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"Warum lässt Gott das zu?"

DekanatInterreligiöses Forum

"Warum lässt Gott das zu?" Dieser Frage ging das InterReligiöse Forum im Landkreis Darmstadt-Dieburg am Tag der Deutschen Einheit, der zugleich Tag der Offenen Moschee ist, mit einer Podiumsdiskussion nach. In der DITIB-Moschee in Dieburg diskutierten Daniel Neumann, Johannes Löffler-Dau, Dr. Armin Eschraghi undFatma Karakaşlı, moderiert von Dr. Fariedeh Huppertz. Hier ein Bericht.

„Warum lässt Gott das zu?“
Das InterReligiöse Forum im Landkreis Darmstadt-Dieburg hatte zu einer Podiumsdiskussion am 3. Oktober in der DITIB-Moschee in Dieburg eingeladen

Es ist eine Frage, die sich religiöse Menschen seit jeher stellen: „Warum lässt Gott das zu?“ Gemeint ist das Leid in der Welt, das heute durch Krieg, Pandemie und Folgen des Klimawandels, aber auch durch ganz individuelle Leiderfahrungen Menschen betrifft. Antworten oder zumindest Annäherungen an die so genannte Theodizee-Frage wagten Vertreterinnen und Vertreter verschiedener Religionen am 3. Oktober in Dieburg. Das InterReligiöse Forum im Landkreis Darmstadt-Dieburg hatte am Tag der Deutschen Einheit, der zugleich Tag der Offenen Moschee ist, zur Podiumsdiskussion in die DITIB-Moschee eingeladen.

Abdassamad El Yazidi, Generalsekretär des Zentralrats der Muslime in Deutschland und Sprecher des InterReligiösen Forums, begrüßte die Gäste auf dem Podium und im Publikum. Christel Sprößler, Sozial- und Jugenddezernentin des Landkreises Darmstadt-Dieburg, lobte das „freundschaftliche Miteinander“ im InterReligiösen Forum, das seit fünf Jahren besteht und für dessen Wirken die Kreisverwaltung den Rahmen bietet.  

Moderatorin Dr. Fariedeh Huppertz, Ärztin für Psychotherapeutische Medizin, fragte die Podiumsteilnehmenden zunächst nach der Bedeutung der Frage „Warum lässt Gott das zu?“ vor ihrem jeweiligen religiösen Hintergrund. Daniel Neumann, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Darmstadt und des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Hessen, sprach von der „ultimativen Frage, die sich jeder religiöse Mensch stellt“. Für Juden spiele die Frage, warum der gute, gerechte, allmächtige Gott die Shoa zugelassen habe, den Tod von sechs Millionen Zugehörigen zu seinem auserwählten Volk, eine besondere Rolle, die auch zu Verwerfungen führe.  

Dass „Religionen meistens keine einfache Antwort auf die Frage geben“, sagte Dr. Armin Eschraghi von der Bahá'í-Gemeinde, „sie sollten es auch nicht“, so der Islamwissenschaftler. Auch wenn man der Frage nach dem Warum ratlos gegenüberstehe, könne man Trost in Heiligen Schriften, in Gemeinschaft und Gebet finden. Wichtiger als das Warum sei für ihn die Frage des Umgangs mit dem Leid. Beeindruckend sei für Fatma Karakaşlı, Religionsbeauftragte der DITIB-Moscheegemeinde Dieburg, wenn der Glaube bei einem Todesfall tröste, stark mache und zu Erkenntnis führe. Im Islam werde die Welt als unvollkommen, Gott aber als absolut gut und vollkommen angesehen. Johannes Löffler-Dau, katholischer Klinikseelsorger am Alice-Hospital in Darmstadt, sieht eher einen Antwortversuch als eine Antwort im „Mitgehen, wenn ein Mensch leidet“. In seinem Arbeitsalltag in der Klinik sei die Frage, warum Gott Leid zulasse, eine ständige Herausforderung.

Gott habe dem Menschen einen freien Willen gegeben, daher könne er auch Schlechtes tun, menschengemachtes Leid verursachen, sagt Daniel Neumann. Die Frage führe schließlich zu Hiob: „Wenn wir Gott verstehen würden, wären wir Gott.“ Diese Antwort sei zwar unzufrieden stellend, aber „das Ehrlichste, was man bekommen kann“. Dr. Armin Eschraghi verwies auf die Hoffnung in der Religion, dass es Gerechtigkeit und Frieden im zukünftigen Leben gebe. Fatma Karakaşlı gab Beispiele, wie man durch Schmerz gesundwerden könne. Johannes Löffler-Dau, der viele Trauerprozesse begleitet, sprach vom „Reifen durch Leiden“. Jesus selbst sei den Weg durch das Leid gegangen, um aufzuerstehen.

Die Frage nach Gott müsse jedoch offenbleiben, stellte die Moderatorin fest. „Gott ist anders“, so Dr. Fariedeh Huppertz, das habe Hiob gezeigt, „Gott ist unbegreiflich, unverfügbar“. Menschliche Kategorien könnten ihn nicht fassen. Religion sei immer eine „Suchbewegung“ nach Gott. Die Spannung zwischen der Welt, wie sie sein sollte und der, wie sie ist, beschrieb Daniel Neumann anschaulich mit einem Midrasch, einer jüdischen auslegenden Erzählung, von Abraham, der einen glänzenden und einen brennenden Palast sieht – bei beiden zeigt sich Gott als Eigentümer. Gott sage zu Abraham, dass er ihn an seiner Seite brauche, um das Feuer zu löschen. Im Protest gegen diese Widersprüchlichkeit entstehe das Judentum, das handlungsbasiert Leid mildern und Spannungen lösen soll, um so „den Palast in Flammen zu löschen“. „Gott braucht uns als Partner, um die unvollkommene Schöpfung vollkommener zu machen“, so Neumann. Auch Jesus rufe auf zu handeln, „Ausgegrenzte und Leidende stehen bei ihm im Mittelpunkt“, so Johannes Löffler-Dau.

Dr. Armin Eschraghi betonte, dass die Religion auch erlaube, mit Gott zu hadern, zu rechten und Fragen vor Gott zu bringen. Mehr als die Theodizee-Frage zu lösen, wiege aber, seinen Beitrag zu leisten, um Leid zu lindern. „Kalif Allahs“ sein, bedeute ein Nachfolger Gottes zu sein, erklärte Fatma Karakaşlı, dies stelle eine „große Verantwortung, auf der Erde Gutes zu tun und Leid abzunehmen,“ dar.

Daniel Neumann stellte abschließend die These in den Raum, dass es keine Antwort auf die Frage „Warum lässt Gott das zu?“ geben dürfe, sonst gebe es keinen Widerstand gegen das Leid mehr. Nach einigen Reaktionen im Publikum, etwa, dass das Bild von „Gott als Steuermann“ zu hinterfragen sei, schloss die Moderatorin: „Es gibt kein Happy End, aber es gibt Konsense“. Es sei nicht entscheidend und auch nicht möglich, die Frage des Abends zu beantworten, sondern das Entscheidende liege darin, wie die Religionen mit Leid umgehen, Orientierung geben, trösten und die existenziellen Zumutungen zum Thema machen, anstatt sie zu tabuisieren, sagte Dr. Fariedeh Huppertz. Im Anschluss waren die rund 70 Besucherinnen und Besucher noch zu einem kleinen Umtrunk und Imbiss in der Moschee eingeladen.


Das InterReligiöse Forum im Landkreis Darmstadt-Dieburg (IRF):

Das InterReligiöse Forum (IRF) im Landkreis Darmstadt-Dieburg hat sich 2017 gegründet. Ziel ist ein
wertschätzendes, respektvolles und friedliches Miteinander in einer religiös vielfältigen Gesellschaft.
Auch Religion ist Teil des öffentlichen Raums und leistet wichtige Beiträge zur sozialen und kulturellen Integration. Durch gegenseitiges Verständnis werden Vorurteile ab- und Vertrauen aufgebaut. Zuvor gab es im Landkreis Darmstadt-Dieburg bereits regelmäßige Treffen von Repräsentant*innen einiger Glaubensgemeinschaften mit dem Sozial- und Jugenddezernat. Hieraus entstand der Wunsch, einen Raum für einen interreligiösen Austausch zu schaffen. Für das Interreligiöse Forum stellt der Landkreis den Raum und die nötigen Ressourcen zur Verfügung.

2019 gab sich das Forum eine Grundordnung und trat erstmals im Rahmen der Interkulturellen Wochen öffentlich in Erscheinung und bietet seither regelmäßige Veranstaltungen an, wie zum Beispiel während der Internationalen Wochen gegen Rassismus.

Mitglieder sind die Jüdische Gemeinde Darmstadt, die Evangelischen Dekanate Darmstadt und Vorderer Odenwald, die früheren Katholischen Dekanate Darmstadt und Dieburg (jetzt Pastoralräume), die Marokkanische Gemeinde Pfungstadt, DITIB Dieburg, Bahá’í Gemeinde und Ahmadiyya Muslim Jamaat.

Weitere Informationen bei unter 06151/881-1385 und per E-Mail unter a.brenneis@ladadi.de .

Dieser Artikel wurde automatisch von einer Website der regionalen Öffentlichkeitsarbeit der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau übernommen. Verantwortlich im Sinne des Presserechts ist der Autor/die Autorin dieses Artikels.

In der Konzentration auf das, was ist,
kann sich so etwas wie ein Raum öffnen,
ein Gewahrsam schärfen für die Gegenwart Gottes.

(Carsten Tag)

Carsten Tag

Bild: Mit freundlicher Genehmigung von gettyimages / rusm

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