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Stimmt das überhaupt, was in der Bibel steht? Erkenntnisse der Wissenschaft zeigen, dass Gott den biblischen Verfassern die Worte wahrscheinlich nicht diktiert hat. Tatsächlich erzählen Menschen darin ihre Erfahrungen mit Gott und ihrem Glauben. Aber es gibt Hinweise, mit denen Leser:innen dem Wort Gottes auf die Spur kommen können.  

Die Bibel ist ein außergewöhnliches Buch. Sie unterscheidet sich von anderen literarischen Werken, weil sie als heilige Schrift gilt. Sie wird auch „Gottes Wort“ genannt. Heutige wissenschaftlich ausgebildete Theolog:innen verstehen darunter: Vor Jahrtausenden haben verschiedenen Menschen weitererzählt, wie sie das Wirken Gottes in ihrem Leben erlebt haben. Diese Geschichten wurden aufgeschrieben und in der Bibel gesammelt. Von den Überlieferungen können wir auch jetzt berührt werden und neue Perspektiven für unser Leben erhalten – denn Fragen zu Familie, Liebe, Leid, Frieden, Vergebung und Lebenssinn beschäftigen uns auch heute.
Viele evangelische und katholische Theolog:innen halten aber die Vorstellung für ein Missverständnis, dass Gott den biblischen Verfassern seine Botschaften direkt ins Ohr geflüstert hat und sie unmittelbar seine Worte aufgeschrieben haben (Verbalinspiration). Die Bibel ist auch kein historischer Tatsachenbericht.

„Gottes Wort“ – menschliche Erfahrungen mit Gott

Viele Christ:innen orientieren sich stattdessen an der Haltung des evangelischen Theologen Johann Salomo Semler. Seiner Auffassung nach enthalte die Bibel zwar das Wort Gottes, aber sie sei mit diesem nicht einfach gleichzusetzen. An der folgenden biblischen Geschichte wird deutlich, wie sich das „Gottes Wort“ verstehen lässt:

Der Verfasser des ersten Samuelbuches im Alten Testament der Bibel berichtet, wie David bereits vor dem Kampf gegen Goliat fühlte, dass Gott ihn dabei unterstützen wird. Der nur mit einer Steinschleuder ausgerüstete David besiegt tatsächlich den erfahrenen und besser ausgerüsteten Krieger.

Die Erzählung zeigt, wie Menschen in biblischen Zeiten in Geschichten ihre Erfahrung festgehalten haben, wenn sie spürten, dass Gott ihr Leben berührt. Die alten biblischen Berichte sind Zeugen für etwas, das sich menschlichem Begreifen entzieht: Den Glauben an einen lebendigen Gott, der mit den Menschen und dieser Welt durch ihre Geschichte geht.

1. Hinweis: Wie reagiert mein Innerstes beim Lesen auf eine bestimmte Bibelstelle?

Die biblischen Geschichten entfalten erst dann ihre Wirkung als „Wort Gottes“, wenn sie der Leserin oder dem Leser begegnen. Allerdings kann es vorkommen, dass nicht jede Erzählung uns berührt. Es ist aber möglich, dass in einem unerwarteten Moment für den Bibelleser ein bestimmter Vers als Antwort auf seine persönliche Lebensfrage aufleuchtet. Diese Erfahrung machte beispielsweise der Reformator Martin Luther. Den Mönch trieb die Frage umher, wie er trotz seiner Schwächen und Verfehlungen vor der Strafe Gottes bewahrt werden kann. Im Brief des Paulus an die Römer (Kapitel 1, Vers 17) findet Luther, wonach er sucht: „Denn im Evangelium wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche aus dem Glauben kommt.“ Er erkennt: Durch eigene Leistung und Anstrengung erhält der Mensch nicht die Gnade Gottes, sondern sie ist ein Geschenk. Allein durch den Glauben ist der Mensch bereit, sie zu empfangen.
Diese Bibelstelle war die Initialzündung für Luthers Rechtfertigungslehre, mit der er schließlich die Reformation ins Rollen brachte.

2. Hinweis: Was würde Jesus zu dieser Bibelstelle sagen?

Wie können die biblischen Geschichten ein Maßstab für unser Leben sein? Auch Martin Luther fühlte sich erdrückt von der Fülle der - teilweise gegensätzlichen - Aussagen der Bibel. Er macht das, was zu Christus hinführt, zur Richtschnur aller Auslegung. Oder um es verständlicher nach Martin Niemöller, dem ersten Kirchenpräsidenten der EKHN, auszudrücken: Was würde Jesus dazu sagen? Die einzelne Bibelstelle sollte auf das biblische Gesamtzeugnis, den roten Faden, der die Bibel inhaltlich durchzieht, hin überprüft werden.

3. Hinweis: Wie passt die Bibelstelle zum Dreifachgebot der Liebe?

In der Praxis bedeutet das für viele evangelische Christ:innen: Sie fragen sich, inwieweit sich in einer biblische Erzählung das Dreifachgebot der Liebe ausdrückt. Jesus verbindet darin die Gebote der Gottes-, Nächsten- und Selbstliebe aus dem Alten Testament: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt.´ Dies ist das höchste und erste Gebot. Das andere aber ist dem gleich: ´Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.´“ (Matthäus 22,37-39)

Nach dem Lesen einer biblischen Geschichte kann man sich also fragen:

  • Wie wird in der Geschichte die Liebe zu Gott gezeigt?
  • Wie wird die Liebe zu einem anderen Menschen gezeigt?
  • Wie zeigt eine der Personen die Liebe zu sich selbst?

Das Dreifachgebot der Liebe kann allerdings nicht nur für biblische Texte als Maßstab gelten, sondern auch für eigene Erfahrungen und Entscheidungen.

4. Hinweis: Was sagen wissenschaftliche Erkenntnisse zu der Bibelstelle?

Während der Aufklärung im 18. Jahrhundert hat die kritische Beschäftigung mit der Bibel der evangelische Theologe Johann Salomo Semler mit seinem Werk „Abhandlung von freier Untersuchung des Canon“ ins Rollen gebracht. Er sah die Bibel als ein von Menschen verfasstes Werk, das somit auch nicht frei von Irrtümern sei. „Gottes Wort“ bedeutet also nicht, dass die Inhalte der Bibel die absolute Wahrheit beanspruchen. Heute fließen in die Deutung biblischer Texte auch Erkenntnisse der Literatur-, Geschichtswissenschaft und Archäologie ein. Die Texte werden anhand der historisch-kritischen Methode analysiert – also auf sprachliche, literarische und geschichtliche Aspekte hin untersucht. So legen Analysen beispielsweise nahe, dass die Briefe an Timotheus im Neuen Testament wahrscheinlich nicht von Paulus stammen, sondern von einem unbekannten Verfasser.

Die Frage nach Jesu Leben und Wirken ist historisch eindeutig zu beantworten: Im Hinblick auf Jesus geht die Wissenschaft davon aus, dass er gelebt hat, getauft wurde und als Prediger unterwegs war. Viele seiner Worte werden ihm tatsächlich zugeschrieben, so beispielsweise das Vaterunser, die Bergpredigt, seine Aussagen über das Reich Gottes, das Dreifachgebot der Liebe und vieles mehr. Und es gibt ja auch verschiedene außerbiblische Erwähnungen eines Predigers, die auf Jesus zielen.
Insgesamt geht die Wissenschaft davon aus, dass die biblischen Erzähler:innen und Verfasser beeinflusst waren vom Wissenstand, den Umweltbedingungen, persönlichen Vorstellungen sowie den moralischen und kulturellen Prägungen der damaligen Zeit und ihrem jeweiligen Lebensumfeld, was sich in den biblischen Texten widerspiegelt. So widersprechen sich auch einige biblischen Aussagen, so wie sich Menschen widersprechen, die ihre Lebensgeschichten erzählen. Andere Texte sind später mit einer bestimmten Absicht gekürzt, umgeschrieben oder zusammengefasst worden.

Aber immer laden die biblischen Texte beim Lesen dazu ein, in sich hineinzuspüren, ob sie die Lebenswirklichkeit durchbrechen und eine andere Wirklichkeit durchscheinen lassen – auf Gott, der dieses Leben und diese Welt trägt.
So kommt in der Bibel für die Lesenden das Wort Gottes zum Ausdruck, wenn es, wie oben beschrieben, mit dem eigenen Leben, den zentralen Aussagen der Bibel und der Umwelt, in der die biblischen Texte abgefasst wurden in Beziehung gesetzt wird.

[J. Schmidt, RH, L. Neumeier]

Quellen: Echt, Konrad Schmidt: Die Bibel, Gerd Theißen: Das Neue Testament

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Es geht darum, die Menschen zu werden,
die wir in Gottes Augen sind.
Und es geht darum, das zu leben,
was wir in Gottes Augen sind!

(Volker Jung)

Volker Jung

Bild: Mit freundlicher Genehmigung von Quelle: gettyimages, stockam

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