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Kirchenpräsident Dr. Volker Jung

Dankesrede zur Verleihung der Kompassnadel

Stephan KrebsJung am Rednerpult"Von Christinnen und Christen erwarte ich, dass sie sich entschieden dafür einsetzen, dass homosexuelle Menschen nicht verfolgt oder gar getötet werden", so Jung in seiner Rede.

Am 5. Juli 2014 ist Kirchenpräsident Dr. Volker Jung mit der "Kompassnadel" geehrt worden. Damit zeichnet das Schwule Netzwerk NRW e.V. Persönlichkeiten aus, die sich besonders um die Förderung der gesellschaftlichen Akzeptanz der schwulen Minderheit verdient gemacht haben. Wir dokumentieren die Dankesrede von Dr. Jung hier im Wortlaut.

Sehr geehrte Damen und Herren!

Der Brief des Schwulen Netzwerks NRW, in dem mir die Kompassnadel angetragen wurde, erreichte mich im vergangenen Dezember in einer Zeit, in der ich viel Post zum Thema Homosexualität bekam. Allerdings unterschied sich Ihr Brief deutlich von der sonstigen Post - nicht nur dadurch, dass ich für einen Preis vorgeschlagen wurde. Ihr Brief würdigte positiv, was in vielen anderen Briefen scharf kritisiert wurde: Das Familienpapier der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) mit einem neuen Blick auf Ehe und Familie und den Beschluss der Synode der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), die Segnungen gleichgeschlechtlicher Paare als Amtshandlung zu beurkunden und damit gewissermaßen der Trauung gleichzustellen.

Als ich mich nach kurzem Überlegen entschloss, die Kompassnadel anzunehmen, war vor allem mein Büro gar nicht begeistert. Meine drei Mitarbeitenden sagten: „Na prima, dann geht das ja weiter mit den Briefen!“ Beruhigt war ich dann, als sie mir versicherten, ich solle diese erste Reaktion nicht so ernst nehmen. Sie fänden es gut, dass ich mich dafür einsetze, dass Homosexualität akzeptiert wird und homosexuelle Paare gleichgestellt werden.

Ich erzähle Ihnen das, um zwei Dinge zu verdeutlichen. Zum einen: Es hat mich sehr gefreut, dass das Schwule Netzwerk wahrnimmt und mit der Preisverleihung zeigt: Die „Kirchen“ sind kein homophober Block. Es gibt in der evangelischen Kirche viele Menschen, die in ihrer Kirche und in der Gesellschaft dafür einstehen, dass homosexuelle Menschen – so wie sie sind – akzeptiert werden.

Zum anderen: Diese Position wird in der evangelischen Kirche nicht von allen geteilt. Ich bedauere dies sehr. Warum ist dies so? Aus den Briefen, die ich bekommen habe, geht hervor: viele tun sich schwer, die Bibelstellen, in denen Homosexualität abgelehnt wird, kritisch zu prüfen. Allerdings ist diese kritische Prüfung theologisch dringend geboten. Man wird dabei entdecken, dass an keiner der Stellen Homosexualität als eine mögliche Grundveranlagung von Menschen gesehen wird. Es geht aber darum, Homosexualität als eine mögliche Grundveranlagung von Menschen zu verstehen. Das bedeutet zugleich, sie theologisch als Teil der Schöpfung zu verstehen, für die das gilt, was in der ersten Schöpfungserzählung mit folgenden Worten gesagt ist: „Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut!“ Diese grundlegende theologische Neubewertung der Homosexualität ist dringend nötig. Die immer wieder vertretene Position „Wir wollen homosexuelle Menschen nicht diskriminieren, aber gelebte Homosexualität bleibt Sünde“ geht meines Erachtens gar nicht. Sie ist theologisch nicht akzeptabel und sie ist unbarmherzig, denn sie ist nicht lebbar.

Der erste Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau nach dem Zweiten Weltkrieg war Martin Niemöller. Er war einer der Begründer der sogenannten Bekennenden Kirche, die sich gegen die nationalsozialistische Kirchenpolitik stellte. Während des Zweiten Weltkrieges war er im Konzentrationslager in Dachau inhaftiert. Niemöllers berühmte Leitfrage war die Frage: „Was würde Jesus dazu sagen?“ Das ist die Frage, was Christinnen und Christen in Orientierung an den Worten Jesu und in seinem Geist hier und heute zu sagen haben. Ich bin überzeugt: Jesu Worte und sein Geist weisen auch im biblischen Sinn dazu, homosexuelle Menschen ohne jedes Wenn und Aber  zu akzeptieren und ihre verlässlich und verbindlich gelebte Partnerschaft der Ehe gleichzustellen.

Es wäre schön, ich könnte heute hier stehen und sagen: „Alles ist gut. Das Thema ist durch.“ Leider ist es nicht so. Uns stehen auch noch viele theologische Debatten bevor. Und ich hoffe, dass sie auch wirklich geführt werden: in der evangelischen Kirche und in der weltweiten Christenheit – das heißt auch in der römisch-katholischen Kirche und den orthodoxen Kirchen.

Mit großer Sorge sehe ich Homophobie etwa in Russland, in Afrika und auch in Asien. Von Christinnen und Christen erwarte ich - auch dann, wenn sie theologische Bedenken gegen Homosexualität haben, dass sie sich entschieden dafür einsetzen, dass homosexuelle Menschen nicht verfolgt oder gar getötet werden.

Im April dieses Jahres wurde in Singapur der Reverend Kim Hao Yap für sein Engagement ausgezeichnet. Er ist 85 Jahre alt und methodistischer Bischof im Ruhestand. Er erhielt den Pink Asia Award. Wenn ich es recht verstanden habe, ist das die asiatische Variante der Kompassnadel. Von ihm stammt der einfache, aber sehr tiefgründige Satz, der zugleich eine kirchliche Schuldgeschichte dokumentiert: „Gott wollte Platz für Farbige und Frauen in seiner Kirche - für Schwulen und Lesben auch.“

Ich finde: Er hat recht. Und mich würde es natürlich besonders freuen, wenn viele Schwulen, Lesben, Transsexuelle und andere sagen würden: „Die Kirchen sind kein homophober Block, sondern die Kirche Jesu Christi ist meine Kirche.“

Sehr geehrte Damen und Herren, ich danke dem Schwulen Netzwerk NRW für den Mut, mich als evangelischen Kirchenmann mit der Kompassnadel auszuzeichnen. Ich danke Bruder Herzberg für seine würdigenden Worte. Ich fühle mich sehr geehrt.

Mit mir ehren Sie diejenigen, die unter dem Vorsitz der ehemaligen Bundesfamilienministerin Christine Bergmann, in der Kommission an dem EKD-Familienpapier gearbeitet haben und alle, die dieses Papier veröffentlicht und in der hitzigen Diskussion verteidigt haben.

Mit mir ehren Sie auch die vielen Menschen in der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau und in den anderen evangelischen Kirchen in Deutschland, die sich seit vielen Jahren für die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare in unseren Kirchen einsetzen.

Dafür danke ich.

Ich wünsche dem Schwulen Netzwerk und der Aidshilfe Nordrhein-Westfalen eine gute Zukunft und weiterhin ein segensreiches Wirken. Vielen Dank.

Kirchenpräsident Dr. Volker Jung, Köln, 5. Juli 2014

Jeder Mensch braucht einen Hoffnungsschrank,
in dem wir die Erfahrungen
von Befreiung sammeln.

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