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Unterwegs

Dem mysteriösen Steinmännchen auf der Spur

Bildquelle: Rita HaeringSteinmännchen an der PartnachSteinmännchen an der Partnach

Da stehen sie hinter einer Wegbiegung: Große und kleine Steinmännchen, stabil und fragil wirkende. Was hat es mit den stummen Zeugen auf sich, denen viele Urlauberinnen und Urlauber an Flüssen, Seen und auf Bergpässen immer häufiger begegnen?

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Gipfelkreuz Kreuz Steinmännchen Kultischer Steinhaufen in der Mongolei Steinmännchen in Armenien Kapelle

Gipfelstürmer, Kletterer oder Wanderer bemerken unterwegs nicht nur eine phantastische Aussicht, sondern auch spirituelle Hinweise: Gipfelkreuze, Kapellen oder Gedenktafeln für abgestürzte Bergsteigerinnen und Bergsteiger. Doch zunehmend fallen gestapelte Steine an Seen, Flüssen, Wegkreuzungen und Erhebungen auf. Eine große Versammlung aus Steinmännchen wurde beispielsweise hinter der Partnachklamm bei Garmisch-Partenkirchen errichtet. Tatsächlich stellt auch Thomas Bucher, Pressesprecher des Deutschen Alpenvereins, eine Zunahme von Steinmännchen in den letzten zehn bis 20 Jahren fest. 

Uraltes Navigationssystem

Doch was bedeuten die Figuren aus aufgeschichteten Steinen? Steckt etwa eine spirituelle Bedeutung hinter den steinernen Stapeln? Thomas Bucher erklärt, welchen ursprünglichen Sinn sie in Deutschland und vielen Regionen Europas haben: „Steinmännchen gibt es schon, seit es Bergsteiger gibt. Weniger begangene Pfade sind oftmals nur mit Steinmännchen markiert. Beispielsweise ist in den Pyrenäen diese Art der Markierung immer noch sehr üblich.“ Diesen wegweisenden Steinmännchen ist auch Pfarrer Dr. Markus Zink begegnet. Der Referent für Kunst und Kirche im Zentrum Verkündigung der EKHN berichtet: "Als begeisterter Bergwanderer und Kletterer sind mir solche Markierungen natürlich schon oft begegnet." Wie hilfreich die steinernen Wegweiser noch heute sind, beschreibt Nicola Rössert auf der EKHN-facebook-Seite: "Solche Steinmännchen haben uns zuletzt gut über einen Geheimweg durch den Bayerwald geführt."

Spirituelle Bedeutung in anderen Ländern

Aufgestapelte Steine lassen sich fast überall auf der Welt finden. In Norwegen gibt es aber die Vorstellung, dass sich mehr dahinter verbergen könnte: So mancher, der einen Stein auf ein Steinmännchen legt, will sich damit vor Trollen schützen. In Ländern wie der Mongolei gehören die kultische Steinhaufen (Owoos) zur Volksreligion. Sie sind um die zwei Meter hoch und in der Mitte sind meist blauen Tuchstreifen und Holzstöcken angebracht. Die Owoos gelten als Wohnstätte der Naturgötter. Dahinter steckt eine animistische Vorstellung, die davon ausgeht, dass Steine beseelst sein können. Laut Reiseführer werden sie drei Mal umrundet, auch ein Stein oder eine Münze solle abgelegt werden, um auf der weiteren Reise Glück zu erfahren. 
Davon unterscheiden sich allerdings die aktuellen Steinmännchen in Deutschland. "Sie haben hier nichts zu tun mit buddhistischen oder animistischen Vorstellungen", erklärt Pfarrer Markus Zink.   

Jüdisch-christliche Tradition: vom Steinhaufen zum steinernen Gotteshaus

Im Christentum gehen Gläubige davon aus, dass die Natur – also auch Steine - nicht von Geistern oder Göttern "bewohnt" sind. Deshalb werden Felsen und Steinbrocken auch nicht angebetet. Stattdessen glauben Christen, dass es einen einzigen Gott gibt, der auch Steine geschaffen hat. Wie auch die übrige Schöpfung gelten sie als eine Art „Fingerabdruck Gottes“. 

Tatsächlich berichten die Verfasser der Bibel über die Errichtung von Steinhaufen – beispielsweise als Symbol des Bundes, den Laban mit Jakob schließt. Jakob ist einer der Stammväter Israels. „Da nahm Jakob einen Stein und richtete ihn auf  zu einem Steinmal und sprach zu seinen Brüdern: Lest Steine auf! Und sie nahmen Steine und machten davon einen Haufen und aßen daselbst auf dem Steinhaufen.“ (1. Mose 31,45) Später errichtet Jakob einen weiteren, nachdem ihm Gott im Traum Beistand und eine reiche Nachkommenschaft versprochen hat. Im 1. Buch Mose, Vers 22 heißt es: „Und dieser Stein, den ich aufgerichtet habe zu einem Steinmal, soll ein Gotteshaus werden.“ 

In der Bibel wird über die unterschiedlichste Verwendung von Steinen berichtet – als Werkzeug, als Tötungsinstrument, als Sitzgelegenheit, als Verzierung, als Altar, als Opferstätte und als Andenken. Eine besondere Funktion erhält Stein als Material für die Gesetzestafeln, auf denen die zehn Gebote Gottes festgehalten sind. Auch sie symbolisieren den Bund Gottes mit den Israeliten, gehören aber auch zu den zentralen Glaubensinhalten im Christentum. Im Neuen Testament ist es ein Grabstein, über den die Evangelisten berichten. Am Ostermorgen kommen die Frauen zum Grab Jesu: „Und sie sahen hin und wurden gewahr, dass der Stein weggewälzt war; denn er war sehr groß.“ (Mk15,4) Damit ist der weggerollte Stein das erste Zeichen, das die Auferstehung Jesu signalisiert. 

Steinmännchen und die Kunstform "Land Art"

Die Bedeutung der gegenwärtig zunehmend weit verbreiteten Steinmännchen in Deutschland scheint jedoch größtenteils weltlicher Natur zu sein. Thomas Bucher erklärt den Trend: „Da hat einer mal angefangen und andere machen weiter. Wenn eine kritische Masse überwunden ist, läuft das von selber. Ich kenne keine Orte, wo das eine tiefere Bewandnis hätte.“  Bucher deutet an, dass sich die Steinmännchen zu einer Art populärer Kunstform entwickelt haben. Sie können als eine Form der „Land Art“ gelten, bei der geographische Gegebenheiten kreativ umgestaltet werden. Das zunehmend häufige Vorkommen sieht er entspannt: „Als einfache Form der Land Art durchaus okay. Auch als schöne Familienbeschäftigung mit Kindern.“   

Meditation und Balance

Ganz ähnlich sieht das auch Pfarrer Zink; er ist bereits selbst aktiv geworden: "Steinmännchen baue ich selbst gerne, aber dann nicht als Wegmarkierung, sondern tatsächlich als `Land Art´– meistens an Flussläufen." Dabei wundere er sich, "wie das hält, was ich da aufstapele." Das Spirituelle daran sei gewissermaßen die kreative Aktion selbst, die Konzentration beim Aufbau, die aufmerksame Gedankenleere. "Das hat etwas Meditatives", so Markus Zink.
Pfarrerin Dorothea Hillingshäuser ist als Referentin für Geistliches Leben im Zentrum Verkündigung der EKHN auch für den Bereich „Pilgern“ zuständig. Für spirituellen Zeichen und Symbole am Wegesrand hat sie ein offenes Auge. Mit dem Aufstapeln von Steinen hat sie aber ganz eigene Erfahrungen gemacht; in einer  Kinästhetik-Fortbildung hat sie mit Steinen experimentiert. Dabei hatten die Teilnehmenden ihre Bewegungsempfinden genauer erforscht. Pfarrerin Hillingshäuser berichtet: „Es ging darum, wie viele Steine wir übereinander schichten können, ohne dass sie herunterfallen.“ Die Steine hätten den Teilnehmenden  etwas von dem Ausbalancieren verdeutlicht. „Es war faszinierend, wie das Gefühl die Steine in ein Gleichgewicht zu bringen zu können, sich auch auf das eigene Körpergefühl übertragen und bis in Bewegungen hinein gewirkt hat“, erzählt sie. 

Mögliche Auswirkungen auf die Natur

Auf GEO-Online gilt der Trend als „schöner Zeitvertreib“ sowie als Dokumentation, an diesem Ort gewesen zu sein. Kritisiert wird, dass die „trivialisierte, touristische Variante“ nicht mehr der Orientierung diene, sondern sogar in die Irre führen könne, wenn die Steinmännchen von unsicheren Wanderern falsch platziert würden. Außerdem könne das Aufstellen der Steinmännchen dem Ökosystem schaden, da Steine beispielsweise Strandsand befestigten sowie den Wurzelbereich der Pflanzen vor Sonneneinstrahlung schützten. Wenn durch den fehlenden Schutz die Pflanzen verkümmerten, fehle Tieren wie Eidechsen die Nahrungsgrundlage. Darauf hätten Forscher der Universität von La Laguna auf Teneriffa verwiesen. 
Thomas Bucher vom Alpenverein hingegen schätzt die negativen Folgen für die Umwelt in den Alpen eher als gering ein.

Bildstöcke können spirituelle Zugänge eröffnen

"Spirituell im eigentlichen Sinne finde ich die Bildstöcke an Gebirgspässen und Wegabzweigungen", berichtet Pfarrer Markus Zink. Das seien kleine Kästchen mit einem Heiligenbildnis. Dabei hat der gläubige Protestant seinen persönlichen Zugang zu katholischen Glaubenstradition gefunden. Er erzählt: "Mit dem Heiligen Bernhard habe ich auch schon mal gebetet, als ich mich in einem Schneesturm verstiegen hatte. Also: Ich habe nicht zu ihm gebetet, was eher der katholischen Tradition entspräche, sondern in seiner Gesellschaft. Das hat geholfen!" Markus Zink kam nach einigen heiklen Situationen heil an. 

Religiöse Impulse an Pilgerwegen

Ganz konkrete Hinweise zu religiösen Zugängen bieten auch Tafeln mit Gebeten oder Impulsen an Pilgerwegen, wie beispielsweise am Laurentiusweg im Taunus. „Sie regen dazu an, den Pilgerweg als Wege der inneren Einkehr oder Meditation zu gestalten“, erklärt Pfarrerin Hillingshäuser. Gerade für Menschen, die alleine pilgerten, könne es eine Unterstützung sein, nicht alles aus sich selbst schöpfen zu müssen. Sie erklärt: „Es sind Impulse von außen, mit denen jede Pilgerin und jeder Pilger frei umgehen kann, so wie sie oder er es gerade braucht. Letzten Endes tragen die Tafeln dazu bei, dass Menschen Gott begegnen, in sehr vielfältiger Weise.“ 

Am Gipfelkreuz

Unter freiem Himmel kann es die Ankunft am Gipfelkreuz sein, die Pfarrerin Hillingshäuser als bewegend empfindet: „Je nach Aufstieg und Mühe ist es ein großartiges Gefühl von Angekommen sein, Weite, Ausblick, Verbundenheit mit der Natur und Gott, die das alles geschaffen hat.“ An manchen Orten erlebe sie auch das Gefühl der Verbundenheit zu denen, die schon da waren und noch kommen werden. 

Kunst-Referent Zink stand schon oft an einem Gipfelkreuz und hat entdeckt: "Auf dem Gipfel des Plattkofel in den Dolomiten sieht man Zettel im Kreuzgerüst. Es ist wie eine Art Gebetsanliegen-Buch." Manche schrieben nur „ich war hier“, andere hefteten ein Gebet oder einen Segenswunsch für andere Wanderer an. Über seine eigene Praxis berichtet Pfarrer Zink: "Wenn ich an einem Gipfelkreuz bin, berühre ich es und bete im Stillen. Nach ein paar unangenehmen Überraschungen im Hochgebirge weiß ich, dass es nicht selbstverständlich ist, heil hoch und wieder herunter zu kommen." Die Gefahren in den Alpen kennt er aus eigener Erfahrung: "Eines Morgens hatten wir einmal zwei Erfrorene gefunden."
Thomas Bucher vom Alpenverein bezeichnet sich zwar selbst nicht als religiös, dennoch hat auch er ein persönliches Ritual entwickelt: „Wenn ich am Gipfel ankomme, muss ich immer erst das Kreuz berühren.“ Für ihn gehört das Gipfelkreuz zur „selbstverständlichen Möblierung der Gipfel in den Alpen“. Aber auch in Hessen und Rheinland-Pfalz markieren Kreuze die Erhebungen: Auf dem Feldberg im Taunus steht seit 2011 ein Gipfelkreuz, auf dem Kapellenberg in Rheinhessen wurde eines im März 2009 aufgestellt. Ein Gipfel mit Gipfelkreuz gilt nicht automatisch als religiöser Ort, das Kreuz ist für viele Wanderer zunächst der Hinweis auf den höchsten Punkt. Das bestätigt auch Markus Zink: "Gipfelkreuze bedeuten für viele wohl nur: Hier ist oben." Allerdings gilt das Kreuz als christliches Symbol. Ab dem 13. Jahrhundert wurden Kreuze als Grenzmarkierungen zwischen Almen und Gemeinden aufgestellt, andere markierten die höchste Stelle von Erhebungen. Im 17. Jahrhundert rückte dann die religiöse Bedeutung weiter in den Vordergrund.

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Bereitet dem HERRN den Weg; denn siehe, der HERR kommt gewaltig.

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