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Theologie der virtuellen Gottesdienstpraxis in turbulenten Zeiten

Quelle: privatKonstanze KemnitzerProf. Konstanze Kemnitzer doziert über Praktische Theologie an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal/Bethel

Konstanze Kemnitzer ist Professorin für Praktische Theologie an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal/Bethel und hat sich einige Video-Gottesdienste angeschaut. Was  braucht es, damit die christliche Botschaft über das Internet die Herzen der Menschen in Zeiten von Corona erreicht? Ihre Gedanken hat die Theologin auf ekhn.de als Gastautorin veröffentlicht.

[Konstanze Kemnitzer] Mediale Gottesdienst- und Andachtskunst spielt seit der Mitte des vergangenen Jahrhunderts eine wachsende Rolle in der christlichen Kulturpraxis. Besonders in Krankenhäusern und diakonischen Einrichtungen spenden medial vermittelte Gottesdienste viel Trost, stabilisieren den Wochenrhythmus und heben für eine kleine Weile des Mitfeierns aus dem Alltag heraus. Corona gibt virtuellen Formen einen Schub.

Gerade schreibe ich an meiner Vorlesung zur Gottesdienstlehre, »Einführung in die Liturgik«. Forschungsprojekte über digitale Fürbitten und Gottesdienstformen im Streamingdienst laufen schon eine Weile an meinem Lehrstuhl. Mich berühren Fragen nach virtuellen Gottesdiensten und Andachten – weil Gottesdienste ein so wunderschönes Thema sind, in einem tiefen, philosophischen Sinn.

Das Thema ist nicht neu. Mediale Gottesdienst- und Andachtskunst spielt seit der Mitte des vergangenen Jahrhunderts eine wachsende Rolle in der christlichen Kulturpraxis. Besonders in Krankenhäusern und diakonischen Einrichtungen spenden medial vermittelte Gottesdienste viel Trost, stabilisieren den Wochenrhythmus und heben für eine kleine Weile des Mitfeierns aus dem Alltag heraus.

Kassettendienst schon lange auch in kleinen Gemeinden

Viele nehmen schon lange dankbar Aufnahmen von Sonntagsgottesdiensten an Betten von Altgewordenen und auch von Sterbenden mit. Schon vor Jahrzehnten gab es den Kassettendienst auch in kleinen Dorfgemeinden, mit der Weitergabe von Audioaufnahmen vom Gemeindegottesdienst gerade auch bei besonderen Anlässen, Kasualien, insbesondere auch bei Beerdigungen.

Angesichts der Corona-Krise gibt es Kinder-, Konfirmanden-, Jugendgottesdienste regional und deutschlandweit digital. Das vielfältige Andachtsangebot auf Youtube und in Streamingdiensten ist kaum zu überblicken. Mitmachaktionen wie das gemeinsame Singen des Liedes »Der Mond ist aufgegangen« sollen emotional und geistlich verbinden. Besonders die lokalen Übertragungen nehmen zu. So können Menschen »ihre« Kirche, »ihre« Pfarrerin, »ihren« Pfarrer, »ihren« Kirchenmusiker, »ihre« Kirchenmusikerin sehen und hören.

Digitale Medien können »Immersion«, das »Eintauchen in eine virtuelle Wirklichkeit«, nur erzeugen, wenn die Nutzerinnen und Nutzer mitspielen. Digitale Medien sind keine Verdopplung der Wirklichkeit – sondern eine – bei aller technischen Raffinesse – Verflachung und Verplattung des sonst so vielfältig Wahrnehmbaren.

Die Nutzerinnen und Nutzer rufen allerdings beim Eintauchen ihre bisherigen Sinneserfahrungen auf und speisen diese in den Bildwerdungsprozess mit ein – durch Konzentration ihrer Einbildungskraft. Das ermöglicht immersive Erfahrungen mit digitalen Übertragungen überhaupt erst. Und die Menschen sind in vielfältiger Weise bereit, sich darauf einzulassen.

Aber: Wer die Augen und Ohren schließt, wer die Aufmerksamkeit nicht konzentriert und die digitalen Bilder nicht in der eigenen Vorstellungskraft imaginativ auflädt, bleibt unberührt, schaltet weg und ab. Die Virtualisierung der Gottesdienstwelt steht darum wie jedes medial vermittelte Ereignis vor dieser Herausforderung, die Nutzenden zum Mitspielen einzuladen.

Die Gottesdiensttheorie der vergangenen Jahrzehnte forscht nach den Wahrnehmungsprozessen der Feiernden und nach dem Gemeinschaftsereignis. Niemand macht den Gottesdienst allein – alle, die mitfeiern, sind aktiv. Jede Imaginationskraft der Menschen, die feiern, ist elementar für das Ereignis Gottesdienst – jede Imaginationskraft der Beteiligten und die Imagination des Evangeliums selbst. Denn die biblischen Textwelten transportieren diese andere Wirklichkeit, in die alle Feiernden gemeinsam eintauchen, singend, betend, lauschend, schweigend, redend.

Die Verkündigung des Evangeliums ist erst dadurch lebendig, dass die Menschen mit ihrer inneren Vorstellungskraft in ihr Licht eintauchen. Gottesdienst ist ein imaginatives Wechselgeschehen. Martin Luther erklärte das so: »Dass unser Herr selbst mit uns rede und wir wiederum mit ihm reden durch unser Gebet und Lobgesang.« Das geschieht selbstverständlich auch in den digitalen Formen!

Digital ist es viel leichter als im realen Leben, abgelenkt zu werden, innerlich. Aber dann schalten die Menschen auch schnell äußerlich ab, machen zu und aus. Die digitale Gottesdienstpraxis zeigt noch mehr als der Alltag in realen Kirchen- und Andachtsräumen: Die Imagination des Evangeliums und die Gemeinschaft, die sie stiftet, ist ein flüchtiges, zittriges, sanftes, zerbrechliches und leicht zerstörbares Wehen des Heiligen Geistes. Im christlichen Gottesdienst haben sich Formen entwickelt, die helfen können, die Imagination des Evangeliums zu aktivieren und aktiv zu erleben. In den realen Kirchen- und Andachtsräumen hilft oft schon das Eintreten in die besondere Atmosphäre, um auch innerlich mit dem eigenen Bewusstsein auf die Imagination des Evangeliums zuzugehen und sich auf den inneren Raum des Erlebnisses einzulassen.

Derzeit sind besonders die schnell gemachten Andachten und Streamings so unmittelbar und fast »porentief nah«, dass Menschen am Bildschirm intuitiv zurückweichen. So nah war man dem Mund einer Predigerin oder eines Predigers womöglich noch nie! Das kann – gerade, wenn jetzt so vieles und so leicht mitgefilmt und übertragen wird, auch allzu privat und peinlich erscheinen. Die Konzentration auf die Imagination des Evangeliums wird davon womöglich erschwert.

Dagegen kann ein sanfter Schwenk des Objektivs von der Kirchentür zum Altar, ein langsames Zoomen auf die redende oder musizierende Person hin, ein vorsichtiges Fokussieren vom Schein einer Kerze zur geöffneten Bibel das Ankommen in der digitalen Feierwirklichkeit eines Gottesdienstes unterstützen. Mehr noch als alle Kamerabewegungen unterstützen die redenden, handelnden, sprechenden oder schweigenden Menschen das Geschehen.

Was aus dem Herzen kommt, überträgt sich intensiver

Es scheint paradox: Je mehr die Gottesdienstfeiernden, die digital senden, selbst mit ihrer persönlichen Vorstellungskraft aus der Alltagswelt in die Welt der biblischen Worte abtauchen, je mehr sie selbst vor ihren inneren Augen sehen und im Herzen bewegen, was für niemanden auf Erden sichtbar ist, sondern nur im Klang der Verkündigung für die Seele sichtbar wird – desto mehr überträgt sich dieses innere Schauen auch auf die, die an den Bildschirmen mitfeiern.

Ein Taizé-Video ging vor kurzem durchs Netz: Nach einigen einleitenden Worten drehen die fünf singenden Brüder den Betrachtenden konsequent den Rücken zu. Durch diese Bewegung, mit der sie sich vom Zuschauer abwenden, ziehen sie die Mitfeiernden an den Bildschirmen in die imaginative Gebetshaltung hinein. Das war die bisher für mich eindrucksvollste immersive Andachtsform im Internet!

Je digitaler und je virtueller, desto verletzlicher und flüchtiger. Aber gerade ihr ätherisches Wesen macht die Imagination des Evangeliums zu einer jederzeit und auch unter widrigsten Umständen ausstrahlenden Wirklichkeit. Wo einer oder eine nur anfängt und wieder liest aus dem alten und dem neuen Testament, aus den Psalmen und Liedern, mit neuen oder alten Klängen – die Imagination des Evangeliums kann sich im Bewusstsein der Nahen und der Fernen, der real oder digital Anwesenden entpacken« und als »Nachtblume des Glaubens auch noch im Dunklen grünen« (Jean Paul).

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Stand: April 2020

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Epheser 2,19

Bild: Mit freundlicher Genehmigung von gettyimages /nottomanv1

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