im zentral gelegenen Gästehaus der Brüdergemeine untergebracht, begab sich die Reisegruppe zur abendlichen gemeinsamen „Singstunde“ in den Kirchensaal. Nachdem Besucher*innen der Andacht und der Singstunde den Kirchensaal geräumt hatten, gab Gästepfarrerin Erdmute Frank der kleinen Dekanatsreisegruppe einen Einblick über Geschichte und Gegenwart der Brüdergemeine. Die Gründung von Herrnhut auf dem „Hut(s)berg“ bei Berthelsdorf zwischen Löbau und Zittau verdankt sich der Großzügigkeit und dem persönlichen Engagement von Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf. Er hatte im Jahr 1722 Böhmischen Brüdern, Glaubensflüchtlingen aus Mähren, Aufnahme auf seinem Gut Berthelsdorf gewährt.

Doch die Geschichte Herrnhuts beginnt viel früher. 1457 entstand eine der ersten evangelischen Kirchen in Böhmen, die Unitas Fratrum oder Brüder-Unität. Die „Böhmischen Brüder“ beriefen sich auf den Reformator Jan Hus, der 1415 in Konstanz als Ketzer verbrannt wurde. Für ihre Gemeinschaft sollten einzig und allein die Aussagen der Bibel gelten. Infolge der Gegenreformation kamen sie Anfang des 18. Jahrhunderts als Glaubensflüchtlinge auf das Gut von Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf in der Oberlausitz. Ihrer ausgeprägten Religiosität entsprechend stellten sie ihre Gemeinschaft unter die „Obhut des Herrn Jesus“ und nannten ihre Kolonie Herrnhut, wie es in der ersten urkundlichen Erwähnung heißt.

Im 18. Jahrhundert Schloss und Gut vererbt

Die Ausstrahlung dieser neuen Arbeits- und Lebensgemeinschaft erreichte in kürzester Zeit Menschen aus anderen Kirchen. Dies beruht nicht zuletzt auf den besonderen Gaben des Grafen Zinzendorf, der seine vom Pietismus geprägte Theologie weiterentwickelte. Nach seinem Tod 1760 vererbte er den Brüdern das Schloss und das Gut. Wegen Zuzugs wurde Herrnhut noch im 18. Jahrhundert eine administrative Gemeinde. Sie erlangte 1895 Selbstständigkeit und erhielt 1929 das Stadtrecht.

Nach dem sonntäglichen Gottesdienst, der um 9.30 Uhr begann, begab sich die Gruppe auf den sogenannten Skulpturenpfad, der gleich hinter dem Gästehaus Komensky beginnt. Er führt entlang eines in schöner Landschaft gelegenen, etwa sieben Kilometer langen Wanderweges, auf dem 16 Stationen mit Kunstwerken zu christlichen Themen zu entdecken sind. Diese Skulpturen befassen sich mit der Geschichte der Herrnhuter Brüdergemeine und dem damit verbundenen unermüdlichen Wirken des pietistischen Gründervaters des Ortes für eine lebendige, wohltätige christliche Gemeinschaft. Revierförster Matthias Clemens übernahm die Führung und gab Erläuterungen zu den einzelnen Skulpturen.

Görlitz: flächengrößtes zusammenhängende Denkmalgebiet Deutschlands

Der Tagesausflug nach Görlitz führte in eine im Zweiten Weltkrieg von Zerstörungen fast völlig verschont gebliebene Stadt, die heute etwa 56.000 Einwohner hat. Die historische Altstadt blieb erhalten: An ihren Häusern erkennt man alle wesentlichen Phasen der mitteleuropäischen Baustile. Mit über 4000 restaurierten Kultur- und Baudenkmalen wird Görlitz oft als das flächengrößte zusammenhängende Denkmalgebiet Deutschlands bezeichnet. Die Stadt liegt an der Lausitzer Neiße, die seit 1945 die Grenze zu Polen bildet. Die Grenze trennte die östlichen Stadtteile auf der anderen Seite des Flusses ab. Diese Stadtteile bilden die eigenständige polnische Stadt Zgorzelec. Ein weiterer Höhepunkt des Tages ergab sich aus der abendlichen Diskussionsrunde mit dem Herrnhuter Bürgermeister Willem Riecke, der bereitwillig Auskünfte über Sorgen, Nöte und Chancen seiner Stadt gab und auch offen für Fragen und Anregungen war.

Den vierten Tag der Reise verbrachten alle in Herrnhut: Führung über den bemerkenswerten, außerhalb der Ortschaft liegenden „Gottesacker“, Besuch im örtlichen Völkerkundemuseum, im Hinblick auf die Missionsarbeit der Brüdergemeine wird es gerade neu konzipiert und kritisch überarbeitet, und – was natürlich nicht fehlen durfte – ein Besuch der Herrnhuter Sternemanufaktur zeichneten diesen Tag aus. Am Abend referierte Pfarrerin Erdmute Frank über das heutige Selbstverständnis der Brüderunität und die Rolle der Frauen im Unitätsfrauenbüro (UWD) und der internationalen Vernetzung.

Bei der Ziehung der Losungen dabei
Der letzte Tag des Aufenthaltes begann mit einem absoluten Höhepunkt. Nur alle fünf Jahre findet die Ziehung der täglichen Losung in der Öffentlichkeit statt. Bei der Ziehung der Losungen für das Jahr 2025 durften die Reisenden aus dem Dekanat Vorderer Odenwald zuschauen. Bereits beim Frühstück war die Überraschung groß, denn mit in der Runde weilte ein prominenter Gast: Heinrich Bedford-Strohm, Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern und bis Novenmber 2021 Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Nach einer morgendlichen Andacht im Kirchensaal zog er die Losungen. Die Dekanatsgruppe machte sich dann auf den Weg nach Zittau, um einen Rundgang durch die sehenswerte Altstadt mitzumachen. Darin eingeschlossen waren die Besichtigung und Vorträge über das „Große Zittauer Fastentuch von 1472“ im Museum der Kirche zum Heiligen Kreuz und dem „kleinen“ Fastentuch, ausgestellt im Franziskanerkloster. Auf dem Rückweg nach Herrnhut gab es noch einen Abstecher zum Kloster St. Marienthal, eine Zisterzienserinnen-Abtei in der sächsischen Oberlausitz. Es ist das älteste Frauenkloster des Ordens in Deutschland, das seit seiner Gründung (1234) ununterbrochen besteht.

Viele Erlebnisse, Informationen und Eindrücke waren im Gepäck, als am 5. Mai nach dem Frühstück die Heimreise angetreten wurde.

Dieser Artikel wurde automatisch von einer Website der regionalen Öffentlichkeitsarbeit der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau übernommen. Verantwortlich im Sinne des Presserechts ist der Autor/die Autorin dieses Artikels.

Gut:
Das heißt für mich -
frei und befreit von allem,
was ich aus Angst und Ärger tief
in mir vergraben habe.

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