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Reza Sicha© Reza Sicha

„Nur Interesse und Offenheit helfen“

Reza Sicha, Migrationsbeauftragter der Polizei in Gießen, über den interkulturellen Alltag im Gespräch mit Martin K. Reinel

„Toleranz kann man nicht fordern, sondern nur fördern.“ Reza Sicha weiß, wovon er spricht. Er ist Migrationsbeauftragter im Polizeipräsidium Mittelhessen in Gießen. Seine Aufgabe: Bindeglied zu sein zwischen der Polizei und nichtdeutschen Mitbürgerinnen und Mitbürgern. „Toleranz entsteht“, so Sicha, „wenn eine Seite jeweils mehr von der anderen versteht. Wenn sie sich für das interessiert, was die andere praktiziert und etwas entdeckt, was sie vorher nicht kannte.“

Der 40 Jahre alte Polizist trifft bei seiner Arbeit auf Männer und Frauen aus allen Milieus und unterschiedlichsten Kulturen. Sicha kennt die verschiedenen Sichtweisen und unterschiedlichen Geschichten und versteht die daraus resultierenden Probleme: Darf ein Polizist bei einer richterlich erlaubten Hausdurchsuchung einen Koran anfassen? Eindrucksvoll, lebhaft und konkret beschreibt der Kriminaloberkommissar solch eine Situation und erläutert aus eigener Erfahrung: „Ich sage dann zu dem Verdächtigen: ‚Ganz ruhig. Bitte öffnen Sie den Koran selbst und blättern Sie ihn ganz langsam durch.‘“ Die polizeiliche Arbeit der Gefahrenabwehr und Strafverfolgung muss getan werden. Bei Straftaten gibt es keine Toleranz. Aber der Respekt vor dem anderen Menschen und vor seiner Religion erfordere auch in einem Moment hoher Anspannung Respekt und Würde.

Polizist Sicha begleitet Menschen mit nichtdeutschem Hintergrund, die sich an die Polizei wenden. Und er begleitet andere Polizisten, wenn sie es mit Migranten zu tun bekommen. Die Liste der Aufgaben des Migrationsbeauftragten ist lang. Dazu gehört die Unterstützung polizeilicher Maßnahmen durch soziokulturelle Hintergrundinformationen. Er klärt nichtdeutsche Mitbürger über Aufgaben, Rechte und Pflichten der Polizei auf. Er berät und betreut Rat suchende nichtdeutsche Mitbürger bei allen polizeispezifischen Angelegenheiten. Familienintervention gehört ebenso zu seinen Aufgaben wie die Betreuung und Beratung von gefährdeten Kindern, straffällig gewordenen Jugendlichen und Heranwachsenden. Das große Ziel bei all seinen Aktivitäten: der Abbau von Vorurteilen.

Sicha wurde in Teheran im Iran geboren, kam als Schüler 1986 nach Deutschland und ist jetzt deutscher Staatsbürger und hessischer Landesbeamter. Im Januar 2011 wurde er zum Migrationsbeauftragten ernannt und vermittelt nun interkulturell in beide Richtungen. Was zeichnet ein gutes Zusammenleben aus? Auf diese Frage gibt Sicha eine „ganz klare Antwort“: vor allem Interesse an dem, was die jeweils anderen tun. Oft sei nicht Böswilligkeit das größte Hemmnis, aufeinander zuzugehen. Beide Seiten hätten viel häufiger große Angst, etwas falsch zu machen, so der studierte Diplom-Verwaltungswirt: „Da helfen nur Interesse und Offenheit.“

Die notwendige Toleranz in der Gesellschaft entstehe, wenn Begegnungen beide Seiten dabei unterstützten, etwas neu wahrzunehmen. Allerdings gehörten zu mehr Toleranz auch deutliche Ziele. „Was passiert eigentlich“, fragt Sicha nachdenklich, „wenn eine deutsche Familie und eine fremde Familie auf Dauer als Nachbarn nebeneinander leben? Toleranz ist doch mehr als bloßes Dulden und Ertragen.“ Das Gesamtgefüge müsse passen, normales Leben müsse sich entwickeln: „Das Recht der jeweils anderen darf nicht eingeschränkt werden. Das alles ist keine Einbahnstraße, sondern ein Geben und Nehmen.“

Welche Rolle spielt eigentlich die Religion, wenn es um Toleranz geht? Sicha ist überzeugt, dass es keine klare Trennung zwischen Glaubenssätzen und der Herkunft gibt: „Das ist immer ein Verschmelzen von verschiedenen Werten. Das trifft übrigens auch auf die Deutschen zu.“ Sicha hat andererseits beobachtet: Manche Migrantengruppen, die schon Jahrzehnte in Deutschland leben, halten an Traditionen und Wertvorstellungen fest, die in ihrem Herkunftsland schon lange überholt sind. Positiv zu Toleranz tragen Religionsgemeinschaften aus seiner Sicht dann bei, wenn sie sich gemeinsam um Notfälle kümmern. Die Notfallseelsorge fällt dem Polizeibeamten dabei als besonders gutes Beispiel ein. Aber auch die „basisbezogene“ Arbeit der christlich-islamischen Gesellschaft erscheint dem Migrationsbeauftragten als ein guter Beitrag, um friedlich etwas für mehr Toleranz zu bewegen.

Für den zweifachen Vater, der selbst keiner Konfession angehört, ist klar: Zu echter Toleranz gehört vor allem, Vorurteile zu überwinden und „falsche soziokulturelle Glaubenssätze“ auszuhebeln. Wie? „Manchmal ist es ganz einfach“, sagt Sicha: „Fragen Sie sich immer: Kennen Sie andere Beispiele? Bestimmt kennen Sie Leute, die ganz anders sind als es das Vorurteil über Deutsche, Türken oder Iraner besagt!“ Wenn man anderen Menschen Respekt entgegenbringt, werden auch sie mich respektieren. Davon ist Reza Sicha überzeugt, und dafür setzt er sich auch in der Polizei ein.

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Es sollen wohl Berge weichen
und Hügel hinfallen,
aber meine Gnade
soll nicht von dir weichen.

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