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Dulden heißt beleidigen …!

www.istockphotocom/jacky9946Händedruck zweier PersonenHändeschütteln

Anmerkungen zum Jahr der Toleranz im Rahmen der Lutherdekade 2013

von Prof. Dr. Markus Wriedt, Goethe-Universität Frankfurt am Main, leicht überarbeiteter Text aus dem Gemeindebrief 36 der Evangelischen Kirchengemeinde Nieder-Olm (Dezember 2012 – März 2013).

Ein gutes Jahr lang haben evangelische Kirchen und Verbände das Erbe der Reformation Martin Luthers im Fokus von „Toleranz“ beleuchtet. Der Begriff sollte im Verlauf einer Neubesinnung in neuem Licht erstrahlen. Zahlreiche Vertreter der protestantischen Kirchen begreifen das Erbe der reformatorischen Entdeckung Luthers, die dieser mit seinen 95 Thesen erstmalig am 31. Oktober 1517 der Öffentlichkeit vortrug, als den Beginn der Moderne. Pluralität, Toleranz, Gewissen, Individualität – kein Stichwort wird ausgelassen, mit dem einerseits der gegenwärtig erreichte historische, gesellschaftliche, politische und kulturelle Fortschritt beschrieben und das andererseits im Werk des Wittenberger Reformators aufgespürt werden kann. Er ist der Held unserer Tage. Auf seinen Schultern gründet unsere Kirche, unsere Gesellschaft, unsere Geisteshaltung.

Nach diesen markigen Worten dürfte es auch dem Letzten klar geworden sein: Hier stimmt etwas nicht! Weder kann man Luther einen besonders toleranten Umgang mit Andersdenkenden unterstellen, noch hat sich die sich auf ihn berufende Kirche in besonderer Weise um die religiöse und gesellschaftliche Toleranz verdient gemacht. Vielleicht haben einige Vertreter des Protestantismus in den vergangenen Jahren ein wenig mehr von sich reden gemacht, wenn sie unter Berufung auf das Evangelium sich solidarisch mit Armen und Schwachen, Verfolgten und Vertriebenen machten. Sicherlich hatten sie auch gute Gründe dafür, wenn sie etwa die Wiederentdeckung der evangelischen Rechtfertigungsbotschaft durch Martin Luther ins Feld führen konnten. Aber dennoch: Toleranz und Kirche – das geht nicht zusammen!

Schaut man ein wenig in die Geschichte zurück, so wird man eines merkwürdigen Befundes gewahr: Für die ersten Christen heißt tolerieren nämlich erleiden, ertragen. Die Toleranz ist die Tugend der Märtyrer, die um des Evangeliums Jesu Christi willen verfolgt und getötet werden. Toleranz ist also das Aushalten der Position des anderen, auch und gerade dann, wenn damit die eigene Existenz in gravierender Weise gefährdet wird. Nicht umsonst ist das eine Tugend der Heiligen, zu deren Übung es mehr als des regulären Menschenverstandes bedarf.

In späterer Zeit wird die Toleranzforderung häufig von jenen erhoben, die vom Hauptstrom der Entwicklung an den Rand und ihrer Minderheitsmeinung wegen sogar verfolgt und vernichtet werden. Toleranz üben im 16. Jahrhundert nicht mehr die Märtyrer, sondern sollen jene Obrigkeiten üben, die Andersgesinnte des Landes verweisen, ihren Besitz konfiszieren und häufig genug ihren Tod provozieren. Täufer, „Schwärmer“ [Anmerkung: „Schwärmer“ ist der Begriff Luthers für die, die wir heute als Dissidenten, Non-Konformisten, Spiritualisten etc. bezeichnen. Man könnte auch sagen: „alternative“ oder „non-konforme“ Glaubensformen], Juden, Andersgläubige – die Zahl derer, die am Rande der Gesellschaft in den Abgrund zu stürzen beziehungsweise gestoßen zu werden drohten, war groß. Sie forderten die Mächtigen ihrer Zeit auf, sie zu erleiden, zu erdulden und zu ertragen. Sie provozierten damit, dass sie betonten, dass in dem großen Glanz, der Macht und Herrschaft jener Autoritäten, die sie mit dem Tode bedrohten, wenigstens so viel (christliche) Leidensfähigkeit erhalten bleiben sollte, dass sie, die Minderheiten, zumindest überleben konnten.

Nicht nur Luther, auch Melanchthon, Zwingli und Calvin konnten dieser Forderung wenig abgewinnen. Wo es um die Wahrheit geht, kann man keine Kompromisse machen. Und wenn die andersdenkenden und nonkonformen Gruppierungen meinen, einen anderen Glaubensstand-punkt einnehmen zu müssen, müssen sie die Konsequenzen tragen. Und die bestehen in einer Hölle auf Erden. Zahlreiche Täufer wurden mit Billigung der Reformatoren grausam samt Weib und Kind getötet, Juden und Andersdenkende des Landes – und damit jeglichen Schutzes – verwiesen. Kursachsen, das Land der Reformation, war zu Zeiten Luther stolz darauf, sogar durchreisenden Juden den Weg zu verweigern. Sachsen war „judenfrei“!

Es sollte noch knapp 200 Jahre dauern, bis sich wenigstens ein Anflug von Humanität durchsetzte und im Zeitalter der Vernunft andersdenkende und fremdreligiöse Gruppierungen zumindest geduldet wurden. Freilich stand im Hintergrund der meisten „Toleranzpatente“, obrigkeitlichen Garantien für Toleranz in der Regel in Form von Gesetzen der damaligen Zeit, keine besondere christliche Nächstenliebe, dahinter verbargen sich schlicht wirtschaftliche Interessen und politisches Kalkül. Zahlreiche religiöse und ethnische Minderheiten verfügten über außergewöhnliche Kenntnisse, Techniken und Verfahren, die der Wirtschaft des „toleranten“ Territoriums weit entgegenkamen. So trugen Hugenotten, Katholiken, Juden und andere Gruppierungen erheblich zum Wohlstand des Königreichs Preußen bei. Und auch die berühmten Josephinischen Reformen im habsburgischen Österreich waren nicht von einer besonderen, in diesem Falle römisch-katholischen Warmherzigkeit getragen, sondern von dem Kalkül eines um die Vormachtstellung in Europa ringenden Potentaten.

Der sich hinter dieser Entwicklung verbergende Zynismus wurde von keinem geringeren als Johann Wolfgang von Goethe auf den Punkt gebracht. Im „west-östlichen Divan“ schreibt er: „Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein; sie muss zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen …!“ Goethe fährt freilich fort: „Eine Idee darf nicht liberal sein! Kräftig sei sie, tüchtig, in sich selbst abgeschlossen, damit sie den göttlichen Auftrag, produktiv zu sein, erfülle. Noch weniger darf der Begriff liberal sein, denn er hat einen ganz anderen Auftrag. Die wahre Liberalität ist Anerkennung.“

Eine irritierende Wahrnehmung: Da sind wir stolz auf die zumindest über weite Strecken in unserem Lande geübte Toleranz, und dann schreibt uns der Nationaldichter eben dies ins Stammbuch: Dulden heißt beleidigen.

Zum Jahr der Toleranz gehört zweierlei: zum einen die Einsicht in die fragwürdige Repetition des Toleranzgebotes. Es geht nicht um dulden oder erduldet werden, sondern um wechselseitigen Respekt. Es geht nicht darum, eine andere Meinung oder Lebensform zu erleiden, es geht darum, sie ernsthaft als gleichberechtigt zu respektieren. Davon sind wir, so meine ich zumindest, weit entfernt.

Zum anderen: Respektvollen Umgang mit Andersdenkenden und -glaubenden können wir nur üben, wenn wir eine gesicherte Identität und Selbstwahrnehmung haben. Wer selbstbewusst in seinem Glauben, in seiner Kultur und in seiner Geschichte zu Hause ist, hat vor anderen Denkungsarten keine Angst. Er kann sie respektvoll wahrnehmen. Er muss aber nicht im falschen Konsensbemühen von seiner Position etwas aufgeben, um dies dann auch von seinem Gegenüber zu verlangen.

Hassparolen, fremdenfeindliche Auswüchse, radikale Gruppierungen haben dort einen Nährboden, wo die kulturelle Identität brüchig, die Leidensfähigkeit – aus welchem Grunde auch immer – überstrapaziert und das Selbstbewusstsein im Zuge des gesellschaftlichen Wandels verloren gegangen ist.

Wenn es etwas gibt, was wir von Luther und der Reformation lernen können, dann ist es gerade nicht die Toleranz als fromme Duldsamkeit, sondern das standhafte Festhalten an der als wahr erkannten Position. Diese gilt es durchzuhalten. Über Luther hinaus können wir aber die Lehre aus der Geschichte ziehen, dass es nicht darum geht, den anderen zu überzeugen oder im Falle seiner Weigerung zu vernichten, sondern ihn respektvoll in guter Nachbarschaft mitleben zu lassen. Auch davon sind wir noch ein gutes Stück entfernt. Das Jahr der Toleranz könnte uns kleine Schritte üben lassen, um so zu echtem Respekt jenseits aller Duldung und der mit ihr verbundenen Beleidigung zu finden. Integration fängt mit dem ernsthaften Austausch an: Fremdheit wahrnehmen und respektvoll ausdrücken. Verständnis suchen, aber nicht zur eigenen Identität werden lassen. Integration heißt: Fremdheit aushalten und mit dem Gegensatz leben. Das ist alles andere als bloße Toleranz.

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Dies Gebot haben wir von ihm,
daß, wer Gott liebt, daß der auch seinen Bruder liebe.

1. Johannes 4, 21

Bild: Mit freundlicher Genehmigung von gettyimages/issalina

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