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Seelische Widerstandskraft angesichts des Ukraine-Krieges stärken

Bildquelle: gettyimages, highwaystarz-photographyGesprächTrägt mit dazu bei, seelisch stabil zu bleiben: die eigenen Gefühle in vertrauensvoller Atmosphäre zu benennen

Durch die Pandemie oder Schicksalsschläge fühlen sich manche Menschen angeschlagen. Jetzt kommen dazu bestürzende Nachrichten anlässlich des Ukraine-Krieges. Wie man mit Ängsten in bedrohlichen Situationen umgehen kann, hat Militärdekan Thomas Balzk in vier Auslandseinsätzen erfahren.  Auch die Friedenspfarrerin der EKHN und die Psychologin Jutta Lutzi kennen Empfehlungen zu Stärkung der seelischen Gesundheit.

Der Angriffskrieg gegen die Ukraine ist gerade mal 700 Kilometer von Deutschland aus entfernt, auch in Hessen-Nassau sind die Menschen entsetzt. „Das Bild von einem friedlichen Europa, das wir seit vielen Jahren hatten, ist zerbrochen. Auseinandersetzungen, die mit militärischer Gewalt ausgetragen werden, haben wir in Europa nicht mehr für möglich gehalten. Wir müssen folglich umdenken, vieles neu einordnen und bewerten“, so bringt Jutta Lutzi, die Beauftragte für Psychologische Beratungsarbeit in der EKHN, die Gedanken vieler auf den Punkt.

Krieg erschüttert

Manche empfinden Angst, Ohnmacht und Trauer um die leidenden Menschen, andere weichen diesen Gefühlen eher aus und packen die täglichen Aufgaben an. Wie können wir mit den Emotionen umgehen, die diese Bilder auslösen und eine angemessene Haltung entwickeln? Die Psychologin Jutta Lutzi, die Friedenspfarrerin der EKHN, Sabine Müller-Langsdorf und Militärseelsorger Thomas Balzk haben sich intensiv mit Reaktionen auf Kriegsgeschehen auseinandergesetzt. Thomas Balzk ist Militärdekan für Koblenz I, aber auch Gestalttherapeut und Eheberater. Für ihn war es notwendig Strategien zu entwickeln, um das zu verarbeiten, was ein Krieg auslöst. Als Militärseelsorger hat er jeweils monatelang Soldatinnen und Soldaten bei Auslandseinsätzen in Afghanistan, Mali, dem Kosovo und Somalia begleitet. Dabei hat er auch gefährliche Situationen wie den Beschuss des deutschen Lagers erlebt.

Hinsehen und bearbeiten

Vor dem Hintergrund der Ereignisse des Ukraine Krieges sagt er: „Die Zustände, die Bilder aus dem Krieg in uns auslösen, wollen gesehen und bearbeitet werden.“  Vom Verdrängen, einfach weiterfunktionieren und wildem Aktionismus hält er nicht viel. Stattdessen sei es zentral, „die eigenen Gefühle, die Angst, die Trauer zu benennen und darüber zu sprechen.“ Das unterstreicht auch Friedenspfarrerin Müller-Langsdorf: „Es gilt, die Angst anzunehmen und sich genauer zu fragen: Wovor habe ich Angst?“ Psychologin Lutzi plädiert aber auch dafür, genau hinzuschauen: „Welche Gefahr besteht für welche Menschen wann und wo? In akuter Gefahr befinden sich derzeit die Menschen in der Ukraine.“

Glaube als Kraftquelle und wirkungsvoll handeln

Psychologin Jutta Lutzi weist deshalb darauf hin, den Medienkonsum zu begrenzen und sich immer wieder Auszeiten zu nehmen für Meditation, Sport und andere Formen der Selbstfürsorge. Sie regt zudem an, über sinnvolle Handlungsmöglichkeiten nachzudenken, um etwas zu bewirken und „um nicht in einem Gefühl von Ohnmacht stecken zu bleiben.“ Die Kraft des christlichen Glaubens und der Kontemplation haben bei Pfarrer Balzk eine erhebliche Wirkung entfaltet: „Ich bin oft mit Tod und Angst konfrontiert worden und trotzdem habe ich mich zu keinem angstbesetzten Menschen entwickelt. Die Angst hat nicht das letzte Wort in meinem Leben.“

Ausführliche Empfehlungen zur Stärkung der Seele:

Friedenspfarrerin Müller-Langsdorf, Psychologin Jutta Lutzi sowie Militärseelsorger und Therapeut Thomas Balzk haben mehrere Aspekte identifiziert, die die Resilienz (seelische Widerstandskraft) in Bezug auf als bedrohlich empfundene Situationen stärken können:

1. Nachrichtenkonsum dosieren, auf Selbstfürsorge achten

„Man sollte auf den Medienkonsum achten, um nicht in einen Zustand der Dauererregung zu geraten“, empfiehlt Psychologin Lutzi. Sie erklärt den Grund: „Die vielfältigen Informationen, die 24 Stunden am Tag verfügbar und oft sehr alarmierend sind, können besonders ängstliche Menschen in einen Panikzustand versetzen, der Unterschiede nicht mehr wahrnehmen und ein Gefühl der unmittelbaren Bedrohung entstehen lässt.“ Über die aktuellen Ereignisse sollte man sich bei verlässlichen Quellen informieren. Wer zu Ängsten neigt, sollte darauf achten, sich nur zu bestimmten Zeiten den Nachrichten zu widmen. Friedenspfarrerin Müller-Langsdorf gibt zu bedenken, dass „Bilder stärker wirken als Worte.“ Psychologin Lutzi empfiehlt deshalb, sich immer wieder Auszeiten für die Selbstfürsorge nehmen – beispielsweise zu meditieren oder seinen Hobbys nachzugehen.

2. Gedanken stoppen, Gefühle wahrnehmen und benennen

Leicht ertappen sich mache, dass sie gedanklich alle möglichen Szenarien durchspielen, der Stresspegel steigt. Pfarrer Balzk rät deshalb, die Gedankenspirale zu stoppen, um sich der eigenen Gefühle, dem eigenen Wesen bewusst zu werden. „Es gehört zur Verantwortung eines erwachsenen Menschen, sich der eigenen Gefühle, eigener Ängste oder Trauer bewusst zu werden und zu benennen. Es ist sehr wichtig, dass wir mit uns selbst in Kontakt kommen“, so Thomas Balzk. Dazu kann auch der Austausch mit anderen beitragen.

3. Gespräche mit anderen über eigene Wahrnehmungen und Gefühle

Ein zentraler Punkt für die Bewältigung von Krisen ist für Pfarrer Balzk, seine Gefühle und Erfahrungen auszusprechen. Es hilft, darüber mit anderen in Beziehungen, in Familien oder mit Freunden zu reden und zu zeigen, „wie es in einem aussieht“. In einer wohlwollenden Gesprächsatmosphäre auf Augenhöhe können Befürchtungen, Fragen frei geäußert, aber auch die eigene Ohnmacht und Trauer ausgedrückt werden. Der Austausch kann oft dabei helfen, seine eigenen Gefühle deutlicher wahrzunehmen, sich selbst durch das Gegenüber besser zu spüren. Für alleinlebende Menschen ist es aber nicht immer leicht, einen Gesprächspartner zu finden. Friedenspfarrerin Müller-Langsdorf rät, die Telefonseelsorge als Notfallnummer bei Einsamkeit in Betracht zu ziehen. 

4. Eigene Belastungen akzeptieren, ernst nehmen und Hilfe suchen

Manchen Menschen ist es aber nicht möglich, Zugang zu ihren Gefühlen herzustellen. Eventuell kann eine wertschätzende Gesprächsatmosphäre, der Zugang über Körperempfindungen, Musik und liturgische Elemente eine innere Tür wieder öffnen, hat Pfarrer Balzk erfahren. Wer allerdings keine Erfahrung darin hat, sich schwierigen Gefühlen zu stellen, sollte sich professionelle Hilfe suchen.
Bei anderen Menschen geschieht das Gegenteil: Sie fühlen sich geradezu überwältigt, die Bilder aus dem Krieg können unbewusst eigene Existenzängste oder Ohnmachtserfahrungen antriggern. Manche Menschen tragen aufgrund vergessener, aber unverarbeiteter Ereignisse seelische Belastungen in sich und können beispielsweise retraumatisiert werden. Beispielsweise ängstigen sich jetzt einige Menschen besonders, die noch den zweiten Weltkrieg erlebt haben. In Auslandseinsätzen hat Pfarrer Balzk erlebt, dass nach einer bedrohlichen Situation diejenigen Soldaten besonders gefährdet waren, eine posttraumatische Belastungsstörung zu entwickeln, welche noch unverarbeitete, psychischen Belastungen in sich getragen hatten. Zudem hatten sie bis dahin oft nicht gelernt, ihre Gefühle zu benennen. Deshalb empfiehlt Seelsorger Balzk, die eigenen Belastungen ernst zu nehmen und sich evtl. therapeutische Hilfe zu suchen.
Ansprechpartner - Hilfe, Seelsorge und Beratung

5. Die Verbindung zum Innersten und zu Gott aufnehmen

In Anlehnung an die 40 Tage Jesu in der Wüste empfiehlt Pfarrer Thomas Balzk, sich eine Zeit der Stille zu nehmen. Anhand von Meditationsmethoden, bzw. der Kontemplation nach der Tradition der Mystik, können phantasierte Gedanken immer mehr losgelassen werden. Es entsteht kraftspendender Raum, in dem sich die oder der Betende immer mehr in das eigene Sein und die Verbindung zu Gott begeben kann. Die Besinnung auf die eigenen Quellen kann die Stärke geben, schwierige Situationen zu bewältigen. Auch Psychologin Jutta Lutzi ermutigt diejenigen, die Erfahrung mit Mediation haben, sie anzuwenden.  
Anregung für die christliche Meditationspraxis

6. Glaube verankern

Die stärkende Wirkung des Gebetes der Vereinten Nationen hat Friedenspfarrerin Müller-Langsdorf in schwierigen Situationen erlebt: „Unsere Erde ist nur ein kleines Gestirn im großen Weltall. An uns liegt es, daraus einen Planeten zu machen, dessen Geschöpfe nicht von Kriegen gepeinigt werden.“
Konfliktreiche Zeiten erfordern oft schwierige Entscheidungen. Zur Vorbereitung dafür haben sich für Pfarrer Thomas Balzk zwei Wertvorstellungen des christlichen Glauben als zentral erwiesen:
Zum einen die unmissverständliche Aufforderung Jesu zum Frieden: „Wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar.“ (Mt 5,39)
Zum anderen das Gebot der Nächstenliebe: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ (Mt 19,19) Aus seiner Erfahrung kann die Auseinandersetzung mit diesen beiden Glaubensaussagen darauf vorbereiten, in einem Dilemma den bestmöglichen Weg zu wählen.
Im Blick auf das Entsetzliche eines Krieges hat Pfarrer Balzk erlebt, dass sein Vertrauen in den christlichen Glauben und die Osterhoffnung ihm geholfen habe, das Gesehene zu bewältigen: „Es geht um das Vertrauen darauf, dass es noch eine andere Wirklichkeit gibt als Leid, Besitz und Macht. Im Reich Gottes ist seine unbeschreibliche Gerechtigkeit und Liebe verwirklicht.“ Mit Blick auf die Härten von Kriegen heißt das für ihn: „Wenn ich ein getötetes Kind sehe, empfinde ich großen Schmerz. Aber ich weiß auch: Es ist jetzt da, wo Frieden ist.“ Auch die Angst vor einem Atomkrieg legt Pfarrer Balzk in die Hände Gottes: „Warum knien wir uns nicht hin und beten zu Gott?: `Wir haben Angst. Gott, bitte stehe uns bei. Wir können nicht tiefer fallen als in deine Hände.“ Im Gebet könne die Angst benannt und dadurch etwas abgegeben werden. Gebete hätten dadurch etwas Heilendes und Tröstendes – aber sie sind keine Zaubermittel und radieren die Angst nicht aus. Aber sie können helfen, besser mit ihr umzugehen.
Anregungen für Gebete

7. Gemeinsam für Frieden beten, gemeinsam handeln

Friedenspfarrerin Müller-Langsdorf empfiehlt, an gemeinsamen Friedengebeten oder gemeinsamen Hilfsaktionen teilzunehmen. Das stärkt die Erfahrung: „Ich bin nicht allein. Zusammen mit vielen, die Frieden wollen.“ Das öffentliche Gebet sei auch ein Statement: „Ihr seid nicht vergessen. Wir stehen zu euch. Wir glauben, dass Not sich wandeln wird und Frieden gewinnt.“

8. Mit Kinder und Jugendlichen sprechen

Kleine Kinder sollten nach Möglichkeit vor verstörenden Bildern geschützt werden. Ältere Kinder und Jugendliche erfahren ohnehin von einem Krieg über Freunde, die Schule, die Medien oder andere Quellen. Teilweise behalten sie aber ihre Vorstellungen und Ängste für sich. Deshalb ermutigt Pfarrer Balz, den Nachwuchs aktiv anzusprechen und zu fragen: „Was weißt du schon? Wie geht es dir damit? Wollen wir gemeinsam überlegen, wie wir helfen können?“ Die Jugendlichen und Kinder sollten die Gelegenheit haben, sich frei auf Augenhöhe auszusprechen. Darauf können Eltern reagieren, wie Psychologin Jutta Lutzi skizziert: „Es ist wichtig, Kindern eine Orientierung zu geben, was ein Krieg ist, wo er derzeit stattfindet, wer sich in welcher Gefahr befindet und wer nicht. Man sollte vor allem darauf achten, dass man Kinder nicht mit zu vielen Informationen überfordert und ihnen eigene Ängste nicht ungefiltert weitergibt.“
Kriegsbilder treffen auf Kinderaugen

9. Wirkungsvoll handeln statt Reiz-Reaktions-Prinzip

Als bedrohlich empfundene Situationen können dazu führen, dass Lösungen sofort in Taten gesucht werden. Spontan und unmittelbar angesetzte Aktionen können möglicherweise wenig Wirkung zeigen oder schlimmstenfalls die Spirale der Gewalt weiter anheizen. Deshalb empfiehlt Pfarrer Balzk sich vor Entscheidungen, dem eigenen Innersten und der Verbindung zu Gott gewahr zu werden (Punkt 5+6). Auch Jutta Lutz rät, nicht in Aktionismus zu verfallen. Es sei wesentlich, sinnvoll zu handeln. Das helfe, Ängste und Ohnmachtsgefühle zu bewältigen und etwas zu bewirken: „Direkt beteiligen können sich Menschen beispielsweise an Demonstrationen, Spenden- und Hilfsaktionen, Friedensgebeten.“

Themen-Special zum Ukraine-Krieg

Kriegsbilder treffen auf Kinderaugen

Religionspädagogik: In Kita und Schule über den Krieg sprechen

[Rita Haering, Stand: 4. März 2022]

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Gut:
Das heißt für mich -
frei und befreit von allem,
was ich aus Angst und Ärger tief
in mir vergraben habe.

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