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Wie verarbeiten hochaltrige Seniorinnen und Senioren den Krieg in der Ukraine?

privatAltenheimseelsorger Christian WienerAltenheimseelsorger Christian Wiener

Pfarrer Christian Wiener ist als Altenheimseelsorger tätig. Er beantwortet im Folgenden die Frage, ob durch den Krieg in der Ukraine Retraumatisierungen bei hochaltrigen Pflegebedürftigen zu beobachten und zu bearbeiten sind.

Seit Ausbruch des Krieges beobachte ich in den beiden großen Seniorenresidenzen Augustinum Bad Soden und Altkönig-Stift, Kronberg, mit insgesamt 1.000 Bewohner:innen und im Pflegeheim Kaiserin-Friedrich-Haus (Kronberg, dort habe ich einmal monatlich einen Gottesdienst ohne Seelsorgeauftrag) unterschiedliche Reaktionen.

Eine Seniorin in der Karwoche: In einem Gespräch im Rahmen der allgemeinen Seelsorge sagt sie, nicht dement, innerhalb von zehn Minuten mindestens vier Mal, dass jetzt zu der Corona-Problematik der Krieg gekommen sei. Das sei doch jetzt wirklich genug, aber: „Darüber wollen wir jetzt nicht reden“. Bei diesem, sich wiederholenden Satz, bewegt sie abwehrend die Hände. Es wird deutlich, dass hier ihre eigenen Erfahrungen tief sitzen, sie aber nicht daran rühren kann. Aus vorhergehenden Gesprächen kenne ich die Fluchtgeschichte der über 90 jährigen Dame.

Bei einem Geburtstagsbesuch in der Passionszeit kommt der Jubilar direkt nach der Gratulation auf das Thema Krieg und hält einen Monolog, wie schrecklich der Krieg für die Menschen in der Ukraine ist, und wie unmöglich es ist, in der heutigen Zeit einen Krieg zu führen. Ihm tun die Menschen leid, besonders die Kinder. Es wird deutlich, dass die Erinnerung an den Krieg ihn in einen emotionalen Ausnahmezustand bringt, es „sprudelt“ förmlich aus ihm heraus. Er sieht wenig Hoffnung auf Frieden. Als Seelsorger sehe ich es als meine Aufgabe, zuzuhören, wahrzunehmen und die Hoffnung einzubringen, dass über unser Bemühen hinaus, es einen Weg zum Guten geben wird.

Wenige Tage nach Ausbruch des Krieges, am Aschermittwoch,  feiere ich einen Gottesdienst im Pflegeheim. Ich vergewissere mich vorher bei einer Mitarbeiterin, dass der Krieg auch hier Thema ist. Ich lege in dem Gottesdienst einen besonderen Akzent auf den Segen, den ich einzeln zuspreche. Viele Menschen, auch jene, die ich als dement kenne, weinen.

In den vergangenen Wochen habe ich so viele Erlebnisse der Menschen in Alteneinrichtungen gehört, wie niemals zuvor. Neben den Kindheitserlebnissen der alten Menschen sind es auch Erfahrungen, die Mitarbeiter:innen in anderen Kriegen gemacht haben, so z.B. im Balkankrieg.

In einzelnen Trauergesprächen der vergangenen Wochen haben auch Angehörige erzählt, was sie sie vom Leben der Verstorbenen in den Kriegszeiten erfahren haben. In Erinnerung ist mir das Erzählen einer Tochter, die erzählte, dass ihr Vater vom Krieg gesprochen habe, als sei es für ihn als Soldat ein Ausflug gewesen. Wenn sie dann nachgefragt habe, sei ihr Vater jeweils verstummt und habe einmal (!) gesagt, dass es furchtbar gewesen sei. Hier klingt an, dass insbesondere bei Hochaltrigen auch Scham und Schuld (eigene Schuld oder auch Scham über die Nazi-Vergangenheit der Eltern) mitschwingen.

Ein  wichtiges Element meiner Arbeit ist das Gebet, individuell, im Gottesdienst oder in gesonderten Friedensgebeten. Hier geht es darum, das, was uns bewegt und was wir nicht lösen können, vor Gott zu tragen. In wie weit das im Einzelnen im Wortsinn eine Traumatisierung ist, will ich nicht festlegen. Ssichtbar aber ist, dass der Krieg eigene Erinnerungen und Erfahrungen wieder hervorholt.

Ich mache die Erfahrung, dass es gut ist, auf die Resilienzerfahrungen der Menschen zu achten und die Signale wahrzunehmen: Will jemand erzählen oder will jemand in diesem Moment gerade nicht erzählen. Traumata, mit denen die Menschen häufig seit Jahrzehnten leben, habe ich in den vergangenen Wochen nicht bearbeitet – wohl aber begleite ich Menschen als Seelsorger.

Dieser Artikel wurde automatisch von einer Website der regionalen Öffentlichkeitsarbeit der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau übernommen. Verantwortlich im Sinne des Presserechts ist der Autor/die Autorin dieses Artikels.

Du wirst Gottes Kraft in der Schwachheit erfahren,
nicht vorher, nicht daran vorbei.
In der eigenen Schwachheit, in den Dingen,
um die ich einen großen Bogen mache,
meine Tabus, meine wunden Punkte.
Aber es tut nicht nur weh, es tut auch gut,
am wunden Punkt berührt und geheilt zu werden.
Und es führt kein Weg daran vorbei,
wenn es richtig gut werden soll.

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