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Glaubenskrieger und Scheiterhaufen

Die Bibel wurde missbraucht

Die einzelne Bibel ist bedrucktes Papier. Sie kann gebraucht, aber auch missbraucht werden. Ein kurzer Gang durch eine - kaum rühmliche - Geschichte.

Harmlos nannten sie sich Kreuzfahrer. Aber in der Schlacht schrien sie: „Gott will es!“, und metzelten nieder, was sich ihnen in den Weg stellte. Wenn sie eine Stadt eroberten, dann verschonten sie auch Frauen und Kinder nicht. Vor rund 1.000 Jahren waren sie aus Europa aufgebrochen, zusammengewürfelte Heerhaufen, manche von ihnen noch Kinder, angetrieben von fanatischen Predigern. Ihr Ziel: Das Heilige Land von den „Ungläubigen“ zu befreien. Dahinter standen politische und wirtschaftliche Pläne der Mächtigen - wie immer, wenn Glaube zum Vorwand von Machtpolitik wird. Aber die Kreuzfahrer wähnten sich auf der Seite Gottes und die Prediger verkündeten allerlei Bibelworte von der Rache Gottes und vom Sieg des Lichtes über die Finsternis.

Lizenz zum Töten

Man muss nur auf der Seite des Guten stehen und alles wird gut. Der richtige Glaube darf das Böse mit allen Mitteln bekämpfen. Das ist der Stoff, aus dem nicht nur die Kreuzzüge waren, sondern auch Vernichtungsfeldzüge, Hexenverbrennungen und Konfessionskriege. Hollywoods Western-Spektakel, Kriegs-Epen und Weltraum-Sagas lassen grüßen. Gott steht dann auf der Seite der Guten, und wer sich auf Gott beruft, ist gut und im Recht, auch wenn er tötet. Der amerikanische Präsident George W. Bush hat bei der Vorbereitung des Irak-Krieges 2003 gezeigt, wie das funktioniert. In ihrer Geschichte sind Christen dieser verführerischen Denkweise immer wieder erlegen. Die Bibel schien ihnen die nötigen Begründungen zu liefern. Es waren finstere Zeiten.

Ich gut, du böse

Dualismus nennt die Theologie jenes Denken, das die Welt scharf in zwei Lager teilt: Licht und Schatten, schwarz und weiß, richtig und falsch, böse und gut. Nicht zu bestreiten: Viele Stellen in der Bibel liefern dafür vordergründig Argumente. Die Juden verstanden sich als erwähltes Volk Gottes und glaubten, in seinem Namen gerechte Kriege führen zu können. Viel Zeit hatten sie dazu allerdings nicht. Schon bald mussten sie unter fremden Besatzern leben, und 70 n. Chr. wurde ihr Staat von den Römern förmlich ausradiert. Heilige Kriege gab es von da an bestenfalls noch in Weissagungen und Träumen.
Dagegen mussten die Christen „nur“ rund 300 Jahre an Verfolgung überstehen. Dann wurde ihr Glaube im römischen Reich Staatsreligion, und es begannen eineinhalb Jahrtausende enger Verbindung zwischen Kirche und Staatsmacht. Vergessen, dass Jesus einst das Gegenteil gesagt hatte: „Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser zusteht, und Gott, was Gott zusteht!“ (Markusevangelium Kapitel 12, Vers 17) Bei den Römern waren Kaiser und Gott sozusagen das Gleiche gewesen. Jesus hatte einen klaren Unterschied gemacht, der ihn am Ende das Leben kostete. Aber in der Staatskirche war man im Zweifel eher römisch als christlich.

„Teufelshuren“ dringend gesucht

Und wenn das Böse nicht ein äußerer Feind ist, sondern sich im eigenen Haus verbirgt? Seuchen, Kometen, Fehlgeburten, Viehsterben, Missernten - zahllos waren die Gründe, die im Mittelalter 500 Jahre lang zu Hexenverfolgungen führten. Man berief sich auf Jesus, der nach dem Glauben seiner Zeit in bestimmten Krankheiten böse Geister gesehen und sie ausgetrieben hatte. Nur: Jesus hatte die Menschen geheilt. Die Kirche aber suchte begierig nach vom Teufel besessenen Hexen als der Ursache allen Übels und folterte und tötete Millionen auf bestialische Weise.

Beschuldigt wurden fast immer ärmere Frauen, die sich weder wehren noch verteidigen konnten. Auch der Reformator Martin Luther hatte nichts dagegen einzuwenden, wie man mit den „Teufelshuren“ verfuhr. Erst Ende des 18. Jahrhunderts erloschen die Scheiterhaufen in Europa.

„Allerchristlichste“ Kriege

Nach der Reformation spaltete sich Europa in verschiedene Lager, die nur vordergründig evangelisch oder katholisch waren. In Wahrheit ging es wieder um die Macht, 150 Jahre lang. Die Majestäten dieser Zeit nannten sich „allerchristlichst“ und sie setzten alles daran, ihre Gegner brutalstmöglich zu vernichten.
Erst mit dem Ende des Dreißigjährigen Krieges 1648 ließ das millionenfache Morden nach. Von da an bekriegten sich nur noch Nationalstaaten, keine Konfessionen mehr. Fast. Bis 1968 der blutige Nordirland-Konflikt zwischen Protestanten und Katholiken ausbrach. Die Konfession war zwar nur sichtbares Zeichen tiefer sozialer Ungerechtigkeit und scharfer politischer Interessen. Wahr ist aber auch: Lange Zeit wurde der Kampf in Gottesdiensten und mit Predigten vorbereitet und geschürt. Hunderte verloren danach ihr Leben.

Die Bibel: Argumente nach Bedarf?

Die Schriften der Bibel kennen alle Farben des Lebens. Nichts Menschliches ist ihnen fremd, weder Hass noch Gier, noch Rache. Sie spiegeln das Leben, wie es ist. Wie aber verlaufen jene großen Linien, der Geist, der alles verbindet? Da ist nur wenig von jenem unheilvollen Dualismus zu finden, der Teile der Geschichte zu einer menschlichen Hölle gemacht hat. Nicht der Unterschied zwischen guten und bösen Menschen ist das Thema, sondern der unendliche Unterschied zwischen Mensch und Gott. Denn das wissen alle biblischen Zeugen: Nichts kann der Mensch tun, um dem Schöpfer allen Lebens aus eigener Kraft gerecht zu werden. Nichts, außer seine leeren Hände auszustrecken und auf die Gnade Gottes zu vertrauen. Christen nennen das: den Geist Jesu. Ein wenig mehr von diesem Geist wäre der Geschichte der Kirche gut bekommen. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat sie wieder mehr davon zu entdecken begonnen. Wie viel, wird sich zeigen.

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Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.

Lukas 19, 10

Bild: Mit freundlicher Genehmigung von iStockphoto/Indars Grasbergs

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