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Reformationsdekade

Jan Hus gilt als problematischer Märtyrer

GeorgiosArt/istockphotos.comPortrait-Stich aus dem 19. JahrhundertAm 6. Juli 1415 wurde auf dem Konzil in Konstanz der böhmische Reformator Jan Hus als Ketzer verurteilt und auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

Mit der Erinnerungskultur im 600. Todesjahr von Jan Hus befasste sich die 59. Europäische Tagung für Konfessionskunde, die vom 27.-28. Februar 2015 in Bensheim stattfand.

 Von Ksenija Auksutat

Die Wirkungsgeschichte des Erbes von Hus im Protestantismus wurde ebenso beleuchtet wie die Frage der „Heilung der Erinnerungen“ zwischen den christlichen Kirchen.

Drei Päpste amtierten gleichzeitig

Jürgen Miethke, emeritierter Professor für Geschichte der Mittelalters und der Neuzeit an der Universität Heidelberg, beleuchtete in seinem Vortrag die historischen Hintergründe des Konstanzer Konzils. Das innerkirchliche Schisma des 15. Jahrhunderts hatte dazu geführt, dass drei Päpste gleichzeitig amtierten. Auf dem Konzil wurde unter anderem darum gerungen, dieses Schisma zu beheben und durch Konziliarismus die Macht des Papstes zu begrenzen.

Volker Leppin, Reformationsgeschichtler an der Universität Tübingen, stellte die ideengeschichtlichen Traditionen dieses Gedankens vor. So wurde die Erkenntnis der Fehlbarkeit nicht nur des Papstes, sondern auch hochrangiger Kirchengremien bereits von Wilhelm von Ockham dargelegt. Pierre d’Ailly, Theologe und Kardinal im frühen 15. Jahrhundert, leitete aus der biblischen Überlieferung die Vorstellung von „Christus als Haupt der Kirche“ ab und versuchte damit den Machtanspruch des Papstes zu relativieren. Auch der Konzilsteilnehmer Francesco Zabarella, Jurist und Kardinal, identifizierte die Gläubigen insgesamt als Repräsentanten der Kirche, denen sich auch der Papst unterordnen müsse.

Jan Hus' Schriften beeinflussten auch Martin Luther

Über das Hus-Erbe in Tschechien referierten die tschechischen Historiker und wissenschaftlichen Mitarbeiter der Akademie der Wissenschaften in Prag, Jiri Just und Jaroslav Šebek. Sie zeigten für unterschiedliche Zeitepochen die Aneignung des Vor-Reformators auf, der als Projektionsfläche für theologische, kirchliche und nationale Interessen diente.

Die protestantische Rezeption des Reformators Hus beleuchtete Martin Rothkegel, Professor für Kirchengeschichte am Theologischen Seminar (FH) Elstal. Martin Luther hatte sich 1519 mit einer Schrift von Johannes Hus auseinandergesetzt und sich ausdrücklich in dessen Tradition gestellt. In der Folge wurden das Werk wie das Schicksal des böhmischen Reformators zur Begründung für protestantische Reformbemühungen in theologischer, aber auch kirchenpolitischer Hinsicht herangezogen. Durch Albrecht Ritschl, der die hussitische Theologie im 19. Jahrhundert neu bewertete, verlor diese in der Folge an Beachtung.

Problematischer "Märtyrer" 

Der Religionspädagoge Friedrich Schweitzer, Professor an der Universität Tübingen, problematisierte das Märtyrergedenken im Religionsunterricht. Von beispielhaften Personen christlichen Handelns könne nur als „kritisch gebrochenen Vorbildern“ gesprochen werden. Jan Hus als „Blutzeuge“ spiele in der Religionslehre weniger eine Rolle als etwa Dietrich Bonhoeffer oder auch Martin Luther King.

Abschließend referierte Andrea Strübind, Professorin für Kirchengeschichte an der Universität Oldenburg, über Chancen und Risiken der „Heilung der Erinnerung“ im ökumenischen Prozess. So sei eine „heilende Erinnerungskultur“ eine Methode, um Versöhnung in „post-konfliktionären Gesellschaften“ anzustoßen. Entsprechende  Erfahrungen zeigten „Healing of Memories“-Prozesse in Rumänien, Südafrika und Nordirland. Im Blick auf das Reformationsjubiläum 2017 sei in der ökumenischen Versöhnungsarbeit aber das Einbeziehen der Täuferbewegung als Teil der Reformation nötig. Im Umfeld der Reformation waren nachweislich mindestens 3.000 Taufgesinnte, darunter viele Frauen, als „Ketzer“ verurteilt und hingerichtet worden.

Eine intensive, ausführliche Diskussion zu Aspekten der Reformationshistoriografie und ihrer ökumenischen und kirchenpolitischen Bedeutung beschloss die Tagung, die vom Konfessionskundlichen Institut des Evangelischen Bundes veranstaltet wurde.

 

Glück ist Verbundenheit,
also eben nicht die unverbundene Selbststeigerung,
die alles andere benutzt zur eigenen Optimierung.

(Fulbert Steffensky)

Johannes 1,16

Bild: Mit freundlicher Genehmigung von Quelle: gettyimages, rusm

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