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Was steckt hinter den Heilungswundern Jesu?

istock, track5Vom Rollstuhl aufstehenDie Bibel erzählt davon, dass Jesus Lahme geheilt hat; was steckt dahinter?

Die Heilungswunder Jesu wirken märchenhaft. Haben sie vor dem Hintergrund naturwissenschaftlich geprägter Medizin überhaupt noch eine Bedeutung? Chefarzt Dr. Martin Grabe sagt: „Ich habe selbst erlebt, dass lahme Menschen aufgestanden sind und gehen konnten.“

Medikamente, Heilkräuter oder Operationen benötigte Jesus laut biblischer Überlieferung nicht, um Menschen zu heilen. Alle vier Evangelisten erzählen aber davon, dass Jesus Blinde, Gelähmte, Leprakranke und Besessene von ihrem Leiden befreit hat, manches Mal einfach durch Worte und Berührungen.
Haben diese überlieferten Geschichten vor dem Hintergrund einer naturwissenschaftlich geprägten Medizin überhaupt noch eine Bedeutung für den modernen Menschen? Sind sie nur symbolisch zu verstehen? Mit dieser Frage hat sich auch Dr. Martin Grabe auseinander gesetzt, er hat Medizin studiert und leitet heute als Chefarzt die Abteilung Psychotherapie und Psychosomatik der Klinik Hohe Mark des Deutschen Gemeinschafts-Diakonieverbandes in Oberursel/Taunus. Und er sagt: „Ich habe auf Psychosomatikstationen selbst erlebt, dass lahme Menschen aufgestanden sind und gehen konnten.“

privatDr. Martin GrabeChefarzt Dr. med. Martin Grabe, Leiter der Abteilung Psychotherapie und Psychosomatik in der Klinik Hohe Mark

Heilung und die Erkenntnisse moderner Psychosomatik

„Es gibt Überschneidungen zwischen den biblischen Heilungsgeschichten Jesu und den neuesten Erkenntnissen der Psychosomatik. Heute wissen wir, dass seelisches Empfinden und `knallharte´, körperliche Diagnosen eng zusammen hängen“, erklärt der Chefarzt.  So wirkten sich seelische Anspannungen auch auf das Immunsystem aus. Dr. Grabe erklärt: „In depressiven Phasen oder bei Stress ist das Immunsystem geschwächt und die Einfallstore für Krankheitserreger sind offen.“ Wenn es nach längeren Anspannungsphasen keine Entspannung gebe, führen dies oft zu erhöhtem Bluthochdruck mit seinen Folgeerscheinungen wie Arteriosklerose, Infarkten oder Schlaganfällen. Zudem beeinflussten psychische Vorgänge auch den Hypothalamus, einen Abschnitt im Zwischenhirn, und die Hirnanhangdrüse und damit die Ausschüttung von Hormonen. Weiterhin hätten die Erkenntnisse der Epigenetik gezeigt, dass manche Gene an- und abgeschaltet werden können, worauf erhebliche Veränderungen im Körper folgen könnten. Dr. Martin Grabe erklärt: „Ich gehe davon aus, dass viele Heilungswunder Jesu genau auf dieser Ebene passiert sind – allerdings durchaus nicht nur.“

Eine wahre Geschichte

Anhand von selbst erlebten Heilungserlebnissen auf einer psychosomatischen Station, die einer neurologischen Akutklinik angegliedert war, erzählt er, was er damit meint: „Angehörige hatten eine Patientin im Rollstuhl zu mir in die psychosomatische Station geschoben. Zuvor war die Frau intensiv untersucht worden, der Kollege hatte aber eine körperliche Ursache für ihre Beinlähmung nicht gefunden.“  Im Rahmen der psychosomatischen Behandlung konnte die Frau nach einer Woche wieder laufen. Martin Gabe erwähnt aber auch, dass Therapien oft eine längere Zeit in Anspruch nähmen. Und er erklärt, was die Ursache dafür ist, wenn Menschen ein solch gravierendes Symptom in so kurzer Zeit aufgeben könnten: „Die Patientin hatte auf unserer Station eine Atmosphäre erlebt, in der sie sich wertgeschätzt und angenommen fühlte, und in der ihre Probleme ernstgenommen wurden. Sie durfte ihre Konflikte und Lebensprobleme zeigen und wir sprachen ihr zu, dass man deshalb wirklich krank werden könnte." Verkürzt gesagt sei die Ursache für die Lähmung gewesen: Über einen langen Zeitraum hatten innere Konflikte und andere Personen die Frau seelisch so in die Enge getrieben, dass ihre Seele sich mit dem Symptom der Lähmung ausgedrückt habe und damit habe diese Frau sich das "Recht" erwirkt, nicht mehr zu funktionieren. Laut Grabe sei für Heilungen die eine gute, therapeutische Beziehung ein ganz entscheidendes Element.

Heilende und zerstörerische Beziehungen

Eine gute Beziehung zeichne sich dadurch aus, dass der Patient ernst genommen und gewürdigt werde - so wie er ist, mit seiner ganzen Geschichte. Grabe präzisiert: „Der Mensch wird auf gar keinen Fall belächelt. Sondern es sollte das Gefühl entstehen: Hier darf ich sein, wie ich bin. Ich erfahre Wertschätzung. Ich muss keine Begründung liefern, warum ich nicht mehr kann.“ Menschen, die fortgesetztes Mobbing am Arbeitsplatz erlebten oder durch lang andauernde Ehekonflikte oder Demütigungen durch zu pflegende Schwiegereltern betroffen seien, erlebten nach langer Zeit: „Hier ist endlich ein Mensch, der versteht: Diese Situation war und ist nicht mehr auszuhalten. Der mir zugesteht, dass meine Seele ihre Not durch vielleicht bizarre Symptome signalisiert hat.“

Von bösen Geistern, Dämonen – und zerstörerischen Leitsätzen

Laut biblischer Überlieferung hilft Jesus einigen Menschen auch, indem er böse Geister austreibt, dadurch heilt er zwei „Besessene“ (Matthäus 8,28). Tatsächlich zieht Chefarzt Martin Grabe auch hier eine Verbindung zu gegenwärtigen Krankheitsbildern. Er berichtet, dass auch in heutigen Krankheiten destruktive geistige Kräfte eine wesentliche Rolle spielen – auch wenn wir diese nicht mehr personhaft wahrnehmen. Er erklärt: „Manche Menschen bekommen von klein auf vermittelt: `Du schaffst das sowie so nicht.´ Und dieser Satz wirkt: Manche absolvieren eine Berufsausbildung weit unter ihren Möglichkeiten und scheitern dann trotzdem.“ Erst wenn die Betroffenen richtig wütend auf die eigentliche Ursache würden, grenzten sie sich von diesem negativen Leitsatz ab. Dann sei ein wichtiger Schritt getan, dass diese destruktive, geistige Macht aus ihrem Leben verschwinde.

Medizin und Glaube

Auch der evangelische Theologe Jürgen Roloff ging in seinem Buch „Jesus“ davon aus, dass es sich bei den Heilungswundern Jesu vorwiegend um psychosomatische Heilungen handele. Der Theologe erklärte: „Menschen werden von der lebensfeindlichen Macht einer Krankheit befreit.“ Allen Heilungsberichten sei gemeinsam, dass sich Jesus den Kranken persönlich zuwende. In persönlichen Begegnungen erscheine Jesus als derjenige, der den Kranken die Hilfe Gottes vermittelte. Auch Chefarzt Grabe geht davon aus, dass sich bei den Heilungen Jesu eine besondere Kraft zeigte. Für Glaubende sei Jesus wahrer Mensch, aber auch wahrer Gott und damit sei in seinem Handeln immer auch Göttliches wirksam gewesen. Auch wenn einige der Heilungsgeschichten recht gut mit heutiger Psychosomatik erklärt werden könnten, andere mit der klaren Abgrenzung von destruktiven geistigen Mächten in der heutigen Psychotherapie, so gebe es doch auch Heilungen, die nicht in diese Modelle passten. Die Wirksamkeit Jesu sei insgesamt ein Wunder, aber eben auch einzelne in den Evangelien berichtete Handlungen nur als göttliche Zeichen und Krafterweise zu verstehen. Allerdings sei deutlich, dass Jesus nie Wunder um der Wunder willen getan habe, sondern immer für einen Menschen und aus einer individuellen Beziehung zu einem Menschen heraus.

Theologie: Heilung als Zeichen des Reiches Gottes

Die theologische Deutung hat auch der ehemalige Professor für Neues Testament in Erlangen, Jürgen Roloff, in den Blick genommen. Indem Jesus heile, „ist die Gottesherrschaft schon in der Gegenwart als die alle Verhältnisse verwandelnde endzeitliche Macht wirksam.“ Wo Jesus, der Repräsentant der Gottesherrschaft, auftrete, sei die Gottesherrschaft mit ihrer verändernden Kraft schon am Werk.

Jesus war kein Arzt

Dr. Grabe greift diesen Gedanken auf und bezieht sich zunächst auf den Satz Jesu zu einem Gelähmten: „Sei getrost, mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben“ (Matthäus 9,2). Nach einer anschließenden Diskussion mit den Schriftgelehrten stand der Mann auf und ging heim. Martin Grabe erklärt: „In diesem Satz schwingt die Ebene der Ewigkeit mit. Hier vermittelt Jesus, dass nichts Störendes mehr zwischen dem Kranken und Gott steht. Es ist das Angebot, die Beziehung zu Gott aufzunehmen, die über die Todesgrenze hinwegträgt. Damit eröffnet dieser Satz eine ganz neue Dimension.“ Martin Grabes Auffassung nach ging es Jesus um eine gesunde Seele. Und das bedeutete für Jesus, dass der Betroffene den Bick zu Gott hin öffnet, auf das Vertrauen zu ihm. Das bedeute aber auch umgekehrt, dass es Jesus nicht darum ging, eine allgemeingültige Heilmethode zu entwickeln, er lieferte auch keine Antwort auf medizinische Fragen. Jesus war kein Arzt.

Gefühl der Geborgenheit

Der Chefarzt geht davon aus, dass Jesus für eine gesunde Seele eine intakte Gottesbeziehung voraussetze. Dann zeige sich im Alltag, was mit dem Reich Gottes gemeint sei. Laut Martin Grabe sei dies ein Gefühl der Geborgenheit und die Gewissheit, dass „ich auf dieser Erde von Gott gewollt bin.“ Menschen, die das empfinden könnten, lebten in einem anderen Selbstgefühl, so der promovierte Mediziner. Sie machten sich weniger abhängig von der Meinung anderer.
Doch auch tief gläubige Menschen könnten aus dieser Geborgenheit gerissen werden, ja Jesus selbst hat im Garten Gethsemane tiefe Verzweiflung erlebt. „Jesus kennt die Schmerzen, die wir fühlen. Wir glauben dran, dass Jesus ganz Mensch und ganz Gott war. Wir glauben also an einen Gott, der uns ganz verstehen kann.“

Den einzelnen Menschen mit seiner persönlichen Geschichte im Blick

Laut dem evangelischen Theologen Jürgen Roloff werde allerdings in den Heilungsgeschichten deutlich, dass die Gottesherrschaft nur punktuell-zeichenhaft in dem, was an einzelnen Menschen geschehe, durchgesetzt sei. Auch diesen Gedanken teilt der Arzt. „Jesus hat nicht alle Menschen seiner Umgebung geheilt. Sondern er hat sich immer dem Einzelnen ganz persönlich zugewendet, er hat die Heilung ganz individuell vollzogen. Jesus hat diesen Menschen ein Zeichen gegeben, damit sie die Zuwendung und Liebe Gottes erkennen. Damit hat er diesem Menschen gezeigt: Du bist Gott nicht egal.“

Die Praxis

Doch was bedeutet Martin Grabes Glaube für den Klinikalltag? Müssen atheistisch geprägte Patienten etwa missionierende Gespräche erwarten? Schmunzelnd winkt er ab: „Hier wird niemand missioniert. Wir setzen fachgerecht die Erkenntnisse moderner Psychologie und Psychiatrie um. Die Psychotherapie kann Knoten lösen, den Blick weiten, neue Werkzeuge in die Hand geben, um das Leben besser anfassen zu können. Das ist wirklich viel." Allerdings gebe es auch Grenzen. Psychotherapie habe nicht die Aufgabe, zu erklären, warum ein Mensch auf der Welt ist, was seine Ziele sein könnten, worin sein Sinn liegt. So habe die Klinik Hohe Mark auch eine Seelsorgeabteilung, die parallel zur Therapie ein breit aufgestelltes sinnorierentiertes Angebot macht wie Einzelgespräche, thematische Gesprächskreise und kreative Gottesdienste. Martin Grabe erklärt: "Wir gönnen es jedem unserer Patientinnen und Patienten, während dieser besonderen Zeit der Therapie auch in Sinnfragen weiterzukommen und auf der Ebene der Spiritualität Geborgenheit zu finden."

Quelle: Jürgen Roloff: Jesus. München 2000

Klinik Hohe Mark

[Rita Deschner]

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Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.

Lukas 19, 10

Bild: Mit freundlicher Genehmigung von iStockphoto/Indars Grasbergs

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