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Erste Ehrenbürgerin

Holocaust-Überlebende Trude Simonsohn wird Frankfurter Ehrenbürgerin

Simon RustlerZeitzeugin des Holocaust: Trude SimonsohnZeitzeugin des Holocaust: Trude Simonsohn

Trude Simonsohn erfuhr in der NS-Zeit unvorstellbares Leid. Heute streitet sie als Zeitzeugin für Demokratie und Menschenrechte. An diesem Sonntag erhält die 95-Jährige in der Paulskirche das Ehrenbürgerrecht der Stadt Frankfurt am Main.

Die Auschwitz-Überlebende und Zeitzeugin Trude Simonsohn erhält an diesem Sonntag in der Paulskirche das Ehrenbürgerrecht der Stadt Frankfurt am Main auf Lebenszeit. Die 95-Jährige stehe wie keine andere Persönlichkeit in Frankfurt für „Humanität, Aufklärung und eine kämpferische demokratische Gesinnung“, erklärte Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD). Seit 1975 habe sie in vielen Gesprächen insbesondere junge Menschen über die Verbrechen des Naziterrors informiert.

Simonsohn ist die erste Frau in der Ehrenbürgerliste

Sie freue sich sehr über die Ehrung, sagte Simonsohn am Freitag dem Evangelischen Pressedienst (epd). Sie habe aber noch nicht richtig realisiert, warum ausgerechnet sie ausgewählt worden sei. Außerdem verstehe sie nicht, warum sie die erste Frau auf der 26 Namen umfassenden Liste der Frankfurter Ehrenbürger sei. Gleichwohl nehme sie die Ehrung als Ansporn, solange als Zeitzeugin weiterzumachen, wie sie sich gesundheitlich fit fühle. 

Die Stadt Frankfurt kann Personen, die um die Stadt besondere Verdienste erworben haben, das Ehrenbürgerrecht auf Lebenszeit verleihen. Es handelt sich dabei um die höchste Auszeichnung, die die Kultur- und Bankenstadt am Main seit 1795 zu vergeben hat. Trude Simonsohn ist seit 1993 Trägerin der Ehrenplakette der Stadt Frankfurt und erhielt den Ignatz-Bubis-Preis 2010.

„Ich hatte Glück, trotz allem“, sagt die Holocaust-Überlebende

Seit Jahrzehnten berichtet die Überlebende der Schoah in Schulen,  Akademien und Begegnungsstätten über ihre Erlebnisse in der NS-Zeit und die Ermordung der Eltern in Buchenwald und Auschwitz. Ihr gelang es, nicht in Düsternis zu versinken. „Ich hatte Glück, trotz allem“, sagt die neue Ehrenbürgerin.

Trude Simonsohn wird 1921 in Olomouc (Olmütz) in der Tschechoslowakei als einzige Tochter eines Getreide-Kommissionärs und einer Hutmacherin geboren. Sie wächst in einem liberalen Elternhaus auf. „Wir waren nicht sehr religiös, aber die jüdischen Feiertage hielten wir ein. Katholiken, Hussiten und Juden lebten im barocken Olmütz friedlich miteinander“, erinnert sie sich. Sie besucht die tschechische Grundschule und das deutsche Gymnasium. Am meisten Freude bereiten ihr die Sprachen, zunächst Tschechisch und Deutsch, später Latein und Englisch. Und natürlich der Sport, Schwimmen und Tennis.

Im Mai 1942 angeklagt wegen Hochverrats

Nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht und der Annexion der Tschechoslowakei wird ihr Vater verhaftet. Trude kann weder Abitur machen noch wie geplant Medizin studieren. Stattdessen engagiert sie sich in der zionistischen Jugendbewegung. Nach dem Attentat auf NS-Reichsprotektor Reinhard Heydrich im Mai 1942 wird sie wegen Hochverrats angeklagt und für ein halbes Jahr eingesperrt, davon vier Wochen in einer Einzelzelle. „Diese Zeit ohne Bücher und Gespräche gehört zu meinen schlimmsten Erlebnissen. Ich wollte nicht mehr leben“, erinnert sich Trude Simonsohn.

Von 1942 bis 1944 muss sie im Ghetto Theresienstadt leben

Im November 1942 wird sie mit ihrer Mutter ins Ghetto Theresienstadt deportiert. Dort lernt sie ihren späteren Ehemann kennen, den Sozialpädagogen und Juristen Berthold Simonsohn. Im Oktober 1944 wird das Paar nach Auschwitz verschleppt. Trude Simonsohn erinnert sich, wie der berüchtigte Lagerarzt Josef Mengele sie an der Rampe voneinander trennte und verschiedenen Arbeitskommandos zuteilte. Danach knipst sie ihr Erinnerungsvermögen aus und fällt, wie sie sagt, in eine „Ohnmacht der Seele“.

Zu sich kommt sie erst wieder im Arbeitslager Kurzbach, wo sie in bitterster Kälte Panzergräben ausheben muss und fast an einer schweren Durchfallerkrankung stirbt. Am 9. Mai wird sie schließlich im KZ Merzdorf bei Groß-Rosen von Soldaten der Roten Armee befreit. Berthold Simonsohn erlebt das Kriegsende im Lager Kaufering, einer Außenstelle des KZ Dachau.

„Man geht nicht ungestraft durch so eine Hölle“

„Dass wir überlebt haben, ist ein Wunder“, sagt Simonsohn. Aber es hatte auch seinen Preis, denn beide sind von dem Lagerterror und der Zwangsarbeit körperlich und psychisch schwer gezeichnet. „Man geht nicht ungestraft durch so eine Hölle. Mein Mann hat deswegen gesagt: Wir müssen darüber reden, sonst schaffen wir das nicht.“

Ehepaar Simonsohn engagiert sich nach dem Krieg in der jüdischen Gemeinde

Nach 1945 arbeitet sie für die jüdische Flüchtlingshilfe in der Schweiz, macht eine Ausbildung zur Krankenpflegerin und betreut tuberkulosekranke und traumatisierte jüdische Kinder. 1950 folgt sie ihrem Mann nach Hamburg, ein Jahr später kommt dort Sohn Mischa zur Welt. 1955 zieht es die junge Familie nach Frankfurt am Main, wo Berthold Simonsohn die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland aufbaut. Sie selbst übernimmt in der jüdischen Gemeinde die Stelle für Sozialarbeit und Erziehungsberatung. Von 1989 bis 2001 ist sie Gemeinderatsvorsitzende.

Zeitzeugin will „solange weitermachen, wie es geht“

Nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes 1978 wird Trude von einem seiner Freunde, dem Direktor der Evangelischen Akademie Arnoldshain, Martin Stöhr, zu einer Tagung eingeladen, um über ihre Erlebnisse in der NS-Zeit zu berichten. Das ist die Initialzündung für ihre neue Rolle als Zeitzeugin. Denn sie versteht es, ihre Zuhörer mit Herzenswärme und Humor in den Bann zu ziehen. „Manchmal versagt mir die Stimme und ich muss weinen. Dennoch bin ich froh und dankbar, dass ich die Menschen erreiche und werde solange weitermachen, wie es geht.“

„Wer geglaubt hat, dass die Nazi-Doktrin aus den Köpfen heraus ist, der irrt“

Die bekennende Sozialistin und Zionistin lebt seit 1972 in einem Mietshaus im Frankfurter Westend und fühlt sich dort heimisch, wie sie sagt. Nach wie vor verfolgt sie das politische Tagesgeschehen und freut sich etwa über die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung. Einsilbig und nachdenklich wird Simonsohn allerdings, wenn die Sprache auf die Untaten des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU), die „Pegida“-Demonstrationen oder die jüngsten Wahlerfolge von NPD und AfD kommt. „Wer geglaubt hat, dass die Nazi-Doktrin aus den Köpfen heraus ist, der irrt.“

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Die Erinnerungen von Trude Simonsohn sind vor fünf Jahren unter dem Titel „Noch ein Glück“ erschienen. Das Buch entstand in Zusammenarbeit mit der Frankfurter Sozialwissenschaftlerin Elisabeth Abendroth.
Trude Simonsohn mit Elisabeth Abendroth: Noch ein Glück. Wallstein-Verlag Göttingen. 14,90 Euro.

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Glück ist Verbundenheit,
also eben nicht die unverbundene Selbststeigerung,
die alles andere benutzt zur eigenen Optimierung.

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