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Religion und Gewalt

Künstler: unbek., Foto: istockphoto, Roger de MontfortSt. PaulErst ab dem Mittelalter wurde Paulus mit dem Schwert, als Zeichen seines Martyriums dargestellt; möglicherweise ist während der Christenverfolgung unter dem römischen Kaiser Nero hingerichtet worden

Fanatiker meinen, im Namen ihrer Religion töten zu dürfen, und setzen ihren Wahn mörderisch in die Tat um. Gläubige, unabhängig welcher Religion, müssen sich fragen: Wie hält es meine Religion und mein Heiliges Buch mit der Gewalt? Und was tragen sie zum Frieden bei?

Muslime sind in Zeiten des Terrors besonders mit Kritik konfrontiert: Warum berufen sich so viele Attentäter auf den Islam? Ohne Religion wäre die Welt friedlicher, behaupten die, denen Glaube generell schon immer suspekt war. Der Monotheismus, also der Glaube an nur einen Gott, sei an der Gewalt im Namen der Religion schuld. So die These des Kulturforschers Jan Assmann. Wer nur an einen Gott glaubt, müsse mit aller Gewalt gegen jede andere Religion vorgehen. Doch auch Menschen, die zu vielen Göttern beten oder aufs Nirwana hoffen, haben im Namen ihrer Religion Kriege geführt. Und auch die atheistischen Verfechter von „Religion ist Opium fürs Volk“ gingen brutal gegen ihre Gegner vor.

Gewalt und Barmherzigkeit – beides wird in der Bibel erwähnt

Am besten, man fängt mit der Kritik bei sich selbst und der eigenen Überzeugung an. Für Christen heißt das also: Welche Rolle spielt Gewalt in der Bibel? Tief sitzt das uralte Vorurteil, das Alte Testament stehe für einen Rache-Gott, der drakonische Strafen verhänge und zum Krieg aufrufe. Das Neue Testament hingegen offenbare den Gott der Liebe und des Friedens. Diese Einteilung ist ebenso falsch wie verhängnisvoll. Problematische Passagen zum Thema Gewalt finden sich im Neuen wie im Alten Testament. Ebenso sind beide Teile der Bibel von der Barmherzigkeit Gottes durchdrungen, die allen Menschen gilt. Die sogenannte christliche Nächstenliebe steht im Alten Testament.

Irritierende Bibelworte

Den »Friede-Fürst«, der Frieden ohne Ende bringt, verheißt das Prophetenbuch Jesaja (Jesaja 9,5). Die ersten Christen sahen diese Hoffnung in Jesus Christus erfüllt. Und tatsächlich überliefert der Evangelist Matthäus friedensstiftende Worte Jesu wie diese: „Wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar.“ (Matthäus 5,39) Doch Jesus sagt im Neuen Testament auch: »Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert.« (Matthäus 10,34-39) Jesus fügt hinzu: »Wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird's finden.« Religionsfanatiker könnten das als Aufruf missverstehen, das Schwert zu ergreifen, auch wenn sie dabei umkommen. Denn es winkt ihnen ja das ewige Leben.
Fundamentalisten missbrauchen die Heilige Schrift als Waffe gegen andere. Vernünftige, aufgeklärte Gläubige verstehen die Heilige Schrift als Quelle für ihren Glauben. Eine Quelle wird unbrauchbar, wenn sie einfriert oder zementiert wird. Eine Quelle muss fließen, soll sie den Durst nach Gott stillen.

Entstehung der Texte im Blick

Aus gutem theologischen Grund sprechen historisch-kritische Bibelwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler von »Quellenkritik«. Sie untersuchen, wann und wie ein biblischer Text entstanden ist, wie er von Generation zu Generation überliefert und dabei verändert wurde. Das relativiert nicht die Bibel. Im Gegenteil, es erschließt die Vielfalt der Erfahrungen mit Gott, die Menschen gemacht und über Jahrtausende festgehalten haben.

Unglückliches Symbol für eigene Wirksamkeit

Das Buch Josua zum Beispiel schildert, dass die Israeliten Krieg im Namen Gottes geführt und das Gelobte Land mit Gewalt erobert hätten. Archäologen aber haben herausgefunden: Es hat keine kriegerische Landnahme gegeben. Die Stämme Israels wurden in einem friedlichen Prozess über einen längeren Zeitraum hinweg im Land sesshaft.
Warum erzählt das Buch Josua es anders? Als es im Nachhinein geschrieben wurde, war das biblische Israel Spielball der damaligen Großmächte. Man träumte von militärischer Stärke in einer siegreichen Vergangenheit. Es bleibt der Stein des Anstoßes, dass Gewalt hier theologisch verherrlicht wird.

Die leise Stimme Gottes findet Gehör

Die historisch-kritische Wissenschaft entbindet die Angehörigen gleich welcher Religion nicht davon, selbst Position zu beziehen, sagt Jan Christian Gertz, evangelischer Professor für Altes Testament in Heidelberg.
Frank Crüsemann, emeritierter Alttestamentler aus Bielefeld, beschreibt, wie in der Bibel Gewalt im Namen Gottes problematisiert wird. Im 1. Buch Könige erschlägt der Prophet Elia alle Priester des fremden Gottes Baal. »Nirgendwo steht geschrieben, dass Gott diesen Massenmord befohlen hätte«, sagt Crüsemann. Elia gerät darüber in eine innere Krise. Daraufhin lässt Gott einen Sturm an seinem Propheten vorbeiziehen. Dann kommt ein Erdbeben, schließlich ein Feuer. Doch Gott ist in keiner dieser Naturgewalten. Er zeigt sich in einem »stillen sanften Sausen«, heißt es in der Bibel. Damit wird die Geschichte der »leisen Stimme Gottes« begonnen, sagt Crüsemann.

»Das Einzige, das mich interessiert, ist: Wie reden die von Gott?«, beschreibt der Alttestamentler Frank Crüsemann, wie er die Bibel liest. Das schließt Kritik ein. Manche heilige Schrift könne man nur als »Mahnmal« verstehen, so sein Kollege Jan Christian Gertz. Als Mahnmal, wohin Gewalt führt.

[Pfarrer Martin Vorländer, Evangelische Sonntags-Zeitung]

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Christus spricht: Ich bin der gute Hirte. Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir; und ich gebe ihnen das ewige Leben.

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