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Frieden braucht Toleranz

Steinsoldaten© Leonie Schottler

Von Wolfgang Buff
Beauftragter für Friedensbildung im Zentrum Ökumene der EKHN

Aggressionsausbrüche, Gewalthandlungen, ja sogar kriegerische Auseinandersetzungen werden oft in Verbindung gebracht mit mangelnder Toleranz gegenüber Andersdenkenden, Andersglaubenden oder Anderslebenden. Doch dieser Ansatz ist immer zu einfach, zu eindimensional und zu bequem.

Eine neuere Interpretation dreht den Spieß um und gefällt sich in der Analyse, unsere allzu großzügige Toleranz bereite erst den Boden für Aggressionsausbrüche, Gewalthandlungen und Kriege. Wir müssten unsere Werte offensiver verteidigen, klare Kante zeigen, lauten die Vorschläge. Doch auch diese Erklärung ist oberflächlich und letztlich irreführend.

Es kann zwar ein Zuwenig an Toleranz geben, aber kein Zuviel.

Toleranz bedeutet nicht Beliebigkeit. Toleranz funktioniert nur, wenn sie an Werte gebunden ist. Darüber hinaus spielt der jeweilige soziale Kontext eine entscheidende Rolle.

Sich selbst diese Werte und Rahmenbedingungen klarzumachen, von denen aus eigene Einstellungen und Verhaltensweisen gesteuert werden, setzt die Erkenntnis voraus, dass es sich dabei nicht um absolute Maßstäbe handeln kann, und die Einsicht, dass Andersdenkende, Andersgläubige und Anderslebende aus ihrem jeweiligen sozialen Kontext und ihrem eigenen Werterahmen heraus sich entsprechend richtig verhalten.

Erst die Reflexion der eigenen Position und der Versuch, die andere Seite zu verstehen, ermöglichen ein tolerantes Miteinander. Unter dem Fähnchen der Toleranz alles zu erdulden und zu ertragen, das steht ebenso wenig zur Diskussion wie das eigene Modell des Lebens – womöglich unter Berufung auf das Toleranzgebot – zum Maßstab für alle Menschen zu erklären.

Ich persönlich gerate häufig an die Grenzen meiner Toleranz.

Ein neuralgischer Punkt ist stets die Anwendung von Gewalt – nicht nur die der sichtbaren physischen Gewalt, sondern auch die der psychischen, ökonomischen und kulturellen.

Allerdings erfolgen Angriffe auf die physische, ökomische und kulturelle Unversehrtheit oft leise und unspektakulär und werden in verschiedenen Kulturen und zu verschiedenen Zeiten höchst unterschiedlich bewertet.

Aber auch hier gilt: Ohne die Reflexion der eigenen Maßstäbe und ohne das Hineinfühlen in die Maßstäbe des Fremden, des Anderen, ja auch des Gegners, gibt es keine Gerechtigkeit.

Deshalb endet meine Toleranz gleichermaßen bei dem, der Bomben legt oder Waffen einsetzt, aber auch bei dem, der Bomben baut oder Waffen herstellt und sie verkauft. Sie endet bei dem, der durch sein Handeln Menschen verletzt und quält, aber auch bei dem, der Menschen verhungern lässt oder nicht alles daran setzt, sie angemessen medizinisch zu versorgen.

Spätestens an dieser Stelle lässt sich erahnen, dass jeder von uns, ob hier in Hessen oder anderswo, Verhaltensweisen toleriert, bei denen sich Toleranz eigentlich verbietet. Ob ich als Christ zu viel oder zu wenig Toleranz übe, kann jeder von uns selbst beantworten, indem er sich fragt: Was tue ich im Alltag für den Frieden und die Gerechtigkeit? Was ist mein Beitrag, um die Schöpfung zu bewahren?

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In der Konzentration auf das, was ist,
kann sich so etwas wie ein Raum öffnen,
ein Gewahrsam schärfen für die Gegenwart Gottes.

(Carsten Tag)

Carsten Tag

Bild: Mit freundlicher Genehmigung von gettyimages / rusm

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