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Aborigines

Liebeserklärung in jedem einzelnen Ton

Rita DeschnerAboriginal Womens ChoirUm die halbe Welt geflogen: Rund 14.500 Kilometer hat sie zurück gelebt, um in Wiesbaden zu singen

Landenteignungen, Massaker und Bevormundung: Nach 200 Jahren Kolonisation war die Existenz der Ureinwohner Australiens bedroht - und damit die älteste Kultur der Erde. Doch einzelne Missionare standen ihnen zur Seite. Jetzt ist der Chor der Aborigine-Frauen auf Boomerang-Tour. „Unser Gesang kommt direkt aus dem Herzen“, sagte eine der Frauen. Wie kam er beim Publikum an?

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Aboriginal Womens Choir Aboriginal Womens Choir Aboriginal Womens Choir Aboriginal Womens Choir Aboriginal Womens Choir Aboriginal Womens Choir Aboriginal Womens Choir Aboriginal Womens Choir Pfarrerin Astrid Stephan Wiesbadener Knabenchor Oranier-Gedächtnis-Kirche

„Halleluja!“ Mit starken Stimmen haben 31 Frauen und zwei Männer des „Aboriginal Womens Choir“ christliche Lieder in Wiesbaden-Biebrich erklingen lassen. Seit Mitte Mai touren die australischen Ureinwohnerinnen, die zugleich Mitglieder der „Lutheran Church of Australia“ sind, einen Monat lang durch Deutschland. Kurz vor dem Konzert am 13. Juni vor der Oranier-Gedächtnis-Kirche erklärte Daphne Puntjina, die Älteste unter den Sängerinnen, was den Chor auszeichnet: „Unser Gesang kommt direkt aus dem Herzen.“ 

Aborigine-Sprache in deutschen Melodien

Davon haben sich die Besucherinnen und Besucher überzeugt. „Ich bin positiv überrascht von der musikalischen Qualität. Zuvor hatte ich so meine Zweifel, denn einige Damen sind ja etwas älter. Doch diese Frauen haben starke Stimmen!“ So begeistert zeigte sich ein älterer Herr aus dem Publikum. Damit scheint die innere Haltung der Aborigine-Frauen hörbar geworden zu sein. Denn zuvor sagte Daphne: „Wir sind stolz und glücklich!“ Jeder Ton, jede Stimmlage erklang präzise. Unabhängig vom Rhythmus erhielt jeder Ton die volle Aufmerksamkeit der Sängerinnen und Sänger, auch für den Bruchteil einer Sekunde. Schließlich ertönten die Sprache Arrernte und Deutsch gemeinsam, als Chorleiter Morris Stuart den Chor und das Publikum zu dem Kanon „Danket, danket dem Herrn“, motivierte. 

Jesus als Teil der Traumzeit-Geschichten 

Daphne, die Älteste, erklärte den Anlass der Boomerang-Tour: „Wir wollen Deutschland etwas zurück geben - mit unserer Musik.“ Denn von den Deutschen haben ihre Leute viel gelernt, zum Beispiel: die Bibel zu lesen. Hermansburg war die Station, in der Missionare wie Carl Strehlow (ab 1892 in Australien)  ihre Vorfahren mit dem christlichen Glauben vertraut gemacht haben. Auch Pfarrerin Astrid Stephan hat während ihrer Studienreise 2011 eine der an Hermannsbug angegliederten Gemeinden besucht. „Ursprünglich kommt in der Glaubenswelt der Aborigines kein Gott vor“, erklärt die Pfarrerin. Und diese Lücke habe dann der christliche Glaube geschlossen. Die Pfarrerin erläutert: „Sie sagen, dass die Missionare ihnen Jesus zurück gebracht haben. Er war schon immer da, aber er sei in Vergessenheit geraten.“ Laut traditionellem Glauben der Aborigines, dem so genannten „dreaming“, haben Schöpfungswesen auf ihren Reisen durch das Land Berge, Täler, Flüsse geschaffen und gaben Pflanzen und Tieren ihren Namen. In Folge der Missionierung verbinden die Aborigines nun ihre traditionellen Vorstellungen mit christlichen Inhalten. Aber wie? Astrid Stephan lächelt. Und schweigt. Doch dann erklärt sie vorsichtig: „Es gibt bestimmte Punkte in der Landschaft, an denen Jesus verortet wurde. Jesus ist also Teil der Traumzeit-Geschichten." Mehr verrät sie nicht. 

Jesus wird für seine Liebe zu den Menschen verehrt - gelebte Rechtfertigung 

An den Geschichten über Jesus begeistere die Aborigines vor allem der Respekt und die tiefe Liebe zu den Menschen. „Während meines Studienurlaubs in Zentralaustralien hatte ich den Eindruck: Die Aborigines leben Luthers Rechtfertigungslehre pur.“ Sie habe selten so sorgsam das Abendmahl austeilen sehen wie in einem Gottesdienst der Aborigines. „Jeder Gläubige wurde mit viel Empathie einbezogen“, erinnert sich die Pfarrerin. Luthers Rechtfertigungslehre besagt, dass ein Mensch keine einzige Vorleistung erbringen muss, um von Gott geliebt zu werden. Allein durch die Gnade Gottes werde der Mensch gerechtfertigt. Das Wissen darum ist wichtig. Doch ohne das Gefühl und die Erfahrung dazu bleibt die Rechtfertigung eine Lehre. 

Tiefe Selbstverständlichkeit und Würde 

Nach ihrem Auftritt wechselten die Aborigine-Frauen auf die Seite des Publikums. In ihren bunten Gewändern nahmen einige der Frauen mitten auf den Boden Platz - im Schneidersitz. Zutiefst gelassen und in würdiger Haltung folgten sie aufmerksam dem anschließenden Auftritt des Wiesbadener Gospel-Chores „Xang“. 

Musik schlägt Brücke zwischen Aborigines und Weißen 

Ein Enkel des Missionars Carl Strehlow hatte es sich nicht nehmen lassen, das Konzert der Aborigines in Wiesbaden zu besuchen. Carl Strehlow war der Mann, der den Vorfahren der indigenen Chor-Sängerinnen den christlichen Glauben nahe brachte. Der in Deutschland lebende Wighard Strehlow erklärt: „Aborigines sind zu unglaublichen Gedächtnisleistungen fähig, denn ursprünglich konnten sie rund 6.000 Lieder auswendig, mit denen sie ihre Geschichten und ihr Wissen weiter gegeben haben.“  Mit dem Erlernen von Liedern waren sie also vertraut, dann kamen die christlichen Werke hinzu. Wighard Strehlow, ausgebildeter Heilpraktiker, weiß: „Mein Großvater hat sogar Bach-Choräle in ihre Sprache übersetzt.“ 

Sich gegenseitig beim Überleben unterstützen 

Während ihrer Studienreise  erfuhr Astrid Stephan, wie es zu den positiven Erfahrungen der Aborigines Zentralaustraliens mit dem evangelischen Glauben deutscher Prägung kam. Sie erklärt: Zur Zeit der Kolonisation seien deutsche Lutheraner ebenfalls eine Minderheit in Australien gewesen, im Gegensatz zur Kolonialmacht England. Schließlich siedelten Mitglieder der lutherischen Gemeinschaft von den Küstengebieten nach Hermannsburg in Zentralaustralien um. „Plötzlich waren sie damit konfrontiert, in dem trockenen und heißen Gebiet, in dem es tagsüber über 45°C werden kann, zu überleben. Von den Aborigines erhielten sie überlebenswichtige Unterstützung.“ Damit war der Grundstein für eine respektvolle Beziehung gelegt, beispielsweise zu den Stämmen der Aranda und Loritja. 

40.000 Jahre alte Kultur in 150 Jahren fast ausgelöscht - Schutz durch einige Missionare 

„Die Tradition der Aborigines ist die am längsten existierende Kultur auf unserer Erde. Seit rund 50.000 Jahren leben sie in Australien, gut 200 Jahre Kolonisation haben ausgereicht, um sie nahezu auszulöschen“, erklärt Pfarrerin Stephan, die in Wiesbaden als Stadtjugendpfarrerin arbeitet. Zu Beginn der Kolonisation geht man von 300.000 bis 900.000 Menschen aus; 1930 lebten nur noch 70.000 Aborigines in Australien. Reservate und Missionen gewährten einen gewissen Schutz, doch ihr Leben wurde fortan kontrolliert, wie Gerhart Leitner in seinem Buch „Die Aborigines Australiens“ schreibt. Allerdings gab es Unterschiede unter den Missionaren, die vor 150 Jahren nach Zentralaustralien kamen: so galten die Hermannsburger Lutheraner als offener gegenüber der Kultur der Aborigines als andere. „Bis heute sind die Aufzeichnungen von Carl und Theodor Strehlow für die Aborigines von unschätzbarem Wert“, erklärt Pfarrerin Astrid Stephan weiter. So wurden die Verwandschaftsbeziehungen der Ureinwohner aus der Umgebung festgehalten. Dadurch können heute entwurzelte Aborigine-Stämme erschließen, zu welchen Landstrichen sie einst gehörten. 

Erfolge in Kunst und Musik - aber Klimawandel gefährdet Lebensgrundlage 

Laut Pfarrerin  Astrid Stephan haben die Hermannsburger Missionare sogar Aborigine-Kinder versteckt, um sie vor dem Zugriff des Staates zu schützen. Noch bis in die 1970er Jahre wurden Mischlingskinder in Australien entführt, um sie mit drastischen Maßnahmen wie dem Verbot ihrer Muttersprache dem westlichen Lebensstil anzupassen. Eine Generation hat die Verbindung zur Familie, zu ihrer Kultur, zu den Geschichten verloren. Noch immer sind viele Aborigines in einem Teufelskreis aus Alkoholismus, Arbeitslosigkeit und Schulversagen der Kinder gefangen. Doch vereinzelt verbessert sich die Situation durch Erfolge in der Malerei, der Musik und durch Ansätze eines kleine Unternehmertums. Allerdings kommt vor allem für die Chorsängerinnen eine weitere Gefahr hinzu: Durch den Klimawandel dörrt das ohnehin schon heiße Zentralaustralien verstärkt aus. Deshalb tragen sie diese Botschaft mit: „Wir sind betroffen! Macht unsere Welt nicht kaputt!“ 

Es sollen wohl Berge weichen
und Hügel hinfallen,
aber meine Gnade
soll nicht von dir weichen.

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