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Wie leben Rentner heute?

Die Menschen werden immer älter − und genießen es

Paul-Georg Meister/pixelo.deSenioren am StrandViele Senioren genießen den Ruhestand

Die Pädagogin Barbara Hedtmann koordiniert die Seniorenarbeit im Evangelischen Regionalverband. Wir haben sie gefragt, welche Vorteile uns das Alter bringt und wie man mit dem Übergang in den Ruhestand umgehen sollte.

Rolf OeserBarbara HedtmannBarbara Hedtmann

Die Pädagogin Barbara Hedtmann koordiniert die Seniorenarbeit im Evangelischen Regionalverband. Wir haben sie gefragt, welche Vorteile uns das Alter bringt und wie man mit dem Übergang in den Ruhestand umgehen sollte.

Frau Hedtmann, wann ist man eigentlich alt?

Barbara Hedtmann: Das Alter wird häufig definiert als die Zeit nach dem Ruhestand. Und die Zeit im Ruhestand unterteilt man grob in zwei Phasen, das dritte und vierte Lebensalter, also das aktive und das eingeschränkte Alter.

Die Soziologie teilt die Altersentwicklung in mehrere Phasen ein: Das erste und das zweite Lebensalter sind klar, das sind die Kindheit und das Erwachsenenalter. Das dritte ist das aktive Alter und das vierte Lebensalter ist das eingeschränkte, wenn man nicht mehr selbst aktiv sein kann.

Das ist unabhängig von der Jahreszahl, die ist heute nicht mehr aussagekräftig. Man kann nicht mehr sagen, dass ein 85-Jähriger pflegebedürftig ist. Ich kenne 85-Jährige, die hyperaktiv sind, mit denen man tanzen und wandern kann, und die auch unglaublich kreativ sind und eine positive Lebenseinstellung haben.

Welche Vorteile bietet uns das Alter?

Hedtmann: Welche Vorteile? Ganz viele. Man redet ja von der neuen Freiheit, zum Beispiel werden die Menschen heute neunzig bis hundert Jahre alt und sind dabei oft geistig und auch körperlich aktiv. Wenn wir Alter als nachberufliche Phase definieren, haben wir noch einmal einen vollen, ganzen Lebensabschnitt vor uns.

Und den kann man auf viele unterschiedliche Weisen gestalten. Positiv gestalten. Die Politik und die Gesellschaft fordern das bürgerschaftliche Engagement.

Aber immer mehr Menschen gehen in diesem Alter Visionen und Vorstellungen an, die man vorher aus welchen Gründen auch immer nicht hat verwirklichen können. Es gibt aber auch diese Gegenbewegung: Menschen, die sich die Zeit nehmen, die ihnen der Stress vom Berufsleben nicht gegeben hat. Das ist auch eine Form der positiven Gestaltung.

Haben die Menschen Angst vor dem Alter?

Hedtmann: Mein Arbeitsschwerpunkt ist die Erwachsenen- und Seniorenarbeit, ich erlebe Ältere und Senioren. Die haben keine Angst vor dem Alter, eher im Gegenteil. Die Menschen, die ich erlebe, in den Verbänden, Gemeinden und Einrichtungen, sind voller Energie.

Ich nenne jetzt nur ein Beispiel: Wohninitiativen wie die Preungesheimer Ameisen für gemeinschaftliches Wohnen. Das ist eine Initiative von Menschen, die bereits im Ruhestand sind. Sie haben zwei Jahre lang daran gearbeitet, dieses Projekt durchzuführen und leben jetzt seit fünf Jahren gemeinschaftlich dort. Es sind in der Regel immer Leute im Ruhestand, die so etwas initiieren, die eben auch die Zeit dazu haben. Zeit und häufig auch das Wissen um Strukturen.

Was können wir Jüngere von älteren Menschen lernen?

Hedtmann: Ganz viel. Ich habe zum Beispiel ein Projekt durchgeführt zum Thema biographisches Arbeiten. Wir sind zu den klassischen Seniorentreffs mit Kaffee und Kuchen gegangen und haben die Menschen gefragt, was ihnen über Krisen hinweg geholfen hat. Das ist ja eine Kriegsgeneration, die bald aussterben wird. Wir haben das dokumentiert und jetzt wollen wir mit Jüngeren ins Gespräch kommen. Die haben ja auch Krisen in ihrem Leben, es sind andere, aber es sind Krisen. Eine Dialogausstellung, ein Werkbuch und ein Generationendialog in Form eines Erzählcafés sind geplant.

In den USA gehören Botox und Schönheitsoperationen fast schon zum normalen Alltag gut situierter Frauen und Männer. Auch in Deutschland nimmt die Anzahl der Schönheitsoperationen beständig zu, allein 2011 haben Schönheitschirurgen in Deutschland 134.000 Faltenkorrekturen bei Frauen durchgeführt. Sehnen die Menschen sich stärker nach Jugend als früher?

Hedtmann: Was ich erlebe, ist das was ich Ihnen erzählt habe. Aber es gibt auch die andere Seite.

Wir leben in einer Gesellschaft, deren großes Thema eigentlich Inklusion heißt, aber das stimmt leider nicht. Es ist leider eine Verdrängungsgesellschaft.

Wenn man sich die Werbung anschaut, lautet die Botschaft klar und eindeutig: forever young. Wenn die Mutter so alt dargestellt wird wie die Tochter, dann ist das eindeutig. Es fehlt die Bereitschaft Vergänglichkeit zu respektieren. Aber ich bin ja viel in Gesprächen und Diskussionen, und ich denke einfach, dass die andere Bewegung größer ist, die der Menschen, die das Leben genießen und unsere Gesellschaft wirklich auch gestalten. Die Welt wird älter. Jetzt ist die Frage nur, wie wir das bewerten. Ob das jetzt ein großes Unglück ist oder ob das neue Möglichkeiten bietet.

Was soll man machen, wenn man sich alt fühlt, weil man etwa in Rente geht oder die eigenen Eltern gestorben sind?

Hedtmann: Meine Eltern sind beide tot, und ich habe innerhalb von zweieinhalb Jahren fünf Enkelkinder bekommen. Das sind Wendezeiten. Man sollte sich hinsetzen und darüber nachdenken, und mit anderen ins Gespräch kommen. Und sehen, dass jeder neue Lebensabschnitt auch eine große Chance hat.

Wenn ich meine Enkelkinder sehe, darf ich sie verwöhnen und darf, was Eltern nie dürfen, ihnen Gummibärchen geben zum Beispiel. Ich bin nicht mehr für sie verantwortlich und für mich sind meine Enkel das größte Geschenk, das mir meine Kinder machen konnten. So hat jeder Lebensabschnitt eine positive Seite.

Also einfach aktiv sein, neue Aufgaben suchen?

Hedtmann: Zunächst einmal muss man das Bedürfnis haben und sich selber in Bewegung bringen. Wenn man das weiß, dann würde ich, egal ob auf der Stadt oder auf dem Land, den Leuten empfehlen sich umzuhören und sensibel zu werden. Ehrenamtliches Engagement wird überall gesucht. Gestern war eine Dame hier, die gerade in den Ruhestand gegangen ist und die als Vorleserin im Kindergarten arbeiten wollte. Das macht sie jetzt. Aber es braucht Eigeninitiative. Ich finde, man darf auch fragen: Wozu habe ich jetzt Lust? Es muss niemand Langeweile schieben und es muss niemand isoliert sein.

Und wie kann man das Alter akzeptieren?

Hedtmann: Ich glaube, eine positive Einstellung zum Alter hat was mit der grundsätzlichen Lebenseinstellung zu tun. Man braucht keine Angst haben irgendeinen Zug zu verpassen, eher im Gegenteil. Ich habe manchmal den Endruck, dass manche Jüngere älter sind als die Alten.

Mein Mann ist erblindet. Und was machen wir?

Wir fahren Tandem. Und er macht das trotzdem mit, mit 78 Jahren. Blind.

Vielen Dank für das Gespräch.

Religion ist das,
was uns unbedingt angeht.

(Paul Johannes Tillich)

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