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"So muss es nach dem Krieg ausgesehen haben“

Ökumenische Jugendkirche Selters hilft in Bad Neuenahr

dekIn Bad Neuenahr waren (v.l.): Marco Herrlich, Dr. Stefan Ley, Henny Schneider, Helen Müller, Bernd MüllerVom Hilfseinsatz müde, aber froh helfen zu können. (v.l.) Dekanatsjugendreferent Marco Herrlich, Pastroralreferent Dr. Stefan Ley, FSJ-lerin Henny Schneider, Helen Müller vom Team der Jugendkirche, Bernd Müller.

Die Ökumenische Jugendkirche aus Selters ist mit fünf Personen ins Katastrophengebiet gefahren, um bei den Aufräumarbeiten zu helfen.

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Das Ausmaß der Zerstörung ist groß. Der Hilfstrupp aus Selters räumte einen Keller frei.

Ein Shuttle Service brachte die Gruppe nach Bad Neuenahr-Ahrweiler, Hilfsorganisationen verteilen die freiwilligen Helfer und bringen sie in die zerstörten Orte und wieder zurück. Der Dekanatsjugendreferent des Evangelischen Dekanats Westerwald, Marco Herrlich, und die FSJ-lerin der Dekanatsjugendarbeit, Henny Schneider, erzählen von ihrem Hilfseinsatz.

Wie kamt ihr auf die Idee nach Bad Neuenahr zu fahren?

Henny: Wir haben im Team der Jugendkirche überlegt, was wir machen können, um zu helfen, über Geldspenden hinaus. Sachspenden werden ja gerade nicht gebraucht, deswegen haben wir überlegt, dass wir vor Ort helfen wollen.

Marco: Wir sind ja hier im Westerwald nur eine gute Stunde entfernt, also aus der direkten Nachbarschaft. Und dort arbeiten wirklich viele Leute aus dem gesamten Bundesgebiet. Unvorstellbar, wie groß das ehrenamtliche Engagement ist, dort sind Leute, die sich eine Woche Urlaub nehmen, um zu helfen.

Wie genau sah dann eure Hilfe aus?

Marco: Wir haben uns vier Männern angeschlossen, die ein Haus ausgeräumt haben. Einer von ihnen war ein Verwandter der Besitzer, die schon ältere Leute sind. Dort haben wir den Keller entrümpelt, der aus fünf oder sechs Räumen bestand. Flaschen, Regale, eine Modelleisenbahn-Sammlung, Koffer, Weihnachtsdekoration, altes Spielzeug, Videokassetten – alles war völlig unbrauchbar und musste weggeworfen werden. Vor dem Haus gab das einen riesigen Müllberg. Immer wieder haben wir Schlamm und schlammiges Wasser im Keller geschoben, um den Keller vom gröbsten Schmutz zu befreien.

Henny: Alles hat sich dort vollgesaugt mit dem schmutzigen Wasser, da waren Stoffbahnen, die lagen zwei Wochen im Schlamm, so dass sie unglaublich schwer zu tragen waren. Sehr viele Häuser sind noch überhaupt nicht betreten worden. Das Wasser zerstört absolut alles dort.

Wie schwierig ist die Einhaltung der Corona-Regeln unter den Arbeitsbedingungen dort?

Henny: Wir waren im Bus mit rund 60 Menschen. Aber alle haben Masken getragen. Beim Einsatz selber hätte ich die Maske gar nicht ablegen mögen. Der Schlamm hat derart ekelerregend gestunken, das ich sehr froh über die Maske war. Alle Helfer dort haben sie dauerhaft getragen. Der Gestank wird dort immer schlimmer, da die Bakterien sich vermehren.

Ist der Schlamm nicht auch gesundheitsgefährdend?

Marco: Auf jeden Fall. Manche Helfer bekommen Ausschlag von dem Matsch, der ist teilweise voller Öl und bakterienverseucht. Blutvergiftung und Magen-Darm-Krankheiten sind natürlich eine mögliche Gefahr. Die Koordinatoren von den Hilfsorganisationen haben uns darauf hingewiesen, dass wir nicht mit Hautverletzungen weiterarbeiten sollen. Natürlich haben wir uns mit ölfesten Handschuhen und Gummistiefeln geschützt. Die Kleidung von dem Tag mussten wir wegwerfen.

Frage: Nachdem ihr die Auswirkungen der Flut selbst gesehen habt, wie beurteilt ihr die Situation dort?

Henny: Das kann man sich nicht vorstellen. Wenn man vor Ort ist, hat man noch mal einen ganz anderen Eindruck. So stelle ich mir vor, dass es nach dem Krieg ausgesehen hat. Wie viel Kraft das Wasser hat: Autos stehen kreuz und quer, Dächer wurden von Autos abgerissen, Scheiben von Ladenlokalen liegen herum, von den Straßen wurde die Asphaltdecke weggerissen.

Marco: Nach zwei Wochen ist dort auch noch echt wenig passiert. Das Wasser steht zum Teil immer noch in den Gebäuden. In der Straße, in der wir waren, hat man an den Hauswänden die Linie gesehen, wo das Wasser gestanden hat. Das war zweieinhalb Meter über dem Boden. Erdgeschoss und Keller der Häuser waren also komplett geflutet.

Was denkt ihr über die Zukunft der betroffenen Region?

Henny: So eine krasse Zerstörung habe ich noch nie gesehen. Da wird noch das ganze Jahr lang massiv Hilfe gebraucht. Dass da Leute wieder normal wohnen können, ist fast nicht vorstellbar. Ein älterer Mann hat uns erzählt, er wohne seit 30 Jahren an der Ahr und habe nie ein Hochwasser erlebt, dass die Straße überspült hätte. Die Ahr sei immer ein beschaulicher Bach gewesen.

Marco: Es fragt sich auch, was mit dem ganzen Schutt und Müll wird. Bagger und LKW bringen permanent die Müllberge auf den Straßen weg. Wo soll das alles hin? An den Aufräumarbeiten allein haben die richtig lange dran zu tun und dann ist dort noch nicht ansatzweise ein normales Leben möglich.


Was würdet ihr Leuten raten, die auch helfen wollen?

Marco: Wichtig ist, zu einem Sammelplatz zu fahren und sich da auf die Shuttles und Hilfstrupps verteilen zu lassen, damit man nicht mit eigenen PKWs die Zufahrtswege versperrt. Es war uns wichtig da sein und beizutragen, dass wenigstens ein Haus von Schutt und Schlamm befreit ist. Aber es ist richtig harte Arbeit. Wir hatten jedenfalls schon von dem einen Tag einen ordentlichen Muskelkater.

Henny: Es war ein gutes Gefühl, zumindest ein bisschen geholfen zu haben. Die Menschen waren total dankbar, dass wir da waren, auch wenn es nur ein kleiner Anteil war, den wir geleistet haben: Wir haben was bewegen und helfen können und der Keller, in dem wir gearbeitet haben, ist wieder begehbar.

Die Fragen stellte Sabine Hammann-Gonschorek.

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In der Konzentration auf das, was ist,
kann sich so etwas wie ein Raum öffnen,
ein Gewahrsam schärfen für die Gegenwart Gottes.

(Carsten Tag)

Carsten Tag

Bild: Mit freundlicher Genehmigung von gettyimages / rusm

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